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Weltbild und Kartographie im Mittelalter - Spätmittelalter

Entdeckungen und Kartographie: Die Weltkarte Fra Mauros 1459

In den Kartenwerken des Spätmittelalters spiegeln sich die Veränderungen in den Weltbildern wieder, die die Reiseberichte der Zeit bewirkten. Die Weltkarte, die der Venezianer Kamalduensermönch Fra Mauro im Jahre 1459 anfertigte, basierte in ihren Grundzügen auf der ptolemäischen Geographie, wie sie seit dem frühen 15. Jahrhundert den europäischen Gelehrten wieder zur Verfügung stand. Fra Mauro bemühte sich deshalb, die antiken Orts- und Ländernamen mit dem mittelalterlichen Wissen zu vergleichen und hier und da zu ersetzen. Auch die Ergebnisse der portugiesischen Entdeckungsfahrten entlang der afrikanischen Küste konnte er bereits verwerten.

Nur ganz im Osten Asiens half es nichts, die alten Ortsnamen durch moderne zu ersetzen. Denn für diese Landstriche hatten die antiken Autoren nichts zu bieten, und Fra Mauro folgte hier ganz dem Buch seines Landsmanns Marco Polo.
Was dieser berichtet hatte, ließ sich hier und da mit der ptolemäischen Geographie verbinden: So ließ Fra Mauro den Yangzi im Mons Imaus entspringen und erklärte die antike "provincia Serica" für einen Teil des "imperio nobilissimo del Chataio". Aber ansonsten gab es weder Anknüpfung noch Vorbilder: Erstmals erscheinen die Wüsten Lop und Belgian, die Ströme Yangzi und Hoanghe, die Provinzen Mien und Tibet auf einer Weltkarte; die chinesischen Ortsnamen sind zahlreich, und an die Stelle aller mythischen Geschen Grokhans bei Shangdu, Salzberge bei Cianglu und die (sogenannte) Marco-Polo - Brücke, die den Fluß Pulisanghin bei Peking spektakulär überwölbt.Auch die Darstellung Zipangu-Japans am äußersten östlichen Rand der (gesüdeten) Weltkarte stellt ein Novum in der europäischen Kartographie dar.

Mit anderen Worten: Wenn Fra Mauro den Kaufmannssohn und Abenteurer Marco Polo die Geographie der Anike ergänzen ließ, dann tat er nicht nur seinem Landsmann eine besondere Ehre an, sondern brachte auch das Verhältnis von Empirie und Tradition auf eine Formel, die Zukunft haben und in der Geschichte der Entdeckungen noch öfters Anwendung finden sollte: Dem Wissen der Alten sei zu folgen, wo es gehe, aber die Erfahrungen der Reisenden hätten die Kenntnisse der antiken wie der mittelalterlichen Autoritäten erweitert und sogar übertroffen.

Weltkarte Fra Mauros, 1459