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Geist trifft Maschine

Steinfuß-Theater trifft IGMA-Architektur

Das Steinfuß-Theater und das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen arbeiten an
einem innovativen Lehrprojekt, in dem Studierende unterschiedlichster Fächer gemeinsam ein
Theaterstück zur Aufführung bringen. Geist des Theaters trifft auf Maschine innovativer, medialer
Bühneninstallationen.

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1. Das Steinfuß-Theater im Studium Generale

Das Steinfuß-Theater ist 1990 als freier Zusammenschluss von Studenten entstanden. Der Name wurde von einer Skulptur auf dem Vaihinger Campus der Universität Stuttgart übernommen. Bis 1995 wurden mit Unterstützung der Studentenvertretung mehrere Stücke in eigener Regie erarbeitet und aufgeführt. 1995 wurde das Theater in das Programm des Studium Generale aufgenommen, dessen Aufgabe unter anderem darin besteht die geistigen, musischen und künstlerischen Interessen der Studierenden durch ein vielseitiges Veranstaltungsangebot zu fördern. Folgerichtig passt das Steinfuß-Theater bestens in das Konzept und den Sinn eines Studium Generale. Im selben Jahr übernahm der Regisseur Boris Hauck die künstlerische Leitung, die er bis Herbst 2002 behielt. Zu den in dieser Zeit gespielten Stücken zählten zahlreiche Klassiker wie Antigone, Orpheus und Romeo und Julia, aber auch
Literaturadaptionen wie Don Quijote de la Mancha.
Seit dem Wintersemester 2002 führt die Regisseurin Adelheid Schulz das Steinfuß-Theater. Unter ihrer Regie wurden moderne Werke wie Peanuts von Fausto Paravidino und selbstentwickelte Produktionen wie Alysses und ColumBUS 2008 auf die Bühne gebracht. Alle Aufführungen des Steinfuß-Theater waren sehr gut besucht und stießen beim Publikum auf große Begeisterung.

2. Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen in der Fakultät 1

Das Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) versteht Architektur als konzeptionelle und experimentelle Disziplin, die in verschiedene Richtungen jenseits des Hochbaus erweiterbar erscheint: Es geht an dem 1968 von Prof. Dr. Jürgen Jödicke gegründeten Institut um zukunftsorientierte Arbeitsweisen, Themen und Strategien des Entwerfens unter Einbeziehung neuester medialer Möglichkeiten. Gerade experimentelle Methoden der Formfindung für multimediale und interaktive Installationen, Filme und räumliche Interventionen stehen im Fokus der Lehre und Forschung. Neben der Lehre digitaler Tools, angewandter Programmiersprachen und architektonischer
Strategien, geht es auch um Reflektion zeitgenössischer künstlerischer und kulturtheoretischer Positionen. Dabei ist der interdisziplinäre Austausch mit Regisseuren, Geistes- und Sozialwissenschaftlern eine wichtige Form künstlerischer, theoretischer und sozialer Reflektion.In diesem innovativen Feld sieht das IGMA die Zukunft der Architekturlehre, die Architektinnen und Architekten zunehmend für unterschiedlichste Berufe ausbilden muss, in denen neue kreative, intellektuelle und soziale Kompetenzen gefragt sind. In diesen wird es nicht nur um neue Produkte, Dienstleistungen und Ideen gehen, sondern auch um Fragen neuer strategischer Verfahren, entwerferischer Positionierung und kultureller Kontextualisierung. Dabei erscheint der interdisziplinäre Austausch unerlässlich.

