Abteilungen
weitere Bereiche
Direkt zu

zur Startseite

La Débâcle

Projektleiter: Prof. Dr. Wolfram Pyta

Mitarbeiter: Dr. Jörg Lehmann

La Débâcle. Die literarische Verarbeitung der französischen Niederlage von 1870/71 und der Aufstieg der Intellektuellen (1871–1898)

Eine Gesellschaft, die eine massive Gewalterfahrung wie die eines Krieges durchlebt hat, geht nicht einfach wieder zur Tagesordnung über. Welche Deutungen des Geschehens werden entworfen, in welchen narrativen Mustern verarbeitet die Gesellschaft diese Erfahrungen? Frankreich hatte nach der Niederlage im Krieg von 1870/1871 nicht nur den krisenhaften Übergang vom Second Empire zur Dritten Republik zu bewältigen, sondern auch auch die Auseinandersetzungen um die Pariser Commune. Diese Ereignisse weckten einen erhöhten Sinnstiftungsbedarf, der in der langen Phase der Etablierung und Stabilisierung der Republik nicht allein von den politischen Eliten gedeckt, sondern auch aus dem Feld der Kulturproduktion heraus bedient wurde. Welche Konsequenzen ergaben sich im literarischen und politischen Feld und welche Wechselwirkungen zwischen Kultur und Politik sind dabei zu beobachten?

Zwischen 1871 und 1898 wurden in Frankreich rund 170 Titel der erzählenden Literatur publiziert, die sich auf die Kriegsniederlage von 1870/71 beziehen. Dieses Korpus wird mit der von Pierre Bourdieu entwickelten Theorie des literarischen Feldes untersucht, um sich der Frage zu nähern, welche Bedeutung die geistige Verarbeitung des „Debakels“ (Émile Zola) für die politische Kultur der Dritten Republik besaß. Da sich das literarische Feld noch in Retraiteeinem Autonomisierungsprozess befand und in Wechselbeziehung mit der sich stabilisierenden Republik stand, wird das Forschungsprojekt nachvollziehen können, wie sich der Aufstieg des Intellektuellen zu einem der wichtigsten Sozialtypen der Moderne vollzog. Darüber hinaus soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die literarisch vermittelten Deutungen über intellektuelle Zirkel und literarische Salons von Repräsentanten der Dritten Republik aufgegriffen und für die eigene politische Arbeit fruchtbar gemacht wurden. Durch den methodischen Zugriff soll zum einen der intellektuell-politische Kampf um die Deutungshoheit über die Ereignisse von 1870/71 rekonstruiert und in die politik- und literaturgeschichtliche Entwicklung der Dritten Republik eingebettet werden, zum anderen soll die bisher allgemein angenommene „Geburtsstunde“ des Intellektuellen in der Dreyfus-Affäre kritisch hinterfragt werden. Die vor allem literarisch gestiftete Verarbeitung der Niederlage von 1870/71 wird auf diese Weise als Teil jenes Selbstverständigungsdiskurses über die Grundlagen des Nationsverständnisses begriffen, der von unmittelbarer Relevanz für die Stabilität der republikanischen Institutionen war.

Zu diesem Forschungsprojekt gibt es eine umfangreiche Materialsammlung im Netz, die hier zu erreichen ist: http://guerre1870-71.tumblr.com/archive