Bachelor: Die Creditjagd ist eröffnet. Boykottiert sie!

Credits, Credits und noch einmal Credits!

Erst einmal herzlichen Glückwunsch (oder mein aufrichtiges Beileid), falls ihr das Bachelorstudium bereits abgeschlossen und damit die erste Hürde nach dem Abitur gemeistert habt. Kaum ist das Grundstudium heil überstanden, lechzt ihr bereits nach der nächsten Herausforderung. Arbeiten oder studieren, der direkte Einstieg in die Berufswelt oder doch erst einmal ein Masterstudium: Das ist hier die Frage. Oder auch nicht.

Wenn es euch so geht, wie es mir ergangen ist, dann fühlt ihr euch mit dem Abschluss des Bachelorstudiums – das je nach Studiengang, Fachrichtung und persönlichem Tempo zwischen sechs und acht Semestern Regelstudienzeit variiert – für die Berufswelt nicht wirklich gewappnet. Oft ist eher das Gegenteil der Fall. Woran liegt das?

Alumnus. Das klingt einerseits ‚erhaben‘, andererseits steht das eigene Erleben diesem Begriff häufig diametral entgegen. Es beschleicht einen eher das unangenehme Gefühl, mit dem Bachelor in der Tasche nichts Halbes und nichts Ganzes zu sein, meiner Erfahrung nach gerade in den Geisteswissenschaften ein nicht selten auftretendes Phänomen.

Bologna sei Dank?

Der Bologna-Prozess, der mit der am 19. Juni 1999 unterzeichneten Erklärung tiefgreifende Veränderungen im Studienaufbau nach sich zog und dafür sorgen sollte, eine größere Vergleichbarkeit zu schaffen, steht auch 16 Jahre später noch in der Kritik. Zurecht, wie ich finde, selbst wenn ich nicht mehr in den Genuss der (man munkelt seligen) Zeit VOR Bologna kam. Die Zweifel an der Ausbildung der Studentinnen und Studenten sind zwar weder auf der studentischen noch auf der Arbeitgeber-Seite gänzlich ausgemerzt, aber allmählich stoßen die Abschlüsse auf eine breitere Anerkennung und werden weniger misstrauisch-kritisch beäugt. Gleichzeitig steigt das Vertrauen in die Kompetenzen der BachelorabsolventInnen zusehends, weshalb sich mehr Studentinnen und Studenten für den direkten Einstieg ins Berufsleben entscheiden.

Bologna – ein Grund zum Feiern?

Und dann gibt es diese Studiengänge, in denen es einfach naheliegend erscheint, nach dem Bachelor auch noch den Master ‚dranzuhängen‘. Sei es, weil man bestimmte Interessengebiete und -schwerpunkte vertiefen will (die im Grundstudium in der Regel zu kurz kommen), sei es, weil man selbst eine eher kritische Haltung gegenüber dem Bachelor vertritt. Bei mir handelte es sich um eine Mischung aus beidem, kombiniert mit dem dumpfen Gefühl, nicht ‚ausstudiert‘ zu haben.

(M)Eine Bachelorrealität

Ich hatte im Bachelorstudium nur selten den Eindruck, ausreichend Zeit für einen Blick über den eigenen Studiengangstellerrand zu haben. Und das trotz unzähliger Besuche fachfremder Veranstaltungen, verschiedener Sprachkurse und anderer fachübergreifender Schlüsselqualifikationen. Es fühlte sich vielmehr wie eine Treibjagd nach Creditpoints an, wenn ich mich unter KommilitonnInnen umgesehen oder -gehört habe. Selbstoptimierung für die zukünftigen Arbeitgeberinnen und -geber auf Kosten von … wovon eigentlich?

„Wie viele Punkte bekomme ich für das Seminar (die Vorlesung, Übung…)?“ – „Reicht es, wenn ich ein Referat halte (alternativ: ein Protokoll schreibe) oder muss es wirklich auch eine Hausarbeit sein?“ – „Gibt es eine Anwesenheitspflicht oder laden Sie die Folien nachher hoch?“ – „Genügt es, wenn ich mit dem Reader (den Folien, alten Klausuren) für die anstehende Klausur lerne?“ Das waren die ersten Fragen, die Studentinnen und Studenten gleichermaßen an die werten Damen und Herren Dozenten richteten, kaum dass diese die Gelegenheit dazu hatten, sich namentlich vorzustellen.

Irgendwie ernüchternd das Ganze, hatte ich mich doch auf eine rege Diskussionskultur, intellektuellen Austausch und ein lern- und lehrfreudiges Umfeld gefreut. Es besteht zwar durchaus eine Schulpflicht in Deutschland, aber keineswegs die Verpflichtung zu studieren. Und so ging ich in meiner Ersti-Naivität davon aus, auf genau diese Dinge zu stoßen. Irrtum meinerseits, pardon me.

No credits, no good?

Time is money.

Einem Großteil der KommilitonInnen (mich eingeschlossen) ging es bald vor allem um eins: Credits. Noten. Effizientes Studium. Wenig Leerlauf. Keine Sekunde länger an der Uni bleiben als unbedingt notwendig.

Time is money, baby. Es dauerte nicht lange, bis ich mich von dieser Haltung anstecken ließ und Seminare immer seltener nach persönlichem Interesse auswählte, sondern ganz pragmatisch prüfte, ob Aufwand und Entschädigung in einem angemessenem Verhältnis zueinander standen – taten sie das nicht, flogen besagte Seminare sehr schnell von meiner Favoritenliste. Und so hetzte ich mich selbst gefühlt durchs Studium. Obwohl das keiner – sieht man vom Bafög-Amt einmal ab – von mir verlangte. Hinter den anderen herzuhinken stand nicht zur Debatte. Anfangs. Erst in der Halbzeit meines Studiums überkam mich eine gewisse Ruhe. Zum Glück.

Deshalb mein Rat: Lasst euch nicht treiben und hetzen, öffnet die Augen, nutzt den Blick über den eigenen Tellerrand. Besucht Seminare, Kurse und Vorlesungen, die euch nicht mit Scheinen und Punkten entgolten werden, einfach nur, weil sie euch interessieren. Quatscht mit euren Mitstudierenden, diskutiert Lerninhalte, teilt euch die Aufgaben, geht auf Partys, schaut in der Bibliothek oder Mensa vorbei. Studieren beschränkt sich keineswegs auf das Anhäufen von Wissen, Theorien und TheoretikerInnen, sondern bildet im besten Fall die eigene Persönlichkeit. Das ist unbezahlbar. Wenn ihr euch die Zeit dafür gebt und nehmt.

Romy

Ich bin Romy, 29 Jahre alt und studiere Psychologie, meine zweite große Leidenschaft neben der Literatur. Zuhause bin ich vor allem in der Prosa, betreibe gelegentlich Lyrik und blogge außerdem seit einigen Jahren zu literarischen und psychologischen Themen. Mein Erststudium habe ich in Deutscher Literatur und Slavistik (BA) und anschließend Literaturwissenschaft: Germanistik (MA) abgeschlossen. Herzliche Grüße an alle Mitstudierenden! PS: Wir lesen uns.

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