2. Prüfungsversuch: Nicht bestanden

Der Bücherberg wird größer, die Angst immer unerträglicher.

Der Bücherberg wird größer, die Angst immer unerträglicher.

Es ist der Moment, wenn die Kommilitonin schreibt: „Die Ergebnisse des Zweitversuchs sind im LSF verbucht. Ich hab bestandeeeen! Und du?“ Dann werden die Hände feucht und zittrig, der Puls, der sich sonst nicht von der Couch bequemt, schmeißt auf einmal sogar im kleinen Zeh eine Abrissparty und der Kloß im Hals fühlt sich an wie eine Bowling Kugel. Vor lauter Aufregung tippt man zwei Mal fluchend das falsche Passwort des Studenten-Accounts ein. Und dann steht sie da: die Fünf. Auch das Aktualisieren der Seite bringt nichts. Sie bleibt da stehen. Einfach so. Und bringt die auf Skripten basierende Welt zum Einstürzen. Wie konnte das passieren?

Ich muss zugeben, das erste Semester meines Germanistik-Studiums habe ich nicht sonderlich ernst genommen. Ich hatte bis zum letzten Tag vor dem Semesterstart noch in einer Lokalredaktion gearbeitet und saß, ohne die Zeit, mich einmal umzuschauen, am darauffolgenden Morgen zwischen 300 anderen fragenden Gesichtern in einem Hörsaal, der so groß war, dass ich es kaum glauben konnte. Meine Begeisterung hielt jedoch nur eine Woche an, bis ich von jedem Dozent die Durchfallquote seines Kurses erfahren hatte. Ich nahm es jedoch auf die leichte Schulter: vor dem Abi hatte mir ja schließlich auch jeder Panik gemacht, welche sich im Endeffekt als relativ harmlos entpuppte. Außerdem solle man das Studentenleben doch genießen, hat Papa gesagt. Im Nachhinein betrachtet habe ich die meiste Zeit des ersten halben Jahres an der Uni Stuttgart damit verbracht, mich zurecht zu finden. Oder besser gesagt: mein Plätzchen an der Uni, in der „neuen Heimat“ und im Stuttgarter Nachtleben zu finden. Außerdem habe ich viel Zeit, die ich eigentlich zum Lernen gebraucht hätte, in die Arbeit in der Gastronomie investiert. Das Geld hat gestimmt, nur leider war es nicht möglich, mir damit gute Noten zu kaufen (nicht, dass ich es jemals versucht hätte!).

Prüfungsphase: Wird schon!

Als die letzten Wochen vor meinen ersten Prüfungen an der Uni anbrachen, nistete sich nach und nach ein unwohles Gefühl in meiner Magengegend ein. Ich wirkte dem entgegen, indem ich mir jeden Tag sagte: so schlimm wird es wahrscheinlich nicht und gar nichts wissen tust du ja schließlich auch nicht. Doch im Endeffekt war es genau so. Ich schrieb quasi völlig unvorbereitet meine Klausuren. Und bevor ich an dieser Stelle weiter schreibe, möchte ich all denjenigen, die ihre erste Prüfung noch vor sich haben, ans Herz legen: NICHT NACHMACHEN! Dieser Artikel dient in keiner Weise als Leitfaden, wie man mit minimalem Aufwand seine Prüfungen bestehen kann. Nachdem fürs Erste alles vorbei war, jonglierte ich jeden Tag in meinem Kopf mit den Punkten, die ich brauchte, um die Prüfungen zu bestehen. Ich traute mich nicht einmal nachzulesen, ob das, was ich fabriziert hatte, richtig war. Mit dem Schönreden kam ich genau bis zu dem Zeitpunkt, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden.

Versuch 1, Note 5

Fast alle Klausuren hatte ich gerade so bestanden, manche sogar besser, als ich für möglich gehalten hätte. Doch hinter dem Kurs, den ich am meisten verabscheut hatte, stand die dicke, fette und hässliche Fünf und forderte mich direkt auf, den ganzen Blätterstapel unter meinem Bett innerhalb von drei Wochen erneut durchzuarbeiten und dieses Mal besser zu verinnerlichen als beim ersten Versuch. Im ersten Moment fühlte ich einen Stich, doch nicht einmal die Fünf konnte meine Motivation in den Allerwertesten treten. Dass es beim zweiten Mal bestimmt klappt, dachte ich.

Von wegen!

Die letzte Möglichkeit, nicht aus dem Studium zu segeln: die mündliche Fortsetzungsprüfung.

Die letzte Möglichkeit, nicht aus dem Studium zu segeln: die mündliche Fortsetzungsprüfung.

