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Abteilung für Politische Systeme und Politische Soziologie (SOWI I)

Profil

Die Abteilung "Politische Systeme und Politische Soziologie" stellt ihre Arbeit unter das Motto "theoriegeleitete empirische Forschung". Das heißt, für die Bearbeitung von Forschungsfragen werden zunächst Hypothesen aus sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleitet. Diese werden dann mit Hilfe geeigneter sozialwissenschaftlicher Methoden empirisch (also an der Wirklichkeit) überprüft. Für die empirische Analyse wird auf Daten – in der Abteilung Sozialwissenschaften I meist Umfragedaten – zurückgegriffen. Diese werden mit Hilfe von sozialwissenschaftlichen statistischen Analyseprogrammen ausgewertet.

Die Schwerpunkte der Abteilung liegen in Lehre und Forschung auf den Gebieten der Politikwissenschaftlichen Komparatistik, der Politischen Soziologie und der Vergleichenden Lokalen Politikforschung, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

  1. Vergleichende Politikwissenschaft (Comparative Politics)
  2. Politische Soziologie
  3. Vergleichende lokale Politikforschung (Comparative Local Politics)

1. Vergleichende Politikwissenschaft (Comparative Politics)

Die vergleichende Politikwissenschaft (Comparative Politics) beschäftigt sich mit unterschiedlichen Forschungsfragen und bedient sich bei deren Beantwortung unterschiedlicher Methoden. Grundlegender Ansatz ist der (wissenschaftliche) Vergleich. Ziele des wissenschaftlichen Vergleichens sind unter anderem:

  • Unterschiede/Gemeinsamkeiten feststellen
  • Hinweis auf Unbekanntes/Besonderes
  • Informationen erhalten (vor allem über andere Länder)
  • Klassifikationen/Typologien entwickeln
  • Lösungsbeispiele für bestimmte Probleme finden
  • Entwicklung und Prüfung von Hypothesen und Theorien

Die vergleichende Methode spielt in den Sozialwissenschaften eine ähnliche Rolle wie das Experiment in den Naturwissenschaften. Ziel ist es, auf systematische Weise zu Erkenntnissen über politische Zusammenhänge zu gelangen. Systematisch eingesetzte Methoden helfen, die vorab vor einem theoretischen Hintergrund definierten Fragen zu beantworten. Dabei müssen auch Faktoren wie das unterschiedliche Wohlstandsniveau von Gesellschaften, unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungsgrade, kulturelle Besonderheiten und unterschiedliche Strukturen des Parteienwettbewerbs berücksichtigt werden.

Systemanalysen beschäftigen sich mit der detaillierten Beschreibung und Erklärung einzelner politischer Systeme. So wird beispielsweise das politische System der Bundesrepublik in seinen Einzelelementen genau betrachtet und analysiert. Systemvergleiche zielen dagegen auf den Vergleich mindestens zweier politischer Objekte. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Ein typisches Beispiel für eine solche Analyse ist der Vergleich eines parlamentarischen politischen Systems (Bundesrepublik Deutschland) mit einem präsidentiellen politischen System (USA).

Auf der sogenannten Mikroebene stehen Individuen, also die einzelnen Bürger, im Mittelpunkt. Hier geht es um die Analyse und den Vergleich der politischen Einstellungen (z.B. Demokratiezufriedenheit, Parteiidentifikation, Institutionenvertrauen, Befürwortung von Grundwerten) und des politischen Verhaltens (z.B. Politische Kommunikation, Wahlbeteiligung, aktive Mitarbeit in Vereinen und Verbänden, Beteiligung an Protestaktionen) der Bürger unterschiedlicher Länder. Auf der sogenannten Makroebene stehen Aggregate von Individuen oder Kollektive wie Staaten, Parteien oder Verbände im Mittelpunkt. Es werden Verfassungen und politische Institutionen (wie Regierung, Parlament, Verwaltung) sowie politische Prozesse (z.B. Wahlen, Regierungsbildung, Gesetzgebung) und Politikinhalte (z.B. Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, Bildungspolitik) untersucht.