3. Steinfuß-Theater und IGMA: Ein innovatives Lehrkonzept der doppelten Interdisziplinarität

Seit 2011 entwickeln das Steinfuß-Theater und das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen ein innovatives Lehrprojekt, in dem Studierende unterschiedlichster Fächer gemeinsam ein Theaterstück zur Aufführung bringen. Unter Leitung der Regisseurin Adelheid Schulz erarbeitet das Studium Generale ein Lehrkonzept für das studentische Schauspielen, während das IGMA Theaterarchitektur und Bühnendesign in die Entwurfslehre integriert. Geist des Theaters trifft auf Maschine innovativer, medialer Bühneninstallationen.
Für Studierende im Studium Generale, die im Steinfuß-Theater schauspielen, eröffnet sich ein geistiger Horizont jenseits ihrer meist ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengänge (ein Großteil der Schauspieler im Steinfuß studiert Maschinenbau, Informatik und Physik). Sie erlernen nicht nur eigene Ausdrucksweisen und kreative Sprachformen für die Bühne, sie können zugleich ihren künstlerischen Interessen nachkommen und sich intellektuell mit neuen Themen auseinandersetzen. Im Feld der fachübergreifenden Schlüsselqualifikationen gibt es wohl keinen Kurs, der kommunikative Fähigkeiten, Präsentationsfähigkeiten und Moderationsfertigkeiten in diesem Maße ausbildet und kreativ fördert. Das Erlernen von Basiskompetenzen wie Kooperationsfähigkeit und Fairness, Dialogfähigkeit und das Verstehen von Gruppenprozessen verbessert die sozialen Fähigkeiten aller teilnehmenden Akteure. Personale Kompetenzen, die Fähigkeit zur Selbstregulation, zum Selbststudium und zum Zeitmanagement kommen hinzu.
Ab dem Wintersemester 2012/2013 sollen daher die Studierenden, die aktiv im Steinfuß-Theater mitwirken, fachübergreifende Schlüsselqualifikationen erwerben können. An einer dementsprechenden Modularisierung der Theaterarbeit wird bereits gearbeitet.
Eigeninitiative ist ebenso zentral wie der Austausch über Arbeitsweisen und methodische Verfahren, da Studierende zusammen kommen und in einem Team gemeinsam an einem Realisierungsprojekt arbeiten. Neben den sozialen Kompetenzen erarbeiten sie sich dabei die Fähigkeit, zielorientiert zu handeln und unter Zeitdruck, ein, im wahrsten Sinne des Wortes, „vorzeigbares“ Ergebnis zu liefern. Im Steinfuß lernen Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler und Ingenieure ein geistiges Produkt „spielerisch“ und zugleich organisatorisch mit Leben zu erfüllen. Dies ist jedoch erst die eine Hälfte des Lehrprojektes. Hinzu kommt der Entwurf und die Umsetzung der Theaterarchitektur und des Bühnendesigns von Seiten des Instituts Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen. Hier entsteht ein weiterer interdisziplinärer und kreativer Dialog durch das Aufeinandertreffen von Darstellender Kunst mit Architektur und Medientechnologie.
Für die Architekturlehre am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) eröffnet die Kooperation (Entwurf von Theaterarchitektur, Bühnenbild und Requisite) mit dem Steinfuß-Theater auf unterschiedlichen Ebenen neue Horizonte.
Als Disziplin hat die Architektur seit Mitte des 20. Jahrhunderts große Veränderungen durchlaufen: Globalisierung und Ökonomisierung haben die Möglichkeiten für junge Architekten und Absolventen im Hochbau reduziert, der Arbeitsmarkt (in Mitteleuropa) erscheint enger und die Bedingungen schlechter. Gerade als Absolvent gilt es heute mehr denn je, sich von der Masse abzusetzen, das eigene Profil zu schärfen und Praxiserfahrung zu sammeln. Die Lehre hat erst begonnen, auf diese Veränderungen zu reagieren – in weiten Teilen besteht sie noch aus Inhalten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Neue Möglichkeiten – jenseits des Hochbaus – werden erst langsam erschlossen. In diesem Sinn, zeigt sich die Lehrkooperation zwischen dem Steinfuß-Theater und dem IGMA und Entwerfen als wegweisend: Die Entwurfs- und Theorielehre kann sich aktuelle inhaltliche Felder (wieder) erschließen, darunter den kreativen Umgang mit Texten und Literatur, die experimentelle Arbeit mit neuen Medien, die kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Partizipation und sozialer Interaktion und die Organisation und Realisierung eines
