Der diesjährige KLAUS-HUMPERT-PREIS steht unter dem Motto ’Sehnsucht
Stadt’.
Er will anregen, sich mit dem Verlangen nach und der
emotionalen Beziehung zu städtischen Lebensräumen kritisch und
vorausdenkend auseinanderzusetzen.
Die folgenden persönlichen Statements sind dazu gedacht, einen
Diskurs zum Thema 'Sehnsucht Stadt' zu starten und die Wettbewerbsteilnehmer
zu inspirieren. Die Auslober danken den beteiligten Hochschullehrern
dafür, dass sie sich mit den folgenden Äußerungen in den
KLAUS-HUMPERT-PREIS eingebracht haben:
Paris! New York! Rio! Venedig! Shanghai! ... Große Städte sind Hyperzeichen, die mächtig in die Fantasie greifen, Sehnsuchtsorte einer jeden Zeit und Lebenslage: Die Liebenden und Paris. Die Juppies und London. Die Arbeitsmigranten und Shanghai. Die Kreuzritter und Jerusalem. Die Kulturpessimisten und Babylon. Die Hochzeitspaare und Venedig! Die Lebenskünstler und Berlin! Die muslimischen Pilger und Mekka. Die Zocker und Las Vegas. Die Computerfreaks und SimCity. Die Modernen und die Stadtmaschine. Städte sind immer schon Projektionsflächen von Hoffnungen und Leidenschaften. Ihre Magie beruht darauf, dass sie als soziale Gesamtkunstwerke jeden stadtplanerischen Horizont überschreiten.
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug, Bauhaus-Universität Weimar
Wenn es wahr ist, dass die Stadt eine Bühne ist, wenngleich eine sui generis, mitbestimmend und interaktiv, sollte das Leben auf dieser Bühne nicht in vorbestimmte Bahnen gelenkt werden, sondern sich in Freiheit entfalten. Wenn es wahr ist, dass die Stadt Ausdruck der höchsten Stufe des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist, sollte sie nicht zum gebauten Emblem eines losgelassenen Individualismus geraten, sondern gerade das darstellen, was den Individuen neben dem notwendigen Spielraum den nicht minder notwendigen sozialen Zusammenhalt gibt. Mit anderen Worten: Damit die Menschen sich frei ausleben können, sollte sich die Stadt bescheiden und großzügig zurückhalten.
Prof. Dr. Vittorio Magnago Lampugnani, ETH Zürich
In Sehnsucht Stadt begegnen die Möglichkeiten, die wir erträumen, den Möglichkeiten, die wir versäumen.
Prof. Dr. Benjamin Davy, Universität Dortmund
Erinnerungsfähigkeit der Europäischen Stadt macht süchtig
Mit aller Kraft wenden wir uns der behutsamen Entwicklung
unseres höchsten Kulturguts, der Europäischen Stadt zu und vermeiden
es, kraftlosen Stadtschrumpfungsszenarien auf der Grundlage
biologistisch inspirierter Demografievisionen zu folgen. In der globalisierten
Welt muss
mehr denn je die Unverwechselbarkeit des urbanen Netzwerks
Stadt kreativ gestaltet werden. Es ist wie ein kunstvoller Teppich weiter
zu weben, dessen
Kettfäden die baugeschichtliche Tradition tragen und die Schussfäden
die Innovation bilden. Die Erinnerungsfähigkeit und Erkennbarkeit der
Stadt ist zukunftsgerichtet zu stärken, statt austauschbares, internationales
Städtebau- und Architekturdesign zu kultivieren. Sehnsuchtsentwürfe
generieren erinnerungsfähige Bilder zur Europäischen Stadt von
Morgen. Und wenn Jean Paul Sartre die „"Sehnsucht der Jugend
nach Zukunft" (der Stadt) heute feststellen würde, wäre
die Ergänzung bestimmt durch ihn erfolgt.
Prof. Dr. Jürg Sulzer, Technische Universität Dresden
Welchen Beitrag können wir als Architekten und Planer zum Entstehen einer neuen Urbanität leisten? Die Urbanität von morgen kann nicht die gleiche sein wie gestern. Sie muss sich aus den veränderten Rahmenbedingungen als neues Verständnis von Stadt und Landschaft emanzipieren.
Prof. Christa Reicher, Universität Dortmund
Die Stadt und ihre Orte sind gebauter Raum, Plätze und Stätten der Kontinuität und des Wandels. Sie haben einen Bedeutungsüberschuss mit ihrem Image und ihren Symbolen als Postkartenbilder für den Gast. Lebe ich in ihr, nehme ich meine Stadt aber jeden Tag nicht nur in ihrer Ästhetik, sondern auch in ihrem Gebrauchswert wahr. Dieser wird davon beeinflusst, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, alt oder jung, wo, wie und mit wem ich wohne, was ich arbeite, wie viel Geld und individuelle, aber auch gesellschaftliche Anerkennung ich für meine Arbeit erhalte. Meine Sehnsucht nach Stadt wird von Orten des Wohl-Fühlens und der Anregung, Orten der Nähe und Distanz, aber auch den Möglichkeiten der Wahl und der Teilhabe bestimmt.