Insgesamt werden Kenntnisse über Charakteristika und Probleme unterschiedlicher politischer Regime ermittelt und es werden die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen des Funktionierens und der Stabilität politischer Systeme untersucht. Im Zentrum der empirisch orientierten vergleichenden Politikwissenschaft wie sie in Stuttgart betrieben wird steht die Arbeit mit nationalen und international vergleichenden Umfragedaten. Diese Umfragedaten dienen als Grundlage für länderübergreifende Untersuchungen des Wählerverhaltens, der politischen und sozialen Beteiligung der Bürger und ihrer Einstellungen zur Politik. Dabei geht es unter anderem um den Vergleich unterschiedlicher Ländergruppen wie West- und Osteuropa sowie Nord- und Südeuropa. Die unterschiedlichen Länderkontexte bilden auch den Prüfrahmen für die generelle Frage, ob Hypothesen universelle Geltung besitzen – oder nicht.

Typische Fragen der vergleichenden Politikwissenschaft sind:

  • Wie können in postkommunistischen Ländern wie Tschechien, Ungarn oder Rumänien stabile und funktionsfähige Demokratien entstehen?
  • Haben sozialdemokratisch dominierte Regierungen - wie man sie beispielsweise in Skandinavien findet - ein anderes Leistungsprofil staatlicher Politik als konservative Regierungen?
  • Wirken sich unterschiedliche Charakteristika von Wahlsystemen bzw. -verfahren in Deutschland (Verhältniswahl) und Großbritannien (Mehrheitswahl) auf die Motivation der Wähler zur Stimmabgabe aus?
  • Warum gehören die Deutschen innerhalb Europas in die Gruppe der Unzufriedensten, wenn es um das Funktionieren der Demokratie, die Bewertung des Bildungs- und Gesundheitssystems und die Einschätzung der amtierenden Regierung geht?
  • Warum sind Menschen in Westeuropa generell politisch aktiver als in Osteuropa – und die Nordeuropäer politisch engagierter als die Südeuropäer?
  • Haben die Ostdeutschen ein anderes Demokratieverständnis als die Westdeutschen?

Die Theorien der politikwissenschaftlichen Komparatistik lassen sich zu vier Gruppen zusammenfassen: Dem klassischen Institutionalismus, dem Behavioralismus, der Systemtheorie und dem Neo-Institutionalismus.

  • Der klassische Institutionalismus vergleicht die formalen Eigenschaften von Staaten. Hierbei geht es beispielsweise um die Analyse von Verfassungen und ihrer wichtigsten Bestandteile. Auf dieser Grundlage werden Empfehlungen über die angemessene Form der Herrschaftsordnung (z.B. Demokratie) formuliert.
  • Die Systemtheorie interpretiert politische Systeme als Handlungssysteme mit der Aufgabe, für die Gesamtgesellschaft verbindliche Entscheidungen herzustellen und durchzusetzen. Systemtheoretische Ansätze vergleichen die Art und Weise, wie diese Aufgabe in unterschiedlichen Ländern erfüllt wird.

In der Abteilung Sozialwissenschaften I spielen vor allem die Ansätze des Behavorialismus und des Neo-Institutionalismus eine wichtige Rolle.

  • Der Behavioralismus bemüht sich um die empirische Erklärung sozialer und politischer Orientierungen und Verhaltensweisen. Im Mittelpunkt steht der einzelne Bürger als politischer Akteur. Insgesamt geht es darum, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Verteilung politischer Orientierungen und Verhaltensweisen in verschiedenen Gruppen bzw. Nationen zu beschreiben und zu erklären. Typische Forschungsfragen sind: Warum sind die Dänen mit ihrem Leben zufriedener als die Deutschen? Halten die Südeuropäer andere Werte für bedeutsam als die Nordeuropäer – oder sind hier die Unterschiede zwischen West- und Osteuropa bedeutsamer? Lässt sich die politische Beteiligung von Bürgern in den europäischen Ländern mit ähnlichen Faktoren erklären oder gibt es hier nationale Unterschiede?
  • Der Neo-Institutionalismus befasst sich mit der Erklärung der Rolle politischer Institutionen für das politische Verhalten der Bürger und die Ergebnisse staatlicher Politik. Anders als der klassische Institutionalismus (siehe oben) ist der Neoinstitutionalismus nicht nur an der Beschreibung formaler Verfassungsprinzipien interessiert. Er fasst den Begriff „Institutionen“ weiter und versteht darunter auch Aspekte wie die Form der Zusammenarbeit zwischen Parteien, Interessenverbänden und Bürokratien. Darüber hinaus versucht der Neo-Institutionalismus herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich bestimmte Institutionen oder Institutionensysteme herausbilden und wie bestimmte Institutionen Prozesse und Inhalte staatlicher Politik beeinflussen. Typische Fragestellungen sind: Erzeugen parlamentarische politische Systeme wie das der Bundesrepublik mehr politisches Vertrauen in der Bevölkerung als präsidentielle Systeme wie das der USA? Wie wirkt sich die Existenz eines Verhältniswahlsystems (z.B. Bundesrepublik Deutschland) oder eines Mehrheitswahlsystems (z.B. Großbritannien) auf die Zufriedenheit der Bürger mit der Demokratie aus? Unter welchen Bedingungen bilden sich in einigen Ländern Zweiparteiensysteme (z.B. USA), in anderen Mehrparteiensysteme aus (z.B. Schweiz)?

