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Der Begriff Baubotanik wurde am IGMA entwickelt und steht für einen Ansatz, mit lebenden Pflanzen zu konstruieren. Er beschreibt eine Bauweise, bei der Bauwerke durch das Zusammenwirken technischen Fügens und pflanzlichen Wachsens entstehen. Dazu werden lebende und nicht-lebende Konstruktionselemente so miteinander verbunden, dass sie zu einer pflanzlich-technischen Verbundstruktur verwachsen: Einzelne Pflanzen verschmelzen zu einem neuen, größeren Gesamtorganismus und technische Elemente wachsen in die pflanzliche Struktur ein.
Hinter diesem zunächst rein technischen Ansatz steht ein Wunsch, der in der Geschichte der modernen Architektur immer wieder aufkam und sich in unterschiedlichster Art und Weise artikulierte: Die Verlebendigung der Architektur. Baubotanische Bauten entsprechen diesem Wunsch wortwörtlich. Man kann sie als lebende Bauten bezeichnen, weil die Lebensäußerungen der Pflanzen zu Lebensäußerungen des gesamten Bauwerks werden: Im Frühjahr treibt nicht einfach eine Pflanze, sondern ein Bauwerk aus, und im Herbst wirft nicht ein Baum, sondern ein Bauwerk seine Blätter ab. Diese Übertragung der Lebendigkeit von der Pflanze auf das Bauwerk gelingt, weil die Pflanzen nicht attributiv, sondern als elementare Bestandteile der Konstruktion verwendet werden.
Pflanzen oder Pflanzenteile werden in der Baubotanik als Konstruktionselemente, als eine Art „lebendes Halbzeug“ aufgefasst. Sie werden zu einer baulichen Struktur zusammengefügt und gleichzeitig zu einem Gesamtorganismus verbunden. Damit wird nicht nur das Bauwerk, sondern auch der pflanzliche Organismus selbst konstruiert. Das heißt, dass die Grundstruktur einer „baubotanischen Pflanze“ entworfen wird – sie entsteht durch einen Akt des Bauens unmittelbar in der angestrebten Größe, und nicht wie ein gewöhnlicher Baum durch einen kontinuierlichen Wachstumsprozess. Gleichwohl ist ihr Entstehungsprozess mit der baulichen Fertigstellung keineswegs abgeschlossen. Denn erst durch die sich anschließenden Wachstumsprozesse entsteht aus den anfangs flexiblen und empfindlichen „Halbzeugen“ eine selbstständig lebensfähige, robuste und belastbare Pflanzenstruktur.
Insgesamt ist die Baubotanik nicht nur eine Pflanzentechnologie, sondern auch eine moderne Vision des Urbanen: Sie stellt sich der Frage, wie in dicht bebauten Innenstädten oder sich rasant entwickelnden Metropolen adäquate Grünräume geschaffen werden könnten. Hier offeriert sie die Möglichkeit, auf kleinster Grundfläche „Pflanzenräume“ zu schaffen, die binnen kürzester Zeit benutzbar sind und viele ökologische Qualitäten Jahrzehnte alter Bäume vorwegnehmen.
Bauwerke aus lebenden Pflanzen haben in der Geschichte der europäischen Gartenkultur einen festen Platz und lassen sich in unterschiedlichen kulturellen und historischen Zusammenhängen finden. Die direkten Wurzeln der Baubotanik gehen zurück auf eine Art prähistorische Biotechnik, die von einem Volksstamm im indischen Regenwald, den Khasi, noch heute praktiziert wird: Mit Hilfe einer ausgeklügelten Methode leiten sie Luftwurzeln von Gummibäumen über einen Fluss und verflechten sie zu einer netzartigen Struktur. Im Laufe der Zeit verwächst dieses Gebilde zu einer stabilen und begehbaren Konstruktion – einer lebenden Brücke. Die Baubotanik kann als ein Versuch verstanden werden, diesen Ansatz in eine moderne Bauweise zu transformieren. Erkenntnisse botanischer Forschung bilden die Grundlage, um systematisch die Möglichkeiten des Bauens und Entwerfens mit lebenden Pflanzen zu untersuchen und Konstruktionsverfahren zu entwickeln, die sich moderne gartenbauliche Technologien zu Nutze machen.
Webpage: www.baubotanik.org