Auch die amerikanische Entdeckungsgeschichte kann als die Verknüpfung und Erneuerung von
Weltbildern beschrieben werden. Columbus selbst hatte sich zeitlebens als Ostasienreisender
verstanden, und auch die Kartographen hielten bis 1561 daran fest, daß die neu aufgefundenen Länder
und Inseln ein Teil Asiens seien, daß Nordwestamerika großflächig in Nordasien übergehe. Erst mit
der Erfindung der Straße von Anian, deren Existenz im 18. Jahrhundert durch Vitus Bering und James
Cook nachgewiesen wurde, erschienen Asien und Amerika als zwei voneinander getrennte und
geographisch selbständige Erdteile, Ost und West als Welten für sich.
Dies alles beruhte jedoch nur auf geographischer Spekulation und wissenschaftlicher
Phantasie. Cornelis de Jode setzte die Annahmen der zeitgenössischen Gelehrten 1593 besonders
anschaulich in eine Regionalkarte des äußersten amerikanischen Nordwestens um. Sie zeigt mit dem
Regnum Anianum das vietnamesische Annam und mit dem Streto de Anian den Golf von Hanan im
tropischsten China, beides basierend auf Marco Polo, den man falsch interpretierte. Die östlich
anschließende Region Bergi oder richtiger: Bargu taucht ebenfalls zuerst bei Marco Polo auf,
bezeichnet dort aber die Weidegebiete der Merkit beim Baikal-See in Sibirien und hat nunmehr
schlicht den Kontinent gewechselt.
Quivira entstammt als einziger Eintrag der amerikanischen Entstehungsgeschichte und geht auf
die Erzählungen eines Pawnee-Indianers zurück, den die Spanier totschlugen, als statt der
verheißenen goldenen Schüsseln und Figuren nur ein paar armselige Wigwams zum Vorschein kamen. Aber
als Mythos blieb Quivira in den Köpfen bestehen und fand eine Stätte im amerikanischen Nordwesten,
wo die Mythen sich tummelten.
Das See-Einhorn schließlich, das die Straße von Anian schwimmend durchquert, entstammt dem
mittelalterlichen Denken und ist ein Überbleibsel der aisatischen Geschichte des amerikanischen
Kontinents. Wie dauerhaft mittelalterliche Vorstellungen in die Wahrnehmung und Darstellung
Amerikas eingewirkt haben, konnte so durch den Lehrstuhlinhaber nachgewiesen werden.
Es ist Aufgabe der historischen Kartographie, Karten wie diese in ihren einzelnen
Bestandteilen zu entschlüsseln und so ihren Sinn zu erschließen. Sie wird aber gut daran tun, deren
mittelalterliche Voraussetzungen jeweils mitzubedenken und die Kooperation mit dem
Mittelalterhistoriker ins Auge zu fassen.
Denn die Weltbilder, die sich im Kartenbild niederschlugen, gehören zu den Gegenständen der
mediävistischen Forschung. |
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