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Auf unseren Streifzügen durch Welt und Zeitgeschichte tragen wir die Architektur als eine Art Kompass mit uns, der uns den Weg dahin zeigt, wo “logique de raison“ und “logique de coeur“ eine Einheit bilden. Zeigen meint im Wittgensteinschen Sinne, dass Architektur die Synthesis von Kultur und Technik zugleich verkörpert. Die sinnlich-symbolische Veranschaulichung sozialer, kultureller und technischer Prozesse steht seit jeher in der Verantwortung eines Bauens, das sich der Symbiose von Ästhetik und Funktionalität verpflichtet weiß.

Die Einheit von Kultur und Technik, Vernunft und Natur, Mensch und Maschine usw. vermag uns die Architektur vor Augen zu führen, weil sie niemals wirklich in der Moderne angekommen ist. Die ihr innewohnende Ambiguität, ein Motor des Fortschritts und zugleich der Sand in seinem Getriebe zu sein, verdankt sie u. a. der Tatsache, dass sie keine Wissenschaft nach modernem Verständnis ist. Bis heute behauptet sich die eigenwillige Stellung der Architektur zwischen Wissenschaft und Kunst in einer Weise, die an den Spagat zwischen Metaphysik und Mathematik denken lässt, den die barocken Universalgelehrten beherrschten. Die Aktualität ihres Wissens, die Gilles Deleuze in seinem Leibniz-Buch herausarbeitete, und die begierige Aufnahme des Falten-Theorems durch ambitionierte Architekten deuten darauf hin, dass fortgeschrittene Architektur und Philosophie in je eigener Weise daran arbeiten, die Metaphysik eines Denkens in Gegensätzen endlich zu überwinden.

Beide Forschungsschwerpunkte des Igma tragen diesem Anspruch Rechnung, wobei sich Technik + Ästhetik mehr von der Philosophie inspiriert zeigt, um desto unbeirrter Kurs auf die entwurfspraktischen Probleme von Kunst und Architektur zu nehmen, während die Baubotanik als rein praktische Disziplin begann, freilich nur, um sich immer vehementer kulturtheoretischer Fragestellungen zu bedienen. Für beide Themen gilt indes, dass sie ihre kybernetische Herkunft nicht verleugnen können. 

Die Baubotanik wuchs auf dem Nährboden des Organik-Schwerpunktes meiner Berliner und meiner ersten Stuttgarter Jahre heran. Es brauchte „nur“ einen findigen Kopf wie Ferdinand Ludwig, um die dort gewonnenen Erkenntnisse originell und tatkräftig zu deuten, und schon war eine Architekturgattung wieder geboren, die man längst vergessen glaubte. Erste Weichen in Richtung Techniktheorie wurden ebenfalls früh gestellt: zum einen durch die Entscheidung, im Igma einen Computer-schwerpunkt zu etablieren und zweitens durch Seminare zum Thema Kybernetik. Auch hier bedurfte es wieder „nur“ phantastischer Mitstreiterinnen wie Asli Serbest und Mona Mahall, damit sich aus einem spannenden Thema ein ernsthafter Forschungsschwerpunkt entwickeln ließ. Ernsthaft und brisant, weil die Forschung in Technik + Ästhetik dazu beitragen wird, den Streit um die digitale Architektur zu schlichten.  

Beide Forschungsprojekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Januscharakter der Architektur dazu nutzen, Theorie und Praxis als Einheit zu denken und zu leben. Hinzu kommt, dass sie dem der Architektur immanenten Anspruch auf interdisziplinäre Arbeit und Vernetzung Folge leisten. Mona Mahall und Asli Serbest, ebenso Ferdinand Ludwig und Hannes Schwertfeger verstehen sich nicht als wissenschaftliche Einzelkämpfer, sondern als neugierige Forscher und kooperative Teamplayer. Diese Einstellung entspricht dem “synergetischen“ Klima am Igma.

Prof. Dr. Gerd de Bruyn