Es reichte natürlich nicht. Und als ich mich dann heulend in die Arme meiner Kommilitonin, deren Zweitversuch eine hübsche 2,3 schmückte, warf, holte mich die Realität auf den Boden der Tatsachen zurück. Nun war klar: entweder ich konnte meine Professorin innerhalb von 15 Minuten mündlicher Prüfung davon überzeugen, dass ich dieses Studium wirklich wollte, oder ich durfte dem Briefträger meine Exmatrikulation aus der Hand reißen. Die Zeit bis zur mündlichen Prüfung endpuppte sich als ein schrecklicher Krimi. Auf der einen Seite versuchte ich alles Wissen aufzusaugen wie ein Staubsauger und auf der anderen Seite fragte ich mich nach jedem Absatz, den ich auswendig konnte: und wenn es trotzdem nicht reicht? Und jeden Tag stand ich morgens auf und wollte das ganze Studium gegen die Wand fahren. Auch der ursprünglichen Motivation, Germanistik zu studieren um später als Journalistin arbeiten zu können, streckte ich die Zunge heraus. Warum ich trotzdem weitergemacht habe, kann ich euch genau sagen: weil die Angst und Scham davor, aufzugeben, überwog. Mir einzugestehen, dass der Druck zu groß war, zählte nicht. Als ich schließlich mit zittriger Stimme vor meiner Professorin stand, war mein Kopf natürlich leer. Was ich ihr in den 15 Minuten erzählt habe, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Jedenfalls hat sie mich danach mit grimmigem Gesicht vor ihre Bürotür gesetzt und gesagt: „Wenn Sie nicht sofort etwas ändern, werden Sie ihr Studium nicht schaffen. Rausschmeißen werde ich Sie heute aber nicht, Sie bekommen eine letzte Chance.“

Allerhöchste Eisenbahn

Ich hatte es zwar geschafft, aber es fühlte sich alles trotzdem nur nach einem halben Erfolg an. Aber nun kannte ich das Gefühl, nur einen winzigen Schritt vor dem Rauswurf zu stehen. Ein Rauswurf, den ich hätte selbst tragen müssen. Ich habe das Gefühl am Kragen gepackt und weit von mir weggestoßen. Weil ich es nie wieder in meinen Kopf lassen wollte. Inzwischen  habe ich es bis ins vierte Semester geschafft. Und inzwischen macht mir mein Studium sogar Spaß. Sich zum Lernen zu motivieren ist zwar jedes Semester wieder aufs Neue eine Herausforderung, doch das Wissen, wie es sich anfühlt, um seinen Studienplatz mit letzter  Kraft kämpfen zu müssen, hält mich davon ab, erneut in eine solche Situation zu geraten. Denn inzwischen weiß ich auch: ich war nie zu blöd fürs Studieren, nur zu faul.

Erging es euch schon einmal ähnlich? Standet ihr ebenfalls vor einer solchen Situation? Und wie seid ihr damit umgegangen? Ich freue mich sehr über ehrliche Kommentare.

Elena

Hallo Welt! Mein Name ist Elena, 21 Jahre alt, Germanistik und Soziologie im vierten Semester. Vermutlich der klassische Fall von "geschrieben und fotografiert habe ich schon immer gerne." Ich liebe Spontanität, Streifenshirts, Obstsalat, manchmal den Tatort, Menschen, die nicht wissen, wie schön sie sind und verabscheue Zähneknirschen und Einbahnstraßen.

11 thoughts on “2. Prüfungsversuch: Nicht bestanden

  1. IrgendwasMitS sagt:

    Hey, ich bin im ersten Semester Medieninformatik und bin mitten in den Prüfungen. Meine erste Prüfung lief grauenvoll, dennoch hoffe ich auf ein „bestanden“. Am Montag habe ich meine 2te Prüfung und die wird grauenvoll… Physik pur. Ich versuche es mir beizubringen und habe auch um Hilfe in einer Lerngruppe gebeten, doch die anderen können nicht nachvollziehen, wie es ist etwas nicht zu verstehen. Ich musste bei 0 anfangen und das bedeutet auch, dass ich mehr tun müsste. Alles ist doch so trivial. Generell werde ich gerne als die „Blöde“ abgestempelt. Wenn ich dann doch etwas weiß, wird mir nicht geglaubt, bis man nicht selbst nachgeschaut hat, weil blöd und so. Ich liebe diesen Studiengang, aber wenn ich die Prüfungen verhaue, dann sollte ich mich lieber umsehen. Drückt mir die Daumen, ich drücke sie euch auch, was auch immer ihr heute tut.

