
Deutschland und Frankreich gehören zu den europäischen Staaten, in denen bereits im 19. Jahrhundert rudimentär entwickelte demokratische Partizipationsrechte existierten. Dennoch würde man keinem der beiden Länder eine Pionierrolle im Prozess der Ausbildung einer demokratisch verfassten Bürgergesellschaft zuschreiben. Die Gestaltung staatlicher Angelegenheiten wurde in beiden Ländern traditionell als Angelegenheit speziell für diese Aufgabe ausgebildeter Eliten angesehen. Dem entsprechend war die Modernisierung des Staates in keinem der beiden Länder primär auf das Ziel ausgerichtet, eine breite staatsbürgerliche Beteiligung an der Politik zu erreichen. Deutschland und Frankreich verfügten im 19. und frühen 20. Jahrhundert über ausdifferenzierte rechtsstaatliche und bürokratische Strukturen, Deutschland übernahm zudem im internationalen Vergleich eine Vorreiterrolle auf dem Gebiet der wohlfahrtsstaatlichen Politik. In beiden Ländern folgte die Gestaltung der Politik bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein einem top-down-Ansatz.
Das Abrücken vom traditionellen Modell der Organisation der Beziehungen der Bürger zum Staat scheint sich in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etwas schneller und gründlicher vollzogen zu haben als in Frankreich. So lag das Niveau der Beteiligung an Parlamentswahlen in Deutschland bis in die 1980er Jahre um fast zwanzig Prozentpunkte höher als im westlichen Nachbarland. Seither verkleinerte sich die Lücke zwischen den beiden Ländern, ohne jedoch völlig zu verschwinden. Parteienstaatlich verfasste Formen politischer Partizipation, z. B. die Mitgliedschaft und die aktive Mitarbeit in politischen Parteien sowie das Wahlkampfengagement scheinen in Deutschland wesentlich weiter verbreitet zu sein als in Frankreich. Die gleiche Feststellung lässt sich auch für die Mitgliedschaft in gesellschaftlichen und politischen Organisationen treffen. Besonders bemerkenswert ist die sehr unterschiedliche Entwicklung der Parteimitgliederzahlen in beiden Ländern. Während Scarrow in Frankreich über enorme zeitliche Schwankungen berichtet, verlief die Entwicklung in Deutschland – abgesehen von einer Wachstumsphase zwischen 1970 und 1980 – wesentlich stetiger. In der Mitte der 1990er Jahre waren 1,85 Millionen Deutsche Mitglieder einer politischen Partei, in Frankreich lag die Zahl bei 582.000. Dagegen spielen legale und nicht legale Protestaktionen in Frankreich als Mittel zur Durchsetzung politischer Forderungen eine größere Rolle als in Deutschland. Konsultative Formen der politischen Beteiligung und die partizipative Ausgestaltung der Beziehungen der Bürger zur öffentlichen Verwaltung wurden bisher nur in ihrer legal-institutionellen Dimension oder im Rahmen von Einzelfallstudien, aber nicht mittels quantitativer Methoden untersucht. Insofern verfügen wir nur über rudimentäre Informationen darüber, wie sich das Niveau und die Entwicklung politischer Partizipation in Deutschland und Frankreich im internationalen Vergleich darstellen.
Derartige Aussagen werden auch durch den Umstand erschwert, dass Frankreich in keiner der großen international vergleichenden Partizipationsstudien enthalten war, während Deutschland in „The Civic Culture“, in beiden Political Action-Studien sowie in der Studie „Citizen Involvement and Democracy“ berücksichtigt worden war. Vergleichende mikropolitische Analysen der politischen Partizipation in Frankreich und Deutschland konnten sich bis vor kurzem nur auf die begrenzt einschlägigen Eurobarometer und auf die WVS-/EVS-Erhebungen stützen. Die bisher nicht zufrieden stellende Datenlage verbesserte sich durch das „European Social Survey“ Projekt (ESS), welches sowohl in Deutschland als auch in Frankreich durchgeführt wird. Die ESS Erhebungen der Jahre 2002/2003, 2004/2005 sowie 2006/2007 bilden die wichtigste Basis der in unserem Projekt durchgeführten empirischen Analysen. Hinzu kommt der International Social Survey (ISSP) 2004.
