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Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie (SOWI V)

Profil

In modernen Gesellschaften treffen die in der Soziologie beschriebenen Entwicklungsdynamiken der Rationalisierung, Pluralisierung, funktionalen Differenzierung und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts immer weniger auf traditionale Industriegesellschaften als auf eine hoch-technisierte und globalisierte Gegenwart im raschen Wandel. Dieser als reflexive Modernisierung bezeichnete Prozess verändert die sozialen und institutionellen Grundlagen des globalen Nordens mit einer Dynamik, die sich sowohl aus den intendierten Errungenschaften von Aufklärung und Demokratisierung speist als auch aus ihren nicht-intendierten Nebenfolgen in der Form von sozialen, ökologischen und ökonomischen Risiken. Am Lehrstuhl SoWi V steht die soziologische Untersuchung dieser intendierten und nicht-intendierten Transformations- und Veränderungsprozesse in vier Schwerpunkten im Mittelpunkt:

In der Technik- und Risikosoziologie werden die Grundlinien der sozialwissenschaftlichen Befassung mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt, seinen Licht- und Schattenseiten vermittelt und weiterentwickelt. Anhand eines sozialwissenschaftlichen Technikverständnisses, in dem der Fokus auf gesellschaftlichen Technisierungsprozessen und ihren Korrelaten der Kompetenzentwicklung und organisatorischen Einbettung liegt, werden vor allem gegenwärtige Entwicklungsprozesse wie die Digitalisierung und die Anstrengungen der Energie- und Verkehrswende untersucht, aber auch vergangene Prozesse der Technikgenese beleuchtet. Dabei liegt die Aufmerksamkeit gleichermaßen auf den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen technischer Entwicklung als auch auf ihren Auswirkungen, die Gegenstand der Technikfolgenabschätzung sind und in der Risikoforschung eine zentrale Rolle spielen. Grundsätzlich haben Wissenschaft und Technik und die gesellschaftlichen Debatten um ihre mögliche Nebenfolgen und Risiken einen zentralen Stellenwert nicht nur für gesellschaftliche Teilaspekte, sondern für die Gesellschaft per se. Deshalb geht die Stuttgarter Perspektive über das Verständnis einer speziellen oder Bindestrichsoziologie hinaus und rückt die notwendige, facettenreiche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt in das Zentrum der Soziologie. Technik- und Risikosoziologie erfordern dabei die Auseinandersetzung mit verschiedenen soziologischen Paradigmen und eine Aufgeschlossenheit für inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt für uns in der sozialwissenschaftlichen Infrastrukturforschung, mit der die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Rückwirkungen des Auf- und Umbaus von soziotechnischen Versorgungssystemen auf soziale, technische und ökologische Systeme exploriert werden. Dazu untersuchen wir gegenwärtig die Transformationsverläufe der Energiewende und generell die Errichtung cyber-physischer Systeme, bspw. für autonomen Verkehr und intelligente (smarte) Versorgungssysteme in Städten, als weitergehende Hybridisierung soziotechnischer Netzwerke und beleuchten Möglichkeiten und Grenzen ihrer innovationspolitischen Steuerung. Weitere Forschung ist in den Bereichen der Lebensmittel- und Wasserversorgung, der Mobilität und des Umgangs mit Abfall sowie zur Bedeutung kritischer Infrastrukturen angesiedelt. Im Zentrum der Betrachtung stehen soziotechnische Infrastruktursysteme als Rückgrat individueller und kollektiver Wohlfahrt und die sich in ihnen materialisierenden, sozialen und ökologischen Teilhabe- und Entwicklungsvorstellungen und -möglichkeiten.

Umweltsoziologie und Forschung zu nachhaltiger Entwicklung (Transformationsforschung) gehen von den globalen Herausforderungen aus, die sich durch die fehlende Zukunftsfähigkeit gegenwärtiger Lebens- und Wirtschaftsformen stellen. Untersucht werden sowohl die epistemologischen Grundlagen der Wahrnehmung und Bewertung relevanter Themen und Fragestellungen (Klimawandel, Nachhaltiger Konsum, Risiken etc.) als auch Ansatzpunkte und Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung. Dabei bemüht sich die moderne Soziologie um die Überwindung des in der Disziplin tief verankerten Dualismus von Natur und Gesellschaft und betrachtet gesellschaftliche Naturverhältnisse aus verschiedenen Perspektiven, etwa mit dem Fokus auf Struktur und Bedeutung von Umwelteinstellungen und Umwelthandeln, auf gesellschaftliche Diskurse über Natur, Ökologie und globale Erwärmung, auf Transformationsprozesse und ihre sozio-ökonomische Einbettung sowie auf die Rolle nicht-menschlicher Entitäten in Prozessen sozialen Wandels. Unser Ziel ist es, anhand von geeigneten theoretischen Konzepten, qualitativer und quantitativer Forschung unabhängige Expertise zu gewinnen und in den gesellschaftlichen Diskurs um ein zukunftsfähiges Deutschland einzubringen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Untersuchung und Entwicklung von Partizipationsprozessen, die Betroffene und interessierte Öffentlichkeiten an der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung beteiligen, um zur Lösung gesellschaftlicher Problemstellungen beizutragen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Dabei steht die vergleichende Analyse verschiedener Verfahren, Formate und Theorien und ihrer impliziten und expliziten Wirkungen im Mittelpunkt.

Für einen Überblick zur laufenden Forschung der Abteilung siehe ZIRIUS.