Die poetische Konzertgesellschaft

Projektleiter: Prof. Dr. Wolfram Pyta

Mitarbeiter: Dr. Sebastian Hansen

Die poetische Konzertgesellschaft.

Geschmack und Verhalten des bürgerlichen Konzertpublikums 1815-1848

Im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich beim Opern- und Konzertpublikum Geschmack und Verhalten grundlegend gewandelt. Insbesondere durch das Bürgertum etablierten sich ein schweigendes Publikum und ein neues ästhetisches Paradigma im Musikleben. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür war die Neuausrichtung der Musikästhetik um 1800. Romantiker wie Jean Paul, Wilhelm Heinrich Wackenroder, Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann schrieben der Instrumentalmusik eine neue Bedeutung zu. Sie betrachteten die Instrumentalmusik nicht länger als eine der Vokalmusik untergeordnete Musik, sondern statteten sie mit einer eigenen metaphysischen Dimension aus, durch die sie aus ihren bisherigen funktionalen Zusammenhängen ausgeklammert und zu einem eigenständigen, zweckfreien Gegenstand der ästhetischen Betrachtung erhoben wurde.

Das Primat der Instrumentalmusik entbehrte aufgrund der Veränderungen insbesondere durch Beethoven nicht der Grundlage. Es entstand auf diese Weise eine neue Ausgangsbasis für das Hören und Erleben von Musik. Indem die Konzentration auf die Struktur der Musik in den Vordergrund trat, also der ästhetische Anspruch, den Sinn des Musikwerks in seiner Gesamtentfaltung bei der Aufführung auszumachen, erlangte die Musik erst jenen Status einer Kunstreligion, die dem einzelnen Hörer beziehungsweise dem Publikum im Ganzen die streng-andächtige Besinnung auf das Werk abverlangte.

Das Projekt richtet sein Augenmerk auf das Publikum selbst und befragt – in Zusammenhang mit den theoretischen Überlegungen und praxisbezogenen Ausformulierungen von idealen Ansprüchen an die Tonkunst, die zunehmend den öffentlichen Diskurs über Musik dominierten – das von den Konzertbesuchern artikulierte Geschmacksempfinden und Verhalten. Geschmack als ästhetisches Distinktionsverfahren begreifend, wird analysiert, wie die Musik zu einer zentralen Deutungsmacht des Geschmacks wurde, durch den sich das bürgerliche Publikum selbst als spezifische Gemeinschaft konstituierte. Die geplante Studie versteht sich entsprechend als ein Beitrag zur Bürgertumsforschung.

Neben den Äußerungen von Dirigenten und Musikern, Konzertveranstaltern und Musikkritikern, die als professionelle Interpreten beteiligt waren, werden auch die Selbstzeugnisse der Konzertbesucher als Auskunft gebende Quellen identifiziert und ausgewertet. Erst hierdurch wird genauer ersichtlich, wie sich beim Konzertpublikum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der beschriebene Wandel vollzog und welcher Zusammenhang dabei zwischen dem öffentlich formulierten normativen Anspruch einerseits und der Praxis andererseits bestand.

Als Fallbeispiele werden im Betrachtungszeitraum 1815 bis 1848 Berlin, Dresden, Leipzig, München und Wien als zentrale Städte des deutschsprachigen Musiklebens fokussiert. Der einzelne mikroskopische Blick auf die Konzertbesucher beziehungsweise am Konzertleben Beteiligten dieser Städte soll im gleichzeitigen Vergleich Auskunft über die Übereinstimmungen und Unterschiede in der Entwicklung geben. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.