  2. Katrin sagt:

    Hallo zusammen,
    ich weiß nicht, ob jemand diese Beiträge weiterhin liest, aber bin zufällig auf diese Seite gestoßen.
    Ich habe seit genau 3 Monaten Prüfungsphase und 2 Klausuren nicht bestanden. Eine habe ich heute nachgeschrieben – sie lief grottenschlecht, es kamen nicht gerade tolle Sachen dran und die Zeit war sehr knapp. Ich habe bislang sehr viel Mühe in diese Studium gesteckt und kann einfach nicht mehr. Jetzt bleibt nur abwarten. Einerseits weiß ich, dass ich durchgefallen bin, andererseits wünschte ich mir so sehr, dass ich irgendwie durchgekommen bin. Dieser Druck macht mich fertig. Bei Nichtbestehen müsste ich 1 Jahr darauf warten, um den 3. und letzten Versuch schreiben zu können. Studium ist für mich leider absolut nichts Schönes.

    1. Christina sagt:

      Natürlich wird das hier gelesen. Jeder, der studiert kennt den Druck von dem Du sprichst und es ist nicht immer leicht dem Stand zu halten. Es gibt auch Hilfsangebote seitens der Uni, die man als Studi oft nicht kennt oder sich nicht traut wahrzunehmen. Ist aber IMMER hilfreich. Falls Du an der Universität Stuttgart studierst, kann ich Dir nur empfehlen, Dich an Deinen Studienganglotsen zu wenden http://www.uni-stuttgart.de/studienlotsen/kontakt/

    2. Nadine sagt:

      Hey 🙂 Ich bin im 6. Semester meines BWL Studiums in Statistik durchgefallen. Im vorherigen Verlauf meines Studiums bin ich noch nie durchgefallen und als die Fünf dick und fett auf meinem Handydisplay stand, hat es sich angefühlt als ob mir jemand in den Magen geschlagen hätte. Ich habe mir auch bis zum Ende gewünscht gehabt zu bestehen – aber es hat einfach nicht gereicht. Ich befinde mich jetzt für ein halbes Jahr im Pflichtpraktikum und werde auch erst nächstes Semester wieder den ganzen Kurs von vorne machen können. Ich verstehe deshalb, dass es dich so belastet ein ganzes Jahr darauf warten zu müssen. Denn auch wenn ich jetzt gerade nicht aktiv mit dem Thema beschäftigt bin, belastet es mich hintergründig ununterbrochen. Man fühlt sich einfach wie ein Versager. Aber ich versuche mich immer damit zu trösten, dass es einfach dazu gehört. Dass jeder mal durchfällt und es am Ende des Tages einen selbst auch nur stärkt sowas mal mitgemacht zu haben. Und ich denke wenn wir in 10 Jahren auf diese Zeit zurück blicken schütteln wir den Kopf darüber, wie viel glückliche Lebenszeit wir uns selbst genommen und damit verbracht haben Angst zu haben. Du wirst das auf jeden Fall im nächsten Anlauf packen! Zu 100%! Trotzdem drücke ich die Daumen, dass es jetzt schon geklappt hat!

  3. Ziemlich verrueckter Beitrag, welchen Sie hier veroeffentlicht haben. Wissen Sie bereits, eine gute Loesung fuer die Problemstellung?

  4. Célina sagt:

    Genauso fühle ich mich gerade.
    Ich studiere im ersten Semester Germanistik und komme gerade von der zweiten Linguistik Klausur zurück.
    Ich weiß jetzt schon das ich diese nicht bestanden habe, anhand der Punkte. Im April kann ich sie nachschreiben, jedoch muss ich schon eine Seminarklausur im April nachschreiben. Zudem kommt noch, dass ich Montag eine weitere Klausur schreibe, die als DIE Druchfallklausur gewertet wird. Nun hab ich echt Angst, für die Montagsklausur hab ich noch nicht so viel gemacht, weil ich auch einfach mit dem Lernen von den anderen Klausuren beschäftigt war….
    Dieses Gefühl versagt zu haben und etwas nicht auf die Reihe bekommen haben (während man andere sieht, die es mit Leichtigkeit geschafft haben) ist einfach schrecklich :/
    Liebe Grüße Célina

  5. Daniel sagt:

    Vor einigen Jahren hatte ich auch das Gefühl miterlebt, das LSF aufzurufen, während der Puls langsam in unerträgliche Höhen steigt.
    Bei mir war es der Letztversuch in Mathe. Noch dramatischer für mich war jedoch, dass ich nur noch wenige Wochen bis zur Abgabe meiner Bachelorthesis hatte.
    Auf der Notenseite im LSF angekommen, konnte ich die kleine Textzeile kaum verdauen – „nicht bestanden“.
    Naja – dachte ich mir – die werden ja niemanden rausschmeissen, der eigentlich fertig ist. Heute weiß ich da mehr – Prüfungsordnung ist nun mal Gesetz, und so war knapp einen Monat vor meinem ersten akademischen Abschluss schon Feierabend.

