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Das "Thorner Blutgericht"

Samuel Feinauer M.A.

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Thema: Wahrnehmungen der polnisch-litauischen Konfessionspolitik in Politik und Publizistik Europas im frühen 18. Jahrhundert. Der Thorner Tumult als Fallbeispiel (Arbeitstitel)

Projektleiter: Prof. Dr. Joachim Bahlcke

Beschreibung und Zielsetzung des Projekts: Was mit einem Handgemenge zwischen Lutheranern und Katholiken während einer katholischen Prozession in der polnischen Stadt Thorn im Juli 1724 scheinbar harmlos begann, führte nach dem eskalierenden Sturm auf das jesuitische Gymnasium zu einem Prozeß vor dem Warschauer Assessorialgericht, das im Dezember den protestantischen Bürgermeister, seinen Stellvertreter und zehn weitere Protestanten zum Tod verurteilte. Während des Prozeßverlaufs gewann das Verfahren allmählich an Bekanntheit und wurde - vor allem im protestantischen Europa - grenzüberschreitend als ein Symbol gesehen für die Ungerechtigkeit, die der Protestantismus erleiden müsse. Die zeitgenössischen Flugblätter und Pamphlete sind in ihrer Zahl schwer zu überblicken, schnell wird die vom Berliner Hofprediger Jablonski geprägte Bezeichnung vom "Thorner Blutgericht" unter Protestanten zur gängigen Bezeichnung der Affäre. Anhand des "Blutgerichts" und seiner medialen Aufbereitung lassen sich verschiedene Aspekte frühneuzeitlich-europäischer Geschichte aufzeigen: Zunächst ist die Rezeption eines Ereignisses durch die Presse, überhaupt das Entstehen einer Nachricht und seine Produktion in gedruckten Medien ein zentrales Anliegen der Kommunikations- und Medienforschung. An den Thorner Ereignissen und der publizistischen Reaktion darauf können Mechanismen dieser Rezeption an einem Fallbeispiel nachgezeichnet werden. Weiter ist zu hinterfragen, welches Gewicht der religiösen Argumentation in der publizistischen Auseinandersetzung beizumessen ist. Eine besondere Herausforderung stellt nach wie vor das Verhältnis von Publizistik und Politik in der Frühen Neuzeit dar. Ein Ziel dieser Studie ist es daher, auf vergleichender Basis für verschiedene Territorien Zusammenhänge, Manipulationsversuche und Propaganda, kurz: die Wechselwirkungen zwischen Herrscher und Druckerei zu analysieren. Nicht zuletzt zeigt auch die Rezeption des "Thorner Blutgerichts" in der Forschung, daß bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein Streit über die Deutungshoheit anhielt, der sich vor allem in dem Gegensatz von polnischer und preußischer Perspektive zeigt. Die Konfession als Problem wird deutlich, durch eine vereinfachende Gleichsetzung mit der nationalen Konfrontation zwischen Deutschen und Polen. Fragen nach der Ethnizität des konfessionellen Konfliktes spielen deshalb ebenso eine Rolle, wie die vielfache politische und identitätsstiftende Instrumentalisierung der Berichterstattung und die eigenständige religiöse Argumentation auf beiden Seiten.

Literatur:Rhode, Gotthold: England und das Thorner Blutgericht 1724. In: Historische Zeitschrift 164 (1941), 496-528; Salmonowicz, Stanisław: The Toruń Uproar of 1724. In: Acta Poloniae Historica 47 (1983), 55-79; Sander, Harmut: Das Thorner Blutgericht von 1724 in zeitgenössischen niederländischen Schriften. In: Jähnig, Bernhart / Peter Letkemann (Hg.): Thorn. Königin der Weichsel 1231-1981. Göttingen 1981 (Beiträge zur Geschichte Westpreußens 7), 361-368; Hartmann, Stefan: Die Polenpolitik König Friedrich Wilhelms I. von Preußen zur Zeit des "Thorner Blutgerichts" (1724-1725). In: Forschungen zur brandenburgischen u. preußischen Geschichte, Neue Folge 5 (1995), 31-58; Thomsen, Martina: "Das Betrübte Thorn". Daniel Ernst Jablonski und der Thorner Tumult von 1724. In: Bahlcke, Joachim / Korthaase, Werner (Hg.): Daniel Ernst Jablonski (1660-1741). Hofprediger, Akademiepräsident, Frühaufklärer. Studien zu Leben, Werk und Wirken. Wiesbaden 2008 (Jabloniana. Quellen und Forschungen zur europäischen Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit 1), 1-24; Jablonski, Daniel Ernst: Das Betrübte Thorn, Oder die Geschichte so sich zu Thorn Von Dem II. Jul. 1724. biß auf gegenwärtige Zeit zugetragen 1725; Ders.: Thornische Denckwürdigkeiten 1726.