Auch die bisher publizierten nationalen Partizipationsstudien vermitteln uns nur wenige vergleichbare Informationen über das Niveau, die Entwicklung und die Hintergründe politischer Beteiligung in Frankreich und Deutschland. Zudem dokumentieren sie die Aktivitäten, mittels derer die Bürger versuchen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen, unterschiedlich gut. Die französischen Studien konzentrieren sich auf die Beteiligung an nationalen Wahlen und den politischen Protest. Das von der deutschen Forschung abgedeckte Spektrum ist wesentlich breiter und räumt insbesondere den wahl- und parteibezogenen Aktivitäten einen höheren Stellenwert ein als es in der französischen Forschung der Fall ist. Die deutschen Studien erlauben Aussagen über einen relativ langen, bis in die 1970er Jahre zurückreichenden Zeitraum, während für Frankreich kaum Daten über die Zeit vor 1985 veröffentlicht sind.
Im Hinblick auf die Erklärung von Partizipationsmustern sind sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen der Forschung in beiden Ländern zu erkennen. Bei der Erklärung der Wahlbeteiligung und der sonstigen elektoralen Aktivitäten spielen sozioökonomische und sozio-kulturelle Ressourcen eine wichtige Rolle. Diese sind in der neueren deutschen Forschung in der Regel auf das in den USA entwickelte sozioökonomische Standardmodell zur Erklärung politischer Beteiligung bezogen. Die französische Forschung stützt sich dagegen zur Erklärung politischer Partizipation häufig auf Bourdieus Theorie sozialer und kultureller Differenzierung, die in der deutschen Partizipationsforschung keine Rolle spielt. Einige neuere deutsche Studien greifen zur Erklärung politischer Partizipation auf die von Ajzen und Fishbein entwickelte Theorie des geplanten Verhaltens bzw. deren Modifikation durch Opp zurück, die wiederum in der französischen Partizipationsforschung nicht rezipiert wurde. Auf Grund der unterschiedlichen Themenschwerpunkte, Untersuchungszeiträume und Erklärungsansätze ist es kaum möglich, aus der nationalen Partizipationsforschung beider Länder allgemeine Erkenntnisse für einen Ländervergleich zu gewinnen.
Systematisch-vergleichende empirische Analysen des Beteiligungsverhaltens der Deutschen und der Franzosen liegen bisher kaum vor. Die zu den seltenen Ausnahmen gehörende Arbeiten von Schild beziehen sich nur auf den politischen Protest, konventionelle Verhaltensformen blieben mangels vergleichbarer Daten unberücksichtigt. Wie der Überblick über den bisherigen Stand der Forschung zeigt, besteht ein beträchtlicher Bedarf an vergleichen Untersuchungen der politischen Partizipation in Deutschland und Frankreich. Die Ergebnisse der deutsch-französischen Forschungskooperation werden 2010 in einer englischsprachigen Buchpublikation publiziert werden.
SPIRIT Science Politique Relations Internationales Territoire /IEP de Bordeaux - (Frankreich):
Hoffmann-Martinot, Vincent
Kerrouche, Eric
Premat, Christophe
Universität Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften,
Abteilung für Politische Systeme und Politische Soziologie (SOWI I) - (Deutschland):
Gabriel, Oscar W.
Keil, Silke I.
Stauer, Matthias
Vetter, Angelika
Universität Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften,
Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie (SOWI V) - (Deutschland):
Renn, Ortwin
Schweizer, Pia-Johanna
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Lehrbereich Systemanalyse und Vergleichende Politik - (Deutschland):
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:
Frau Dr. Silke I. Keil
Universität Stuttgart
Institut für Sozialwissenschaften
Abteilung für Politische Systeme und Politische Soziologie
Breitscheidstr. 2
70174 Stuttgart
Tel.: 0711 685-83643
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