Projektes mit begrenzten ökonomischen Mitteln.
Im Allgemeinen ist die Kluft zwischen Theorie und Praxis ein altes Thema der Architekturlehre und nur schwierig zu bewältigen. Die Relevanz der einen für die andere ist nicht einfach zu vermitteln in einer Lehre, die vor allem auf entwerferischer, das heißt, praktischer Projektarbeit beruht. In diesem Kontext erscheint die Aufgabe, Theaterarchitektur und Bühnenbild für ein konkretes literarisches Stück zu entwerfen, wegweisend. Hier erfahren die Studierenden nicht nur inspirierende Impulse für die eigene kreative Arbeit, sie sind angewiesen auf textlichen Input, sie erlernen Interpretationsansätze, setzen sich kritisch mit Ideen auseinander und verstehen den Zusammenhang zwischen Inhalt und Form auf sehr direkte Art und Weise. In der konkreten Kooperation mit Adelheid Schulz, der Regisseurin des Steinfuß-Theaters, zeigt sich ihre textliche und inszenatorische Arbeit von großer Bedeutung: die Studierenden der Architektur erfahren in der Beobachtung der Theaterarbeit auch zentrale Aspekte der architektonischen Arbeit: der Zusammenhang zwischen Form und Bedeutung, die Reflektion der Interaktion zwischen Mensch und Raum, die Kraft von Bild und Licht, etc.
Während die konventionelle architektonische Lehre sich meist auf Felder des Hochbaus beschränkt, eröffnet die Arbeit am Bühnenbild neue experimentelle Möglichkeiten. Nicht nur Video und Audio sind Teil moderner Inszenierungen, sondern auch interaktive Installationen, selbst-programmierte Applikationen und robotische Anwendungen. Der Entwurf einer temporären Arbeit beweist hier Offenheit für Innovationen, für riskante Versuche, prototypische Verfahren und Basteleien. Gerade in Hinblick auf einen engen Arbeitsmarkt, können hier Fähigkeiten entwickelt und individuelle Talente gefördert werden, die auf dem hoch differenzierten Markt gefragt sind. Zudem kann die Theaterarbeit selbst neue Lücken in der Architektur aufzeigen, neue Veranstaltungsformen und -formate implizieren, performative Aspekte unserer Kultur berücksichtigen, und die digitale Kultur nutzen. Schliesslich geht es auch um die Erforschung neuer Vermittlungsformen, die den klassischen akademischen Rahmen sprengen, Diskussionen provozieren, Forschungen und Interventionen anregen.
Mehr denn je wird in der hoch arbeitsteiligen architektonischen Kultur nach social skills und Teamfähigkeit gefragt. Die Zusammenarbeit mit dem Steinfuß-Theater bedeutet nicht nur den Dialog und die Diskussion zwischen Architekturstudenten und "Bauherrin" Adelheid Schulz, sondern auch die Auseinandersetzung mit schauspielenden Studierenden unterschiedlicher Disziplinen. An der Ideenfindung, Organisation und Umsetzung sind alle beteiligt – am Ende ist die produktive Zusammenarbeit unbedingte Voraussetzung für das Gelingen des Projekts. Insofern sind Team-
Bildung und Gruppendynamik für jeden einzelnen ein wichtiger zu erlernender Bestandteil dieser Projekt- und Entwurfsarbeit.
Am Ende werden in dieser Kooperation schon während des Studiums Netzwerke kreativer, an Wissenschaft und Kunst gleichermaßen interessierter Menschen geknüpft, die mit ihren Aufführungen dazu beitragen, die Uni Stuttgart näher an die Stadt Stuttgart zu rücken. Dabei geht es auch darum, Inhalte der universitären Arbeit in die Bürgerschaft und gesellschaftliche Fragen aus der Stadt in die Uni zu tragen.
Oftmals wirft man der universitären Ausbildung in Deutschland Praxisferne vor. In der Organisation und Umsetzung einer Steinfuß-Inszenierung geht es nicht nur um die Suche nach einem Spielort, um Finanzierung und Sponsoring, um Fragen der technischen Machbarkeit, sondern auch um eigenhändige Umsetzung. So sind alle Studierende mit Bau, Video- und Audioeinspielungen, Lichttechnik, Programmierung, Requisite, Kostüm und Grafik "hands-on" beteiligt. Sie bekommen klassische Probleme der Baustelle mit, lernen zu improvisieren und erfahren die Bedeutung von
Zeitmanagement in der Projektarbeit.