kolloquium

KOLLOQUIUM:
‚ZUKUNFT DER STADT – LEITBILD VS. PROJEKT’

Im Jahre 1961 erfuhr die kürzlich verstorbene Jane Jacobs weltweite Aufmerksamkeit für ihr Buch „The Death and Life of Great American Cities“. Sie beschrieb dort die Stadt als Produkt und Produzent ökonomischer und sozialer Prozesse und widersprach der Vorstellung, Städte könnten etwa Ergebnisse von Politik oder gar Planerentwürfen sein – genauer: sie vertrat die Ansicht, sie dürften nicht die Ergebnisse von Politik- oder Planerentwürfen werden.Wenn Jacobs noch meinte, sich gegen die finiten Bilder einer
technik- und wachstumseuphorischen Planergeneration wehren zu müssen, stellt Rem Koolhaas 1993 fest, daß in einer globalisierten Welt die Vorstellungen von einer ganzheitlichen Planbarkeit der Stadt längstens obsolet geworden sind. Was bliebe, wäre das singuläre Ereignis, das Projekt...
"Wir haben heute die Möglichkeit verloren, eine Stadt in ihrer dreidimensionalen Substanz zu planen, sie als Vision zu betrach- ten, als Modell. Diese Zeit ist für immer vorbei. Man kann nichts mehr bestimmen und verfügen, man kann nur noch versuchen, jene Prozesse zu regulieren, modifizieren, umlenken, die sowieso stattfinden. Man kann Prozesse nicht blockieren oder in völlig andere Richtung lenken." (Rem Koolhaas, 1993)
Immer noch wehren sich viele Architekten und Stadtplaner, aber auch Politik und Gesellschaft gegen diese Feststellung. Bislang bleibt die idealistische Vorstellung weit verbreitet, Städte könnten mit Hilfe von Leitbildern „finit“ beschrieben und gestaltet werden, ohne dass dabei etwas Wesentliches vermisst werden müsste. Dahinter steht die Einsicht, dass wir nach wie vor konkrete Anschauungen benötigen – lebendige Bilder davon, ob und wie eine Stadt anders sein könnte, als sie in der Regel ist. Gemeint sind damit nicht immer und zuallererst Abbilder einer vermeintlich besseren und wohlgeordneten Welt. Gemeint ist mit diesen Bildern ein allgemein verbindliches Verständigungsmittel, das komplexe Gedanken und Probleme zwischen Experten, zwischen Laien und ebenso zwischen Experten und Laien ohne allzu große Verluste zu transportieren weiß. Darunter finden sich Fragen der Dimension, des Entwicklungstempos, der Lebensqualität und der sozialen Werte, die verschiedene Individuen, soziale Gruppen und Milieus mit der Stadt verbinden.

Mit der Schader-Stiftung als Kooperationspartner möchte das Institut Grundlagen moderner Architektur unter den Schwerpunktthemen der ENTGRENZUNG DES RAUMS und der ENTGRENZUNG DER ZEIT die Diskussion über die Sinnhaftigkeit, die Möglichkeit und die Unmöglichkeit von Leitbildern zur Stadt fortsetzen.

Das Kolloquium zur Zukunft der Stadt versammelt an zwei aufeinander folgenden Freitagen, dem 02.02.07 und 09.02.07, Experten aus Forschung und Praxis gemeinsam mit Studenten zum Gespräch. Als Teilnehmer und Gäste werden nicht nur Architekten, Stadtplaner, Stadtforscher sowie Wissenschaftler ‚benachbarter’ Disziplinen, wie den Ingenieur-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften erwartet, sondern auch Vertreter der Stadt und Region.

Hierbei geht es nicht so sehr um Kontroversen, als um neue Orientierungen, um einen Erfahrungsaustausch und um Versuche, die gegenwärtige urbane Entwicklung zu begreifen und die Teilnehmer der Sichtweise anderer Wissensdisziplinen zu konfrontieren.


Das Gespräch am 2. Februar 2007 steht unter der Überschrift ENTGRENZUNG DES RAUMS. Es geht uns um die Phänomene entfesselter Mobilität und darum, wie bestimmte Leitbilder (z. B. das futuristische Leitbild und die konträre Forderung nach „slow spaces“)
und Projekte, die temporäre und sogar „beschleunigte“ Architekturen propagieren, hierauf reagieren.

Die einleitenden Impulsreferate halten Prof. Dr. Martina Löw, Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der TU Darmstadt, sowie Dietmar Steiner, der Direktor des Architekturzentrums Wien.

Am 9. Februar 2007 geht es unter der Überschrift ENTGRENZUNG DER ZEIT um die in der Moderne begonnene Umwälzung tradierter Zeiterfahrung und die in der Folge erfahrene Auflösung vertrauter Zeit- strukturen und gleichermaßen um die Wirkung dieser Prozesse auf unsere Leitbilder zur Stadt und - wie Rem Koolhaas behauptet - ihr unaufhaltsames Ende.

Eingeleitet wird die Veranstaltung von dem Kulturwissenschaftler und Medientheoretiker Prof. Dr. Friedrich Kittler vom Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie demWissenschaftstheoretiker und Technikphilosophen Prof. Dr. phil. Christoph Hubig vom Institut für Philosophie der Universität Stuttgart.