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2. Politische Soziologie

Die Politische Soziologie verbindet die sozialwissenschaftlichen Fächer Politikwissenschaft und Soziologie. Ihr Interesse gilt der Frage, wie das politische System und die Gesellschaft miteinander verflochten sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Systemen können auf zwei Ebenen betrachtet werden: Auf der Mikroebene (Individualebene) und auf der Makroebene.

Auf der Individualebene geht es insbesondere um die Fragen, wie die gesellschaftliche Position von Individuen deren politische Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflusst, wie politische Einstellungen entstehen und welcher Zusammenhang zwischen politischen Einstellungen und politischem Verhalten besteht. Das in dieser Hinsicht bekannteste Beispiel ist die Wahlverhaltensforschung (s.u.). Auf der Makroebene betrachtet die Politische Soziologie beispielsweise das Entstehen und Funktionieren politischer Parteien oder Verbände sowie die Formierung und Gestalt von Parteien- und Verbändesystemen.

Im Bereich der Politischen Soziologie haben wir folgende Arbeitsschwerpunkte:

  • Wählerverhalten: Das prominenteste Forschungsfeld der Politischen Soziologie ist das Wählerverhalten, das auch von der Öffentlichkeit intensiv zur Kenntnis genommen wird. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse der berühmten Sonntagsfrage, Hochrechnungen am Wahlabend und Wählerwanderungsbilanzen.
    Die Wahlforschung will herausfinden, aus welchen Gründen sich Wähler für eine bestimmte Partei entscheiden und warum sie bei aufeinanderfolgenden Wahlen (nicht) an dieser Entscheidung festhalten. Für diese Verhaltensweisen spielt zum einen die Zugehörigkeit der Wähler zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen wie Gewerkschaften, sozialen Schichten oder Kirchen eine wichtige Rolle (soziologischer Ansatz). Zum anderen sind die politischen Einstellungen der Wähler - insbesondere ihre Identifikation mit einer Partei, die Kompetenzbewertung der Parteien und die Bewertung ihrer Spitzenkandidaten - relevant (sozialpsychologischer Ansatz). Die Wahlforschung untersucht, wie sich diese Faktoren in bestimmten Ländern bzw. zu bestimmten Zeitpunkten auf die Wählerentscheidung und die daraus resultierende Entwicklung sowie Gestalt des Parteiensystems auswirken.
  • Soziale und politische Partizipation: Die Partizipations- und Verhaltensforschung beschäftigt sich mit dem Agieren der Bürger im gesellschaftlichen und politischen Raum – beispielsweise mit der Mitgliedschaft in Vereinen und Verbänden, der Wahlbeteiligung, der Wahlentscheidung, der Mitarbeit in Bürgerinitiativen oder der Teilnahme an Demonstrationen. Dabei geht man davon aus, dass Verhalten generell auf einem Zusammenspiel von individuellen Einstellungen und Umwelteinflüssen basiert.
    Im Rahmen der Politischen Soziologie geht es vorrangig um politisches Verhalten, das viele Formen annehmen kann: Es reicht von der Lektüre des politischen Teils der Zeitung bis zu illegalen Protestaktivitäten wie Hausbesetzungen oder Verkehrsblockaden. Alle diese Verhaltensweisen basieren auf der Grundentscheidung darüber, ob Menschen sich erstens überhaupt mit politischen Sachverhaltens auseinandersetzen wollen, und ob sie zweitens im politischen Leben eine aktive Rolle spielen und dadurch versuchen wollen, Einfluss auszuüben. In demokratischen Systemen spielen die Formen des politischen Verhaltens eine besonders bedeutende Rolle, die Bürger freiwillig mit dem Ziel ausüben, politische Sach- oder Personalentscheidungen zu beeinflussen. Diese Formen politischen Verhaltens werden als politische Partizipation bezeichnet. Die bekannteste und am häufigsten genutzte Form der politischen Partizipation ist die Stimmabgabe bei Wahlen. Die politische Verhaltens- und Partizipationsforschung will die Nutzung der verschiedenen Partizipationsformen in einem Land, in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen innerhalb eines Landes oder in unterschiedlichen Ländern beschreiben und aufdecken, welche Gründe hierfür maßgeblich sind.
