(K)ein Alien? – Mein Studentinnen-Alltag in der Männerwelt Elektrotechnik (Teil 2)

Klar lieben auch Ingenieurinnen schicke Kleider - aber in uns steckt meist auch irgendwo ein kleiner Nerd.

Klar lieben auch Ingenieurinnen schicke Kleider – aber in uns steckt meist auch irgendwo ein kleiner Nerd.

Vor einer Weile habe ich euch bereits berichtet, wie ich mich als Frau in die Ingenieurwissenschaften verirrt habe. Der Weg dort hin war für mich relativ leicht, der Studienalltag aber erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig…

Ein wenig eingeschüchtert war ich am ersten Vorlesungstag schon, denn der Unterschied zu dem sprachlich geprägten Gymnasium mit hohem Frauenanteil, das ich vorher besucht hatte, war natürlich deutlich zu spüren – und zu sehen. Ich hatte von einem Bekannten, der bereits früher mit dem Studium angefangen hatte, vorher eine Warnung zum Thema Frauenmangel bekommen: „Wenn du dich im Hörsaal umschaust, dann siehst du schon Leute mit langen Haaren – aber pass auf, die Hälfte davon sind keine Mädels, sondern Informatiker!“. Ähm ja. Ich tat das damals als Witz ab, aber irgendwie hatte er damit schon recht. Nach dem anfänglichen Schreck darüber, wie wenig 9,8% Frauen bei einer Jahrgangsgröße von etwas über 200 Studienanfängern tatsächlich sind, habe ich mich aber schnell daran gewöhnt. Und ich habe mich erstaunlich bald sehr wohl in meiner Umgebung gefühlt. Männer sind schließlich auch nur Menschen 😉

Aller Anfang ist schwer…

Das alles soll natürlich nicht heißen, dass man als Studentin in einem Männerstudiengang nicht ab und an ungewöhnliche Erlebnisse hat. Das will ich ja gar nicht bestreiten. Sehr gut hätte ich beispielsweise auf den einen oder anderen dummen Spruch von Kommilitonen verzichten können – wie damals in Mathe im 2. Semester, als ich nach der Gruppenübung eine Nachricht im damals noch genutzten Studi-VZ bekam: „Hey! Rechne doch öfter mal Aufgaben an der Tafel in Shorts vor – dann konzentriert sich zwar keiner mehr, aber immerhin hat man einen scharfen Ausblick.“ Ähm ja, ab in den Papierkorb mit der Message. Umgekehrt habe ich auch erlebt, dass ich als Erstsemester versucht habe, meinen mir noch unbekannten Nebensitzer in der Physikvorlesung anzusprechen und der nur schüchtern „Hallo“ murmelte und sich offensichtlich nicht traute, mich dabei anzuschauen. Er wirkte, als wäre er gerade von einem Alien angesprochen worden und rückte lieber einen Platz nach links, weg von mir und hin zu den männlichen Kommilitonen (mit denen er dann zugegebenermaßen aber auch kein Wort gewechselt hat). Tja, offensichtlich hatten manche der Jungs noch nicht so ganz raus, wie man normal mit uns Mädels spricht.

Als einzige Studentin in einem Vorlesung zu sitzen - daran muss man sich erst gewöhnen. "Piled Higher and Deeper" by Jorge Cham www.phdcomics.com

Als einzige Studentin in einer Vorlesung zu sitzen – gewöhnungsbedürftig.
„Piled Higher and Deeper“ by Jorge Cham www.phdcomics.com

Generell war die oftmals rein männliche Gesellschaft anfangs schon ein wenig seltsam und manchmal fühlte ich mich tatsächlich, als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet. Gerade an den doch etwas derberen Humor meiner Kommilitonen musste ich mich erstmal gewöhnen – was mir aber nicht besonders schwer fiel. Ehrlich gesagt ist es mir so gut gelungen, dass ich schon mehrfach bei Treffen mit Freundinnen, die ich außerhalb der Uni kenne, leicht entsetzte Blicke geerntet habe, wenn mir mal ein Spruch rausgerutscht ist, der an der Uni definitiv für große Erheiterung gesorgt hätte – ups, so kanns gehen 😉