Prof. Sabine Baumgart, Universität Dortmund
Das Fremdsein und das Unbekannte sind in der Stadt die Normalität. Man kann sie wahrnehmen, ohne dabei Isolation und Einsamkeit zu empfinden. Dies führt zu einer grossen Bereitschaft zu Begegnungen. Weniger vielleicht um das Fremdsein aufzugeben, als vielmehr um ihm Gestalt zu geben.
Prof. Holger Schurk, Berner Fachhochschule
Sehnsucht benennt ein Gefühl des Verlangens und Begehrens. Ein heftiges Gefühl, das in verschiedenen Konnotationen jeweils Elemente des Schmerzes und Verlustes enthält. Todessehnsucht, Heimweh, Liebesschmerz richtet sich jeweils auf das Abwesende. Sehnsucht ist ein starkes Gefühl mit heftigen körperlichen Symptomen. Wer Sehnsucht hat, leidet.
Sehnsucht Stadt. Wer leidet? Was wird vermisst? Was ist das Objekt der Begierde? Welche Vorstellung von Stadt ist Auslöser solch heftiger Gefühle? Was ist Stadt? Was ist Stadt heute? Oder richtet sich das Verlangen auf vertraute Phänomene der jeweiligen biographischen Vergangenheit des sehnsüchtigen Individuums? Gibt es eine kollektive Sehnsucht, die auf einem kollektiven Gedächtnis basiert und ein Bild von Stadt im Sinn hat, das wir in dieser Klarheit nie real antreffen? Ist Stadt insofern immer unzureichend, weil anders und widersprüchlich? Haben wir Sehnsucht nach fremden Städten, weil nur in der Ferne sich Hoffnungen zu erfüllen scheinen? Wollen wir dort Vergangenheit lesen können oder die Zukunft aufscheinen sehen? Suchen wir dort ein besseres Leben? Sieht das ein anatolischer Bauer anders als ein Modedesigner in Istanbul? Ist Landflucht gleich Sehnsucht nach Stadt? Ist diese Sehnsucht nicht nur eine romantisierende Vorstellung von Urbanisten, die nichts mit normalen ökonomischen Antrieben zu tun hat? Trifft diese Sehnsucht auch eine typische deutsche Kleinstadt? Oder erliegen wir dem Mythos von Metropolen wie New York? Sehen wir Architekten das anders als zum Beispiel Musiker? Sollen Städte schön, interessant, verstörend, stabilisierend sein? Welche Stadt wollen wir?
Prof. Sophie Wolfrum, Technische Universität München
Sehnsucht? Oder Sucht?
Jahrtausendealte kollektive Lebenssucht!
Chance oder Risiko?
Chance zum kollektiven Überleben genusssüchtiger Individuen auf
Kosten ausgebeuteter Naturräume?
Ressourcenverschlingender, energiegefräßiger Moloch oder emissionsarme
Umweltoase?
Spaß ohne Ende oder Horror bis zum Abwinken?
Prof. Dr. Thomas Jocher, Universität Stuttgart
Wenn die Stadt als menschengemachter Artefakt das gesellschaftliche Phänomen und das gebaute Symbol für das ständige Ringen zwischen wirtschaftlichem Denken mit ästhetischem Ausdruck, Repräsentationswillen, sozialer Verantwortung und ökologischen Zielen ist, dann ist Sehnsucht Stadt der Wunsch nach dem Ausgleich zwischen diesen Polen.
Je stärker die Sehnsucht, die Suche nach der zeitgemäßen Stadt, desto klarer die Diagnose der Ungleichgewichte zwischen den ökonomischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Determinanten gesellschaftlichen Lebens. So gesehen ist die momentane allgegenwärtige Anwesenheit des Themas Stadt und Metropole in Publikationen, Veröffentlichungen, Berichten, Ausstellungen, Biennalen, etc. ein klares Indiz für die allgemeine Sehnsucht nach der (städte)baulichen und gesellschaftlichen Synthese der aus einem Gleichgewicht geratenen Kräfte. Eine spannende Suche, genährt von der immer währenden Sehnsucht nach Geborgenheit und Ausgleich, nach glücklichen Zeiten in inspirierenden Räumen, Stadträumen.
Prof. Ingrid Burgstaller, Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg
Jean Grondin (Professor für Philosophie / Montreal und weltweit renommiertester
Gadamer Experte) schreibt über das “"Verstehen"” bei
Hans-Georg Gadamer: “"...ein Geschehen, das uns trifft und umhaut".
Entwerfen braucht ein solches Verstehen, es ist ein solches
Geschehen.
Prof. Dr. Hille von Seggern, Leibniz Universität Hannover
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