  • Politische Einstellungen und politische Kultur: Die politische Einstellungsforschung fragt, wie die Bürger politische Sachverhalte wahrnehmen, so zum Beispiel: Was wissen sie über politische Prozesse, Akteure oder Institutionen? Haben sie Vertrauen zu den politischen Entscheidungsträgern oder nicht? Sind sie zufrieden oder unzufrieden mit der Demokratie, in der sie leben? Welcher Partei trauen sie es zu, das für sie wichtigste gesellschaftliche Problem zu lösen? Daneben geht es auch um die grundlegenden Wertorientierungen der Bürger: Würden sie dem Wert Gleichheit den Vorzug vor dem Wert Freiheit geben? Wie wichtig sind die demokratischen Grundwerte für sie? Sind sie eher pflichtbewusst oder legen sie mehr Wert auf ihre freie Selbstentfaltung? Zudem beschäftigt sich die politikwissenschaftliche Einstellungsforschung mit den Verhaltensabsichten der Menschen: Sind sie beispielsweise gewillt, an der nächsten Bundestagswahl teilzunehmen? Wären sie dazu bereit, ihren Unmut über eine politische Entscheidung durch die Teilnahme an einer Demonstration, an einer Unterschriftensammlung, oder an einer Hausbesetzung zum Ausdruck zu bringen?
    Die politikwissenschaftliche Einstellungsforschung beschäftigt sich nicht nur mit der Ausprägung und Verteilung der angesprochenen Einstellungen innerhalb der Bevölkerung eines Landes oder verschiedener Länder oder innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, sondern auch mit der Frage, warum diese Einstellungen zustande kommen. So will sie beispielsweise erklären, warum manche Menschen (nicht) vorhaben, an der Bundestagswahl teilzunehmen, warum die Ostdeutschen viel unzufriedener mit der bundesdeutschen Demokratie sind als die Westdeutschen oder warum die Italiener ihren Landsleuten weniger vertrauen als viele andere westeuropäische Völker. Dabei steht die Beeinflussung bestimmter politischer Einstellungen durch andere Einstellungen, aber auch durch politische Strukturen, Traditionen oder situative Gegebenheiten im Mittelpunkt des Interesses.
    Als Politische Kultur bezeichnet man die Verteilung der politischen Einstellungen der Bevölkerung eines Kollektivs (z.B. Nation, Region, Gemeinde, ethnische Gruppe). Politische Einstellungen und Politische Kultur sind insbesondere deshalb wichtig, weil sie das Verhalten der Menschen beeinflussen, das wiederum eine wichtige Rolle für die Stabilität und Leistungsfähigkeit politischer Systeme spielt.
    Zur Illustration dieses Sachverhalts kann man typischerweise das Scheitern der Weimarer Republik heranziehen. Diese wies bekanntlich alle Merkmale einer demokratischen politischen Ordnung auf. In der Bevölkerung waren demokratische Orientierungen jedoch nicht mehrheitlich vorhanden. So mangelte es dem politischen System an Unterstützung, die Einstellungen innerhalb der Bevölkerung bildeten die Grundlage für die Machtergreifung durch die NSDAP, was letztlich zum Zusammenbruch des demokratischen Systems führte. Wenn politische Einstellungen keinen Einfluss auf das politische Verhalten haben, bleiben sie dagegen folgenlos. Wenn also beispielsweise jemand unzufrieden mit den bestehenden politischen Verhältnissen ist, sich aber aufgrund dessen weder gänzlich vom politischen Leben abwendet noch zu Protestaktivitäten greift, bleibt die Funktionstüchtigkeit des politischen Systems davon unberührt.

