Das Buch als Ware - Distribution und Buchhandel in Mitteleuropa 1680 - 1750

Habilitationsprojekt         Dr. Mona Garloff

Während der Blick der Forschung mehrheitlich auf die Veränderungen des Buchmarkts in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gerichtet ist, betrachtet das Projekt die Jahrzehnte ab 1680 als wichtige Wandlungsphase des deutschen Buchhandels. Der Tauschhandel förderte im ausgehenden 17. Jahrhundert die Entstehung von verlegerischen Großunternehmern, die in städtischen Zentren ansässig waren und neben eigenen Verlagsprodukten über ein umfassendes Sortiment eingetauschter Bücher verfügten. Ihr Angebot erfuhr weite Verbreitung innerhalb des Alten Reichs und über dessen Grenzen hinaus. Das dichte Handelsnetz der Branche zeigt jedoch, dass neben der einflussreichen Stellung der Sortimentverleger ebenso Buchdruckern, Buchbindern und Kolporteuren bei der Verbreitung auf regionaler Ebene eine wichtige Rolle zukam.

Entgegen der älteren, weiterhin fortgeschriebenen These einer strikten Zweiteilung des Buchhandels in einen ,fortschrittlichen‘ mittel- und norddeutschen und einen rückständigen süddeutschen Markt gilt es, den exklusiven Konnex zwischen ökonomischer Modernisierung des Buchmarktes und ideengeschichtlicher Frühaufklärung aufzubrechen. Das Projekt möchte mit diesem Ansatz die Eigengesetzlichkeiten des süddeutschen Verlagswesens und Buchhandels und seiner Absatzmärkte in den habsburgischen Ländern herausarbeiten. Dabei wird deutlich, dass es kapitalstarken Großverlegern weniger Reichsstädte wie Nürnberg, Augsburg und Regensburg gelang, den Buchhandel im süddeutschen-österreichischen Raum in weiten Teilen zu dominieren, was der Leipziger Konkurrenz den Aufbau eigener Geschäftsbeziehungen in diesem Raum erheblich erschwerte.

Das Projekt untersucht in Fallstudien, die kultur-, wirtschafts- und handelsgeschichtliche Perspektiven miteinander verbinden, die vielschichtigen, ineinandergreifenden Vertriebsstrukturen wie den Absatz auf regionalen Märkten oder in eigenen Verkaufsfilialen, persönliche Kontakte zwischen Buchhändlern und gelehrten Abnehmern sowie den Kolportagehandel. Gleichfalls wird die bislang kaum erforschte, einflussreiche Position, die süddeutsche Buchhändler als Niederleger in Wien inne hatten, genauer betrachtet.

Der Buchhandel des 17. und 18. Jahrhunderts ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte aufstrebender Firmen, vielmehr brachten Großauflagen und der Sortimenthandel ökonomische Risiken wie das Problem unternehmerischer Fehlkalkulation, überquellender Lagerbestände und Konkurse mit sich. Hier boten Buchauktionen und -lotterien, die ab dem späten 17. Jahrhundert Verbreitung fanden, neue Absatzmöglichkeiten. Verlegerische Praktiken standen um 1700 häufig im Konflikt mit obrigkeitlichen Interessen: Territoriale Freiräume in- und außerhalb des Heiligen Römischen Reichs wurden durch auswärtigen Druck und Reimport genutzt, um Nachdruckverbote sowie Druckprivilegien und Zensurbestimmungen zu umgehen. Es zeigt sich jedoch auch, dass Verleger über entsprechende Netzwerke vielfach Einfluss auf die kaiserliche Privilegienvergabe in Wien nahmen, die wiederum territoriale obrigkeitliche Interessen aushebeln konnte.

Die Untersuchung der Distributionsstrukturen des Fern-, Regional- und Lokalhandels verbindet sich eng mit Fragen nach der inhaltlichen Ausrichtung und den profitablen Genres des Buchangebots. Insbesondere Augsburg trat als Produktionszentrale katholischer Predigerliteratur hervor, die über den Donauhandel in den habsburgischen Ländern vertrieben wurde. Das Sortiment solcher verlegerisch tätigen Buchhändler ermöglichte es gleichermaßen, die Nachfrage gerade der katholischen Geistlichkeit und der Klosterbibliotheken nach Medien der frühen Aufklärung wie gelehrten Zeitschriften und Lexika zu decken. Der Handel mit solchen Schriften ist auch im Rahmen der Profitabilität bzw. in ihrer Rolle als Prestigegüter zu betrachten. Die verzweigten mitteleuropäischen Distributionswege ermöglichten, dass am Buchmarkt des frühen 18. Jahrhunderts ein räumlich weitgefasster Abnehmerkreis partizipierte.