Literatur und Geschichte / Ästhetik und Politik

Literatur wirkt auf die Gedanken und die Emotionen des Lesers. Sie spricht subjektiv, ist in ihrer darüber hinaus gehenden Wahrnehmung aber auch ein Medium der Kommunikation. Literatur vermag nicht nur Wirklichkeitsvorstellungen hervorzubringen, sondern sie wird zu einem Gegenstand des Austauschs. Sie kann nicht nur dem Einzelnen, sondern auch Gruppen oder Gesellschaften Sinn und Identität stiften. Umgekehrt kann sie aber ebenso zur Kontroverse und einem abgelehnten Bild von Wirklichkeit werden. Literatur ist in dieser Hinsicht zutiefst politisch: Durch ihre erzeugte Wirklichkeit stellt sie Menschen, Lebensformen, Gedanken, Kulturen, Geschlechter etc. dar und dringt in die menschliche Wirklichkeit ein. Sie wird hierdurch ein Teil von ihr. Die Äußerungen und Auseinandersetzungen mit und um literarische Werke verweisen auf gesellschaftliche Zustände, aufgeworfene Fragen und Probleme der Zeit sowie die gegebenen politisch-kulturellen Wirklichkeitsvorstellungen. In diesem Zusammenhang spielt auch die Betrachtung der Schriftsteller eine eigene Rolle, weil sie die greifbare Personifikation ihrer Werke und damit die anschauliche symbolische Verdichtung von literarischen Erzeugnissen darstellen.

Die Geschichtswissenschaft kann vor diesem Hintergrund in der Auseinandersetzung mit Literatur nicht nur der Frage nachgehen, wer Literatur vermittelt, sondern auch, welche Erwartungshaltungen gegenüber literarischen Erzeugnissen und Schriftstellern bestehen. Dabei spielt zudem das Selbstverständnis der Schriftsteller eine Rolle, das mit den Rezipienten im Einklang oder Konflikt zu stehen vermag. Hierüber wird auch ein Blick auf den repräsentativen Gehalt von Literatur und Kulturschaffenden sowie ihrer Konstituierung im politisch-kulturellen Raum möglich. Es geht dabei um die Frage, wie Texte und Künstler beschaffen sein müssen, um für den politisch produktiven Umgang mit Wirklichkeitsvorstellungen relevant zu sein.

Der Forschungsschwerpunkt widmet sich solchen Epochen der deutschen und der französischen Geschichte, in denen Schriftstellern einerseits eine wichtige politische Orientierungsfunktion zugewiesen wurde, andererseits die Produktion von Prosa in politisch-kultureller Hinsicht besonders reichhaltig ausfiel. Ein Teilprojekt beschäftigt sich mit der literarischen Verarbeitung des Ersten wie des Zweiten Weltkriegs durch den weitgehend in Vergessenheit geratenen Schriftsteller Werner Beumelburg (1899-1963), der an der Herausbildung eines bestimmten Narrativs, welches die Sinnhaftigkeit des Ersten Weltkriegs herausstrich, erheblichen Anteil besaß. Ein Habilitationsvorhaben  richtet seine Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Modi, mit denen Prosa in Frankreich bzw. in Deutschland in der Zwischenkriegszeit zur Genese und Geltung politischer Ordnungsvorstellungen beitrug, die aus der Deutung des Ersten Weltkriegs erwuchsen. Im Umfeld dieses Projektes erschien im Juni 2011 ein Beiheft der Historischen Zeitschrift, das literarischen Deutungen und politischen Ordnungsvorstellungen in Frankreich und Deutschland zwischen 1914 und 1933 gewidmet ist. Ein weiteres Forschungsvorhaben konzentriert sich auf die literarische Verarbeitung der französischen Kriegsniederlage von 1870/71 und schließt daran die Frage an, ob bestimmte französische Schriftsteller bereits vor der Dreyfus-Affäre den Status von Intellektuellen aus ihrer literarisch abgeleiteten Deutungsmacht proklamieren konnten.

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