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3. Vergleichende lokale Politikforschung (Comparative Local Politics)

Am 30. Juni 2006 unterzeichnete Frankreich als letzter der mittlerweile 27 EU-Mitgliedstaaten die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung. In der Präambel der Charta halten die unterzeichnenden Staaten als ihre gemeinsame Überzeugung fest,

  • dass die kommunalen Gebietskörperschaften eine der wesentlichen Grundlagen jeder demokratischen Staatsform sind;
  • dass das Bestehen kommunaler Gebietskörperschaften mit echten Zuständigkeiten eine zugleich wirkungsvolle und bürgernahe Verwaltung ermöglicht;
  • dass der Schutz und die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung in den verschiedenen europäischen Staaten einen wichtigen Beitrag zum Aufbau eines Europa darstellen, das sich auf die Grundsätze der Demokratie und der Dezentralisierung der Macht gründet;
  • dass es hierzu des Bestehens kommunaler Gebietskörperschaften bedarf, die über demokratisch bestellte Entscheidungsorgane verfügen und weitgehende Selbstständigkeit hinsichtlich ihrer Zuständigkeiten, der Art und Weise, in der sie diese Zuständigkeiten ausüben, und der zur Erfüllung ihrer Aufgabe erforderlichen Mittel besitzen (Vgl. Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung, Präambel: http://conventions.coe.int/Treaty/ger/Treaties/Html/122.htm, zugegriffen am 11. Januar 2006).

Darüber hinaus verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, in ihren innerstaatlichen Rechtsvorschriften oder der Verfassung den Grundsatz der kommunalen Selbstverwaltung anzuerkennen (Artikel 1). Hierunter fallen das Recht und die tatsächliche Fähigkeit der kommunalen Gebietskörperschaften, im Rahmen der Gesetze einen wesentlichen Teil der öffentlichen Angelegenheiten in eigener Verantwortung zum Wohl ihrer Einwohner zu regeln und zu gestalten (Artikel 3,1). Die den kommunalen Gebietskörperschaften übertragenen Zuständigkeiten sollen von einer anderen zentralen oder regionalen Stelle nicht ausgehöhlt oder eingeschränkt werden (Artikel 4,4). Ihnen sollen die dazu benötigten finanziellen Mittel in angemessener Höhe zugestanden werden (Artikel 9). Gleichzeitig muss ihnen der Rechtsweg offen stehen, um die freie Ausübung ihrer Zuständigkeiten und die Achtung derjenigen Grundsätze der kommunalen Selbstverwaltung sicherzustellen, die in der Verfassung oder den innerstaatlichen Rechtsvorschriften niedergelegt sind (Artikel 11). Selbst in den EU-Verfassungsentwurf hat der Schutz der kommunalen Selbstverwaltung mittlerweile in Art. 5, Abs. 1 Eingang gefunden.
Diese Forderungen stehen im Einklang mit dem deutschen Subsidiaritätsprinzip zugunsten der kommunalen Selbstverwaltung (Art. 28 GG). Städte und Gemeinden spielen im deutschen politischen System eine zentrale Rolle, auch wenn ihnen neben Bund und Ländern meist deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird: Sie sind traditionell zentrale Akteure bei der Erfüllung öffentlicher Aufgaben. Sie sind die Hauptinvestoren der öffentlichen Hand und nehmen innerhalb des Staates wichtige wirtschafts-, konjunktur- und sozialpolitische Funktionen wahr. Gleichzeitig sind sie der Ort, an dem die Verbindung zwischen Bürgern und staatlicher Verwaltung/Politik am offensichtlichsten ist. Auf lokaler Ebene können die Bürger ihre Bedürfnisse am einfachsten artikulieren. Der Kontakt zu den „Regierenden“ und zur Verwaltung ist am engsten. Die können allein oder mit anderen auf vielfältige Art und Weise ihren Interessen Ausdruck verleihen, und sie können die Berücksichtigung ihrer Interessen im politischen Entscheidungsprozess vergleichsweise gut überprüfen. Aus diesem Grund bezeichnen viele Forscher und Demokratietheoretiker die lokale Ebene auch als die "Schule der Demokratie".
Probleme, die sich auf Grund wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Entwicklungen, im Zusammenhang mit dem Prozess der Europäischen Integration oder dem zunehmenden internationalen Wettbewerb um Standortvorteile ergeben, treffen folglich nicht nur auf die Nationalstaaten in ihrer Gesamtheit zu. Sie zeigen sich ebenso in den Kommunen, die in zunehmendem Wettbewerb um Investoren, finanzielle Mittel und Einwohner kämpfen müssen. Deren Interessen fließen wiederum in die lokalen Entscheidungsprozesse ein und müssen in entsprechende Outputs umgewandelt werden. Damit lassen sich zentrale gesellschaftliche Fragen auch auf lokaler Ebene untersuchen, wobei die vergleichende Perspektive (innerhalb Deutschlands oder über die nationalen Grenzen hinaus) den Zugang zu einem vielfältigen und gut beobachtbaren Untersuchungsfeld eröffnet.
Momentan liegen die Schwerpunkte der vergleichenden lokalen Politikforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart in den folgenden Bereichen:

