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Prof. Dr. phil. Daniela Marzo
Institut für Romanische Philologie
der Universität München
Raum 518
Schellingstr. 3, Vordergebäude
80799 München

Telefon: +49 (0)89 2180-1201
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Die sprachlichen Varietäten Sardiniens (Seminar mit Exkursion, 2011)


1. Das Seminar

Im SoSe 2011 fand in der Abteilung Romanistik des Institutes für Linguistik der Universität Stuttgart ein von Daniela Marzo geleitetes Seminar zum Thema Die sprachlichen Varietäten Sardiniens statt. Im Rahmen des Seminares fanden ein wissenschaftlicher Workshop zum Thema Le varietà linguistiche della Sardegna, zu dem u.a. Prof. Dr. Eduardo Blasco Ferrer (Universität Cagliari) und Prof. Dr. Peter Koch (Universität Tübingen) geladen waren, sowie eine Exkursion nach Sardinien statt. Ziel des Kurses war es den Studierenden die Möglichkeit zu geben, theoretische varietätenlinguistische Fachkenntnisse insofern praktisch anzuwenden, als sie vor Ort in Sardinien in kleinem Rahmen eigene varietätenlinguistische Datenerhebungsprojekte durchführen konnten (s. Punkte 4. und 5.). Die Studierenden, die an diesem Kurs teilnahmen, waren Studierende im 2. Semester des Stuttgarter Bachelorstudienganges Romanistik (in alphabetischer Reihenfolge Antonella Gagliano, Friedemann Götz, Hanna Huet, Giuseppe Misitano, Manuela Mohr, Roberta Visciglia, Svenja Weisser, Monika Westhoff und Matthea Wilsch).

 

2. Die sprachlichen Varietäten Sardiniens

Die Vielfältigkeit der sprachlichen Varietäten Sardiniens eignet sich besonders gut, um den Studierenden Lerninhalte der romanistischen Sprachgeschichte und Varietätenlinguistik nahezubringen. Neben dem Italienischen werden in Sardinien zwei Regionalsprachen (das Sardische und das Katalanische) gesprochen. Vor allem der Kontakt des Sardischen mit dem Italienischen hat zur Herausbildung des diatopisch stark markierten sardischen Regionalitalienisch geführt. Auch die sardischen Dialekte, die i.A. in zwei bis drei Makrovarietäten eingeteilt werden (das Campidanesische im Süden, das Logudoresische im Norden und das Nuoresische in Zentralsardinien), divergieren beträchtlich. Im Norden der Insel werden zudem das Galluresische und das Sassaresische gesprochen, die heute i.A. dem italienischen Varietätenraum zugeordnet werden, sowie im Süden (auf den Inseln Carloforte und Sant’Antioco) das Carlofortinische, ein Dialekt ligurischer Herkunft (für einen ausführlicheren Überblick über die in Sardinien gesprochenen Varietäten s. z.B. Bossong 2008 oder Virdis 1988).

 

3. Die soziolinguistische Situation des Sardischen

Lange Zeit ging man davon aus, dass von den 1,6 Mio. Einwohnern Sardiniens ca. 1,5 Mio. (also rund 80% der Bevölkerung, s. z.B. Mensching 32004: 13) das Sardische sprechen. Dass diese Zahlen heute nicht unbedingt zutreffen, zeigen u.a. auch die Ergebnisse der neuesten soziolinguistischen Umfrage der Region Sardiniens (Oppo 2007: 7), laut der nur 68,8% der Befragten neben dem Italienischen auch eine lokale Varietät der anderen auf Sardinien gesprochenen Sprachen (also nicht-sardische Varietäten eingeschlossen) aktiv beherrschen, 29% der Befragten angeben, eine der Varietäten passiv zu beherrschen, und 2,7% ausschließlich das Italienische sprechen. Zu bedenken ist auch, dass der Gebrauch und die Vitalität des Sardischen diatopisch und diaphasisch stark variieren. So stellt z.B. Gaidolfi (2010) für Zentralsardinien zunächst ein starkes Gefälle zwischen der weniger sardophonen Stadt Nuoro und dem stärker sardophonen Dorf Irgoli fest. Sie beobachtet in ihrer Studie aber auch, dass selbst auf dem Land längst nicht mehr alle das Sardische aktiv beherrschen (Gaidolfi 2010: 244). Hinzu kommt, dass diejenigen, die das Sardische aktiv beherrschen, dieses v.a. im Nähebereich (nach Koch/Oesterreicher 1985) anwenden (s. Gaidolfi 2010: 241). Insgesamt bestätigt Gaidolfi (2010: 242) so die Tendenz zum Sprachenwechsel vom Sardischen zum Italienischen, die bereits in den 80er Jahren von Rindler Schjerve für die Orte Ottava und Bonorva (s. z.B. Rindler Schjerve 1987: 346-351) festgestellt wurde. Dieser drohende Sprachenwechsel in Sardinien spiegelt sich auch in den Ergebnissen zweier Studien des italienischen nationalen Statistikinstituts (ISTAT) zum Sprachgebrauch in allen Regionen Italiens wider: Die Verwendung des Italienischen in sardischen Familien hat von 2000 bis 2006 um ca. 6% zugenommen (ISTAT 2007).

