Literatur und Geschichte
Forschungsschwerpunkt „Literatur und Geschichte“
Der heuristische Wert von Literatur für geschichtswissenschaftliche Fragestellungen hat durch die Wiederbelebung der Kulturgeschichte an Relevanz gewonnen. Denn Literatur besitzt die prinzipielle Fähigkeit zur ästhetischen Veranschaulichung politisch - kultureller Vorstellungen und sie trägt als Medium der Kommunikation in bestimmten historischen Kontexten wesentlich zu deren Geltungsanspruch bei.
Der Forschungsschwerpunkt „Literatur und Geschichte“ reduziert Literatur nicht auf den funktionalen Aspekt von Zulieferdiensten für Genese und Distribution politikhaltiger Vorstellungen. Der ästhetische Eigenwert von Literatur als Kunstform mit konstitutiver Vieldeutigkeit ist Ausgangspunkt der in diesem Schwerpunkt angesiedelten Versuche, produktionsästhetische Ansätze mit rezeptionsgeschichtlichen Fragestellungen produktiv zu verknüpfen. Die im Rezeptionsakt vollzogene Aneignung literarischer Texte kann nicht ohne Reflexion über bedeutungsanzeigende Verfahren der Textorganisation untersucht werden.
Ausgehend von dieser Prämisse, steht im Mittelpunkt die methodisch diffizile Frage danach, welchen Sinn die Leser als Teil historisch gewachsener Kommunikationsgemeinschaften solchen literarischen Texten zuwiesen, die für die Konstituierung und Verbreitung politisch - kultureller Anschauungen besonders geeignet waren. Dabei weisen Prosatexte strukturelle Vorzüge auf; und unter diesen wiederum historische Romane als hybride Formen einer bereits in der literarischen Form selbst angelegten Vermittlung von Literatur und Geschichte. Gefragt wird weiterhin nach dem Selbstverständnis von Schriftstellern und nach den historisch konditionierten Erwartungshaltungen an Schriftsteller als politische Akteure; damit greift der Schwerpunkt zugleich in den Bereich der Intellektuellengeschichte über.
Der Forschungsschwerpunkt widmet sich dabei solchen Epochen der deutschen und der französischen Geschichte, in denen Schriftstellern einerseits eine wichtige politische Orientierungsfunktion zugewiesen wurde, andererseits die Produktion von Prosa in politisch - kultureller Hinsicht besonders reichhaltig ausfiel. Ein Teilprojekt beschäftigt sich mit der literarischen Verarbeitung des Ersten wie des Zweiten Weltkriegs durch den weitgehend in Vergessenheit geratenen Schriftsteller Werner Beumelburg (1899 - 1963), der an der Herausbildung eines bestimmten Narrativs, welches die Sinnhaftigkeit des Ersten Weltkriegs herausstrich, erheblichen Anteil besaß. Ein Habilitationsvorhaben richtete seine Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Modi, mit denen Prosa in Frankreich bzw. in Deutschland in der Zwischenkriegszeit zur Genese und Geltung politischer Ordnungsvorstellungen beitrug, die aus der Deutung des Ersten Weltkriegs erwuchsen. Im Umfeld dieses Projektes erschien im Juni 2011 ein Beiheft der „Historischen Zeitschrift“, das literarischen Deutungen und politischen Ordnungsvorstellungen in Frankreich und Deutschland zwischen 1914 und 1933 gewidmet ist [Link]. Ein weiteres Forschungsvorhaben konzentriert sich auf die literarische Verarbeitung der französischen Kriegsniederlage von 1870/71 und schließt daran die Frage an, ob bestimmte französische Schriftsteller bereits vor der Dreyfus - Affäre den Status von Intellektuellen aus ihrer literarisch abgeleiteten Deutungsmacht proklamieren konnten.