  • Kommunalpolitik und europäische Einigung:
    Welche Auswirkungen hat die Europäische Integration für kommunalpolitische Handlungsspielräume und -entscheidungsprozesse? Welche Folgen hat die primär von der EU-Kommission vertretene Philosophie des freien Waren- und Dienstleistungsmarktes für die kommunale Selbstverwaltung in Deutschland und in anderen europäischen Staaten? Welche Akteure sind an Entscheidungen der EU beteiligt, die die lokale Selbstverwaltung tangieren? Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidungsprozesse, an denen diese Akteure beteiligt sind? Wie werden sich lokale Handlungsspielräume in den verschiedenen Ländern der EU zukünftig entwickeln?
  • Metropolregionen:
    Welche politischen und administrativen Probleme entstehen durch die Bildung von Metropolregionen (soziale Segregation, Suburbanisierung) in Europa, Nordamerika, Japan und Südafrika? Welche Auswirkungen haben solche Zusammenschlüsse auf die Einstellungen und das politische Verhalten der Bevölkerung (Entfremdung, Identifikationsverlust)? Stellen sich diese Aspekte in verschiedenen Ländern ähnlich dar? Welche Faktoren beeinflussen die Bildung und die Leistungsfähigkeit von Metropolregionen?
  • Vergleichende lokale Beteiligungsforschung und bürgerschaftliches Engagement:
    Die Beteiligung an lokalen Wahlen hat in den letzten 15 Jahren dramatisch abgenommen. Warum ist dies der Fall? Was hat das zu bedeuten? Gleichzeitig sind neue Formen lokaler politischer Beteiligung wie z.B. Bürgerbegehren und Bürgerentscheide oder die Direktwahl der Bürgermeister in allen Bundesländern eingeführt worden. In welchem Ausmaß werden diese Beteiligungsformen überhaupt genutzt? Wovon hängt ihre Nutzung ab? Welche Folgen haben diese Reformen im Hinblick auf die Responsivität lokaler Politik und das Verhalten der politischen Entscheidungsträger (Bürgermeister, Gemeinderäte, Verwaltungsfachleute)? Verändern sie auch die Effizienz lokaler politischer Entscheidungen? Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang bürgerschaftlichem Engagement in Vereinen und anderen Freiwilligenorganisationen zu? Tragen auch solche Organisationen zur Entstehung von "sozialem Kapital" bei?
  • Einstellungen gegenüber der lokalen und nationalen Politik in Europa:
    Welche Zusammenhänge bestehen zwischen den Einstellungen der Bürger zur lokalen Politik und ihren Einstellungen gegenüber der nationalen Politik? Kann die lokale Demokratie die politischen Einstellungen der Bürger gegenüber anderen Ebenen positiv beeinflussen? Welche Rollen spielen diesbezüglich die Größe der Kommunen, ihre eher konsensual- oder mehrheitsdemokratische Struktur sowie ihre Einbettung in unterschiedliche staatliche Organisationsformen, wie beispielsweise eine föderalistische Struktur wie in der BRD oder eine stärker zentralistische Organisationsform wie in Frankreich?

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