 

4. Stationen und Programmpunkte der Exkursion nach Sardinien (25.09.11-30.09.11)

 

24.09.11

- Ankunft in Olbia 

- Erste Interviews mit Privatpersonen

25.09.11

- Weiterfahrt nach Nuoro 

- Treffen mit dem Lehrer, Verleger und Sprachpolitiker Diego Corraine zum Thema der Standardisierung und Normalisierung des Sardischen

26.09.11

- Weiterfahrt nach Cagliari

- Interviews mit Privatpersonen

27.09.11

 - Treffen mit (Oreste Pili), Koordinator des Portalitu de sa lìngua sarda de sa Provincia di Cagliari. Thema: Standardisierung und Normalisierung des Sardischen in der Provinz Cagliari.

- Treffen mit Prof. Dr. Ignazio Putzu (Direktor des Dipartimento di Linguistica e stilictica der Universität Cagliari) und Prof. Dr. Roberto Coroneo (Vorstand der Facoltà di Lettere e Filisosfia der Universität Cagliari) zum Thema der Rolle des Sardischen an den Schulen und Universitäten Sardiniens

28.09.11 

- Weiterfahrt nach Loceri             

- Veranstaltung im Rathaus des Dorfes Loceri zum Sprachverhalten der Muttersprachler des Sardischen, organisiert von Vizebürgermeister Gianclaudio Serra.

29.09.11

- Toponomastische Wanderung

- Besuch des Nuraghe Scerì Ilbono

30.09.11 

- Weiterfahrt nach Orgosolo

- Besichtigung der Murales unter varietätenlinguistischer Perspektive

- Rückflug nach Stuttgart

  

 

5. Die Datenerhebungsprojekte der Studierenden

Die Studierenden hatten die Aufgabe in kleinem Rahmen zu aktuellen Themen rund um die sardische Sprache linguistische Datenerhebungsprojekte zu entwickeln und durchzuführen. Vorrangiges Ziel der Übung war jedoch nicht eine erschöpfende und umfassende Studie zu den jeweiligen Themen. Vielmehr ging es darum, dass die Studierenden ein selbst konzipiertes Datenerhebungsprojekt in eigener Verantwortung realisieren und so auch die Möglichkeit haben sollten, das im Seminar erlernte Fachwissen zu Varietätenlinguistik und Datenerhebungstechniken vor Ort praktisch anzuwenden. Die im Folgenden dargestellten Studien erheben also keinerlei Anspruch auf statistische Repräsentativität und inhaltliche Vollständigkeit. Dennoch denken wir, dass sie einen Eindruck von der aktuellen sprachlichen und sprachpolitischen Situation auf Sardinien vermitteln können.

Das Sprachverhalten der Sarden im Alltag (von Giuseppe Misitano und Friedemann Götz)

Die Standardisierung der sardischen Sprache. Oder: Wieviele Standardsprachen für das Sardische? Und welche? (von Matthea Wilsch)

Die Rolle des Sardischen an sardischen Schulen und Universitäten (von Svenja Weisser)

Die Massenmedien auf Sardinien (von Svenja Steck)

 

6. Bibliographie

Bossong, G. (2008): Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg.

Gaidolfi, S. (2010): „Die Vitalität des Sardischen“, in Becker, L. u.a. (Hg.), Grenzgänger & Exzentriker. Beiträge zum XXV. Forum Junge Romanistik in Trier (3.-6. Juni 2009), München, 229-246.

ISTAT (2007): La lingua italiana, i dialetii e le lingue straniere, Rom.

Koch, P./Oesterreicher, W. (1985): „Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte“, in Romanistisches Jahrbuch 36, 15-43.

Mensching, G. (32004): Einführung in die sardische Sprache, Bonn.

Oppo, A. (2007): „Conoscere e parlare le lingue locali”, in Oppo, A. u.a. (Hg.), Le lingue dei sardi. Una ricerca sociolinguistica, Cagliari, 7-45.

Rindler-Schjerve, R. (1987): Sprachkontakt auf Sardinien. Soziolinguistische Untersuchungen des Sprachenwechsels im ländlichen Bereich, Tübingen.

Virdis, M. (1988): „Sardisch: Areallinguistik", in Holtus, G./Metzeltin, M./Schmitt, C. (Hg.), Lexikon der romanistischen Linguistik, Bd. IV, Tübingen, 897-913.