    Die ersten Wochen waren wirklich schlimm. Alles, was man sich schon zurecht gelegt hatte, fiel langsam in sich zusammen. Ich stand damals vor der Frage: alles bleiben lassen oder irgendwie weiter machen?
    Mit etwas Hilfe von Studienberatern habe ich dann doch in ein verwandtes Fach gewechselt und stehe ein Mal mehr kurz vor einem Abschluss.

    Ich bereue es heute nicht, weiter gemacht zu haben! Dadurch, dass ich in einen ähnlichen Studiengang gewechselt habe, bin ich in der Fachthematik, aber auch menschlich gereift. Ich habe als Werkstudent bei einem großen Automobilhersteller auch schon Zuspruch in der Hinsicht erhalten und kann auf jeden Fall behaupten: es gehört heute schon viel dazu, damit ich meine Frustrationsgrenze erreiche! Das sehe ich definitiv als Bereicherung.

    1. Elena sagt:

      Lieber Daniel,
      ich hatte Gänsehaut, als ich deinen Kommentar gelesen habe. Bleibt mir nur zu sagen: ich habe größten Respekt vor dir, deiner Entscheidung, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind und erneut zu studieren! Wundervolles Beispiel und tolle Motivation, weiterzumachen. Danke dafür!
      Liebste Grüße, Elena

  6. Johny sagt:

    Ich bin damals durch die Orientierungsprüfung geflogen, aber da das Studium sowieso scheisse war, habe ich die Reißleine gezogen und es nach drei Semestern abgebrochen. Die Orientierungsprüfung habe ich kurz davor trotzdem mal aus Prinzip nachgeschrieben und Jahre später als das LSF kam, habe ich erfahren, dass ich sie bestanden hatte :D. War schon ein komisches Gefühl, aber ich habe meine Entscheidung nie bereut.

    Mein größeres Problem jetzt ist nicht das Lernen auf Prüfungen (weil das easy für mich ist und es im Master sowieso keine mehr gibt), sondern das Schreiben von Hausarbeiten. Das hat sich teilweise so verzögert, dass ich meine Masterarbeit aufs Spiel gesetzt habe.

  7. Marlene sagt:

    Hey, ich heiße Marlene und bin ebenfalls im ersten Semester durch eine Prüfung gefallen, die ich in knapp zwei Wochen nachholen muss. Ich studiere Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik, mache das auch richtig gerne, aber momentan habe ich nur noch Angst, es nicht zu schaffen. Ich möchte auch wahnsinnig gerne nach dem Studium Journalistin werden, habe auch schon ein Praktikum bei einer Zeitung gemacht und habe mich seitdem in den Beruf verliebt. Ein anderes Studium kommt für mich nicht wirklich in Frage, da es mich weniger interessieren und damit meine Motivation mitsamt den Noten den Bach runter gehen würde. Ich habe richtig Angst, zu versagen und alles abblasen zu müssen, was ich geplant habe. Das „direkt am Anfang durchfallen“ gibt einem außerdem noch das Gefühl, man sei unfähig, überhaupt den Rest des Studiums zu bewältigen. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute und dass du dein Studium mit einer richtig guten Note bestehst und es allen zeigst!
    Liebe Grüße, Marlene

    1. Elena sagt:

      Liebe Marlene, dein Kommentar und vor allem deine ehrliche Offenheit hat mich sehr gefreut! Ich fühle von ganzem Herzen mit dir und kann deine Angst sehr gut nachvollziehen. Mein Tipp: du scheinst dir sicher zu sein, dass dieses Studium der Schlüssel zu deinem Ziel ist – dann los! Du hast im Gegensatz zu so vielen anderen schon eine klare Vorstellung, was du mit dem Zeugnis am Ende deiner Studienzeit anstellen möchtest. Ich kann dich nur motivieren, dir immer wieder selbst zu sagen, was dich antreibt (auch für mich ist das nicht immer einfach). Und sollte es doch hart auf hart kommen: es geht immer ein Türchen auf. Das schlimmste Gefühl ist doch immer die Angst vor dem Versagen. Aber mal im Ernst, was soll denn passieren? In letzter Konsequenz stehst du vor einer neuen Entscheidung, die noch einmal Kraft von dir verlangt, wie dein weiterer Weg dann aussieht. Das ist zwar unangenehm, aber den Kopf abreißen tut dir niemand. Das vergisst man bei der ganzen Panik gerne mal. 😉
      Ich drücke feste die Daumen, dass alles so läuft, wie du es dir wünschst!

      Ganz liebe Grüße, Elena

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