Zitate:

"Wir haben heute die Möglichkeiten verloren, eine Stadt in ihrer dreidimensionalen Substanz zu planen, sie als Vision zu betrachten, als Modell. Diese Zeit ist für immer vorbei. Man kann nichts mehr bestimmen und verfügen, man kann nur noch versuchen, jene Prozesse zu regulieren, modifizieren, umlenken, die sowieso stattfinden. Man kann Prozesse nicht blockieren oder in völlig andere Richtungen lenken."

Rem Koolhaas im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert, Philipp Oswalt und Alejandro Zaera Polo, arch+ 117 Juni 1993

"Die marktwirtschaftliche Variante der Stadtentwicklung definiert die Stadt als "Produkt". Viele Stadtverwaltungen haben mit Leitbildern reagiert, in denen soziale, ethische und wirtschaftliche Ziele formuliert sind. Derartige Leitbilder beschreiben jedoch nicht das "Produkt Stadt". Das "Produkt Stadt" im Städtewettbewerb braucht Werbung; gefordert sind Bilder, die sich auf unverwechselbare Images und Identitäten gründen. Aber diese Identitäten verschwimmen und gleichen sich an."

Dietmar Steiner in "Ohne Leitbild ? Städtebau in Deutschland und Europa", Forschungsbericht der Wüstenrot Stiftung; Hrsg. H. Becker, J. Jessen, R. Sander, 1997

"Diese neue strategische Ausrichtung der Veränderung der Stadt, nicht in Bezug auf den Raum, sondern bezüglich der Wandlungsfähigkeit seiner sozialen und wirtschaftlichen Verfassung, lebt vom Projektbezug und wird Schritt für Schritt auf allen Ebenen der Stadtentwicklung, also auch im Stadtteil bestimmend werden."

Simon Hubacher in Der Architekt 1-2/06

"Die Zukunft sagen die Wissenschaftler, ist geprägt durch "zunehmende Polarisierung": weder die Gesellschaft noch die Technik noch die Stadt wird sich harmonisch entwickeln. Gegensätze bleiben erhalten und verschärfen sich noch. Kompliziert vernetzte Produktionsmechanismen erfordern scharfe Kontrolle und starre Zeitabläufe; auf der anderen Seite entsteht ein wachsender Bedarf an Freiheitsräumen und flexibler Arbeitszeit; Massenarbeitslosigkeit und Personalengpässe fallen räumlich und zeitlich zusammen; der Flächenverbrauch in den Städten nimmt zu - unmittelbar daneben wuchern die Industriebrachen; die Kommunen investieren viel Geld in Kultur und haben gleichzeitig verschärfte Probleme mit sozialen Randgruppen. Der Ort, an dem diese Gegensätze aufeinanderprallen, ist eben die Stadt. Es ist ihre Stärke, daß sie all diese Widersprüche aushält, und ihre Schwäche, daß sie sie nicht harmonisieren kann. Faszinierend und lebenstüchtig ist sie nicht als Ort des Ausgleichs, sondern als Ort der schrillen Vielfältigkeit. Die "Wiederkehr der Städte", von der die Kommunalpolitiker reden, läßt sich demnach als politisches Programm nur dann formulieren und realisieren, wenn ein Kerngedanke der Politik - nämlich der des Ausgleichs - vom Anspruch langfristiger Wirkung befreit wird. Die Stadtpolitik der Zukunft ist eine Politik ständiger begrenzter Konflikte, die nirgendwo dauerhaft gelöst
werden: worauf es ankommt, ist sie öffentlich auszutragen."

Christian Marquart, "Immer noch sündhaft schön ? Fragen an die Stadt der Zukunft" in Stuttgarter Zeitung 3. Oktober 1987

"Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren. Dieses schlichte und ernüchternde Faktum ist dem Städtebau im 20. Jahrhundert über alle Leitbilder und Theorieansätze hinweg ein treuer Begleiter geblieben. Seit den Anfängen des modernen Städtebaus, also um 1920, begleitet die theoretische Stadt der Architekten ein kontinuierliches Nachdenken über das Zusammenspiel von Bauen, Raum, Gesellschaft, Kultur, Ästhetik und Fortschritt. Das Bild dieser Stadt hat aber zu keinem Zeitpunkt im 20. Jahrhundert seine Klärung erfahren."

Angelus Eisinger, Die Stadt der Architekten - Anatomie einer Selbstdemontage, 2006



 

 

 







Freitag 02.02.2007:
ENTGRENZUNG DES RAUMS

15.30 Begrüßung:
Prof. Wolfgang Schwinge
Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen
Universität Stuttgart

16.00
Einführung:
Prof. Dr. Martina Löw
Institut für Soziologie,
Arbeitsbereich Stadt- und Raumsoziologie, TU Darmstadt
Dietmar Steiner
Architekturzentrum Wien

17.00
Offene Diskussion
Ausklang im Foyer

Freitag 09.02. 2007
ENTGRENZUNG DER ZEIT

15.30 Begrüßung:
Prof. Dr. Gerd de Bruyn
Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen
Universität Stuttgart

16.00
Einführung:
Prof. Dr. Christoph Hubig
Institut für Philosophie, Abt.Wissenschaftstheorie
und Technikphilosophie, Universität Stuttgart
Prof. Dr. Friedrich Kittler
Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien,
Humboldt-Universität zu Berlin

17.00
Offene Diskussion
Ausklang im Foyer

Mit freundlicher Unterstützung der

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