Aktuelle Projekte

DIE SELBSTÄNDIGE ZEICHNUNG – EIN MEDIALES EXPERIMENT, OBERDEUTSCHLAND 1480-1530

Künstler wie Hans Baldung Grien oder Albrecht Altdorfer haben selbständige Zeichnungen hergestellt, die nicht der Vorbereitung eines anderen Werkes dienten. Dies ist der spezialisierten Forschung gut bekannt, ja selbstverständlich, wenig beleuchtet ist indes die medienhistorische Dimension ihrer Etablierung um 1500, die im Zentrum des Projekts steht. Denn nach der Ausbreitung der Druckgraphik im 15. Jahrhundert entsteht mit der selbständigen Zeichnung ein neues Bildmedium.

Ich verfolge insbesondere diese Fragen: 

  • Viele selbständigen Zeichnungen fallen durch ihre experimentelle Formensprache auf: Sie muten den Betrachter*innen nicht selten eine überbordende Kalligraphie, merkwürdige Perspektiven und verrätselte Motive zu. Welche kompositorischen und narrativen Strategien die Künstler hier verfolgten, versuche ich zu verstehen.
  • Das bevorzugte Medium der selbständigen Zeichnungen sind Helldunkelzeichnungen. Was für ein Potential dieser Zeichnungstypus den Künstlern geboten hat und wie sie es einsetzten, untersuche ich in einem DFG-finanzierten Forschernetzwerk aus Kunsthistoriker*innen und Restaurator*innen.
  • Die selbständigen Zeichnungen bereiteten sich vor allem im oberdeutschen Raum aus. In Italien sind sie weit seltener, obwohl die dortige Aufwertung der Bildkünste und der Künstler sowie vor allem die Ausbildung der Disegno-Theorie die Etablierung der selbständigen Zeichnung begünstigt haben müssten. Zu diesem paradoxen Befund fand im Frühjahr 2016 am Kunsthistorischen Institut in Florenz /Max-Planck-Institut die Tagung " Jenseits des disegno? Die Entstehung selbständiger Zeichnungen in Deutschland und Italien", statt.
  • Die Forschung zu den deutschen Zeichnungen um 1500 ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark vom politischen Kontext sowie wenig hinterfragten Pardigmen der Zeichnungsforschung geprägt, so dass sich Fragen stellen wie: Auf welchen impliziten Grundannahmen  baut die Zeichnungsforschung auf? Wie, wann und warum entsteht die Vorstellung, dass Zeichnungen Ausdruck des Künstlers sind? Ist das Ausdrucksparadigma ein adäquates Modell für die Kunst um 1500? In welchem wissenschaftsgeschichtlichen Kontext steht es?"

 

„UMORDNUNG UND UNORDNUNG AUF DEM KALVARIENBERG – DIE DARSTELLUNG DER PASSION CHRISTI IN DER DEUTSCHEN KUNST UM 1500“

In altdeutschen Passionsdarstellungen wurden zu Beginn des 16. Jahrhunderts die maßgeblichen Darstellungskonventionen außer Kraft gesetzt. In Kreuzigungen von Cranach, Altdorfer, Huber, Holbein, Baldung und Grünewald wird Christus aus der hieratischen Position in der Mitte der Komposition, die er für über tausend Jahre besetzte, an den Rand geschoben. Auch bei anderen Passionsmotiven erscheint Christus häufig marginalisiert oder perspektivisch verzerrt. Sein Körper oder sein Gesicht sind dem Blick des Betrachters entzogen. Die Bilder verletzen anscheinend unbekümmert das Decorum und das Gebot der Bibeltreue. Diese ‚exzentrischen‘ Kalvarienszenen existierten – mit wenigen Ausnahmen – nur in Deutschland und in dem engen Zeitraum zwischen 1503 und 1533. Den Gründen für ihr Entstehen, ihren kurzzeitigen Erfolg und ihr Verschwinden gehe ich in meinem Buchprojekt nach. Sie suche ich nicht allein im religionsgeschichtlichen Kontext, sondern genauso in der zeitgenössischen medienhistorischen Situation, die durch die Etablierung der Druckgraphik geprägt ist. Die Dynamiken der Um- und Unordnung beleuchte ich vor dem Hintergrund langfristiger Prozesse der Konventionsausbildung. Die Grundfrage, die mich bewegt, ist: Was induziert Veränderung, wodurch entstehen Konventionen?

 

BERG – WALD – FLUSS. DER BLICK AUF DIE LANDSCHAFT IN GRAPHIKEN WOLF HUBERS UND SEINER ZEITGENOSSEN

Es besteht allgemeiner Konsens darüber, dass Wolf Huber und Albrecht Altdorfer die ersten autonomen Landschaftsbilder schufen, doch was für Landschaften sie darstellten, ist kaum untersucht. Im Zentrum des Projektes soll die Frage stehen, auf welche Bildbedürfnisse ihre vielen Landschaftsgraphiken und wenigen Landschaftsgemälde reagierten. Dabei verbinde ich eine sozialhistorische mit einer medienhistorischen Perspektive.