Das Positive überwiegt

Seltsame Erlebnisse hin oder her: ich bin davon überzeugt, dass das Leben als Studentin in einem Ingenieursstudiengang dann doch eher Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Ich würde beispielsweise behaupten, dass ich es über die Jahre schon ab und an leichter hatte, jemanden zu finden, der mir beispielsweise beim Lernen hilft. Oder die eine oder andere schwere Kiste für mich schleppt. Und obwohl ich persönlich Frauenquoten oder ähnliches oft etwas albern oder übertrieben finde, habe ich zugegebenermaßen manchmal davon profitiert, beispielsweise wenn Werbung für einen Studiengang oder ein Institut gemacht werden sollte. In solchen Fällen wird oft händeringend nach Studentinnen gesucht, die sich dafür an einer Maschine oder im Labor ablichten lassen. Es wirkt schließlich deutlich besser, wenn nicht nur Männer in Flyern etc. auftauchen – so habe ich schon den einen oder anderen Kinogutschein oder ähnliches als Aufwandsentschädigung einstecken können.

Das Dasein als Studentin unter vielen Männern hat sein Vor- und Nachteile... "Piled Higher and Deeper" by Jorge Cham www.phdcomics.com

Das Dasein als Studentin unter vielen Männern hat seine Vor- und Nachteile…
„Piled Higher and Deeper“ by Jorge Cham www.phdcomics.com

Auch bei der Arbeit in der Studierendenvertretung kann es manchmal von Vorteil sein, wenn man weiblich ist. Will man z.B. für ein Amt gewählt werden, dann hat man in Vaihingen schon einen ordentlichen Frauenbonus… Und, was natürlich auch nicht zu leugnen ist: es tut dem Ego schon sehr gut, dass man dann doch öfter mal das eine oder andere Kompliment bekommt.  Außerdem ist es auch ganz angenehm, wenn man gemeinsam isst und sich niemand beim Bestellen erstmal ne halbe Stunde lang Gedanken darum macht, ob er sich den Bacon-Cheeseburger jetzt gönnen darf, oder doch lieber Diät halten sollte – naja, mit Ausnahme von mir selbst vielleicht. Mir würden noch unzählige weitere Beispiele einfallen, aber das würde irgendwann den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Keine Angst vor niedrigen Frauenqoten!

Auch Frauen können mit Lötkolben umgehen – auch wenn wir dabei nicht immer Platinen bestücken 😉

Ich geb es gerne zu: ich fühle mich pudelwohl in meiner Rolle als „Alien“. Und ich möchte all denjenigen Schülerinnen Mut machen, die mit dem Gedanken spielen, ein Ingenieursstudium zu beginnen, aber Angst davor haben, dass die Frauenquote so gering ist. Ganz egal, was andere darüber denken: Traut euch! Solange euch das Studium interessiert und Spaß macht, solltet ihr euch nicht davon abbringen lassen. Ihr werdet im Studiengang vielleicht nicht unbedingt die neue beste Freundin finden, aber das macht nichts. Ich würde meine Jungs nicht eintauschen wollen. Und es ist ja auch nicht so, dass gar keine anderen Studentinnen existieren. Ich habe in meiner Studienzeit definitiv auch tolle Mädels kennengelernt und das schöne daran ist: wir sitzen alle im gleichen (von Männern dominierten) Boot und halten deshalb gern mal gegen die Herren zusammen 😉 Besonders dann, wenn die uns Frauen mal wieder nicht verstehen – z.B. wenn man die Lötkolben im Studentenlabor „missbraucht“, um Weihnachtsdeko zu basteln.

Meine Sicht auf das Studium ist übrigens keine weibliche Einzelmeinung. Meine Fachschafts-Kollegin Andrea beispielsweise schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit, hat also auch schon 6 Semester in der Männerwelt Elektrotechnik hinter sich, und hat mir nach Veröffentlichung des ersten Teils meines Artikels bestätigt, dass sie dem Inhalt hundertprozentig zustimmen kann. Lästern und tratschen können die Herren der Schöpfung übrigens mindestens genauso gut, wie wir Frauen – es gibt aber weniger Zickenkriege, vieles läuft dadurch einfach entspannter ab. Und es ist zwar ein Stück weit ein Klischee, aber wer weiß: vielleicht geht es euch auch wie mir und ihr trefft unter den vielen, vielen männlichen Kommilitonen tatsächlich einen, mit dem euch deutlich mehr als nur Freundschaft verbindet…

 

Annika

 

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