Preußens Blick nach Ungarn. Politische und religiöse Kommunikation um 1700
Michaela Bodnárová M.A.
Thema: Preußens Blick nach Ungarn. Politische und religiöse Kommunikation um 1700.
Projektleiter: Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Beschreibung und Zielsetzung des Projekts: Die Geschichte des Rákóczi-Aufstandes wurde in der Geschichtsschreibung ausführlich behandelt. Die angestrebte Dissertation soll sich dagegen dem Blick Preußens auf Ungarn zur Zeit des Rákóczi-Aufstandes bis etwa 1720 Zeit widmen, wobei es nicht die gegenseitigen diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen und Ungarn sind, die es hier zu untersuchen gilt. Dies ist allein schon deswegen problematisch, da Ungarn bzw. Siebenbürgen auf der einen und Preußen auf der anderen Seite zu diesem Zeitpunkt keine gleichrangigen Größen mehr sind. Nach der Befreiung Ungarns von der osmanischen Herrschaft 1687 verlor das Land einige wichtige Privilegien, auf dem Landtag in Pressburg verzichteten die Stände auf ihr seit 1222 geltendes Widerstandsrecht und erkannten das Erbrecht der Habsburger auf die ungarische Krone endgültig an. Ungarn und Siebenbürgen erfuhren am Ende des 17. Jahrhunderts einen grundlegenden Statuswandel bzw. Statusverlust, als sie – endgültig nach dem Frieden von Karlowitz 1699 – Bestandteile der Habsburgermonarchie wurden und somit, besonders Siebenbürgen, welches bis dahin zwar ein tributpflichtiger, aber weitgehend selbständig handelnder Vasallenstaat der Osmanen war, ihre Autonomie verloren haben. Somit wurde Franz II. Rákóczi der letzte gewählte Fürst von Siebenbürgen, dessen Wahl 1704 jedoch nicht mehr von den Habsburgern mitgetragen wurde. Ganz anders sah die Lage Preußens aus, das sich zu dieser Zeit im Aufstieg befand. Seit 1657 erlangte es selbst die Souveränität vom polnischen König, der bis dahin der Lehnsherr des preußischen Herzog war. Zudem erfuhr 1701 das Herzogtum Preußen eine Rangerhöhung und wurde zum Königtum, der Herzog Friedrich III. zum König in Preußen Friedrich I. Das Land war dabei, eine europäische Großmacht zu werden, die sich auch schon maßgeblich und erfolgreich an den europäischen Kriegen beteiligte. In dem angestrebten Dissertationsvorhaben soll das zu diesem Zeitpunkt bereits etablierte Image Preußens überprüft werden, Fürsprecher oder gar Retter der Protestanten in Europa zu sein, an den sich nicht selten auch Vertreter ungarischer protestantischer Gemeinden mit Bitte um Intervention und Hilfe wenden. Dazu werden die Akteure der Kommunikation behandelt, wie Diplomaten, d.h. z.B. die Gesandten Rákóczis am preußischen Hof und bei dem Friedenskongress in Utrecht, die Geistlichen, die Konfessionsmigranten und Studenten. Eine Rolle wird auch das Corpus Evangelicorum spielen, welches sich besonders nach 1670 in seinen Sitzungen immer wieder auch mit der Lage der ungarischen Protestanten befasste. Auch die Orte, an denen die Akteure einander unmittelbar begegnen, wie die Universitäten und Friedenskongresse, und schließlich die Medien der Kommunikation sollen analysiert werden, so z. B. die zeitgenössischen Zeitschriften, Flugschriften, Korrespondenzen, Nachlässe der Konfessionsmigranten. Damit soll die Arbeit auch einen Beitrag zur Geschichte des internationalen Protestantismus leisten und die Netzwerke unter den Protestanten aus Preußen, Ungarn und Siebenbürgen erforschen.
Literatur: Bahlcke, Joachim: Konfessionspolitik und Staatsinteressen – Zur Funktion der brandenburgisch-preußischen Interventionen zugunsten der ungarischen Protestanten nach dem Westfälischen Frieden. In: Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte 76/77 (1997/1998), 177-187; Benda, Kálmán: Der Rákóczi-Aufstand in Ungarn und die europäischen Mächte (1703-1711). In: Österreich in Geschichte und Literatur 22/1978, 328-337; Bucsay, Mihály: Der Protestantismus in Ungarn. 1521-1978. Ungarns Reformationskirchen in Geschichte und Gegenwart. 2 Bde., Wien/Köln/Graz 1979; Kisch, Dirk Lukas: Die Beziehungen Brandenburg-Preußens zu Ungarn und Siebenbürgen. In: Zeitschrift für siebenbürgische Landeskunde 7 (1984), 160-172; Kowalská, Eva: Uhorskí protestanti a viedenský dvor: formovanie cirkevnej politiky habsburského štátu pred rokom 1781. In: Historický časopis 50 (2002) 407-422; Köpeczi, Béla: Egy cselszövő diplomata, Klement János Mihály 1689-1720, Budapest 2000; Krauske, Otto: Der große Kurfürst und die protestantischen Ungarn. In: HZ 58 (1887), 465-496; Lengyel, Zsolt K./Wien, Ulrich A. (Hg.): Siebenbürgen in der Habsburgermonarchie.Vom Leopoldinum bis zum Ausgleich (1690-1867), Köln/Weimar/Wien 1999; Spannenberger, Norbert: Konfession und Gruppenbildungsprozess bei den deutschen Migranten im Ungarn des 18. Jahrhunderts. In: Konfessionelle Pluralität als Herausforderung. Koexistenz und Konflikt in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Winfried Eberhard zum 65. Geburtstag, hg. von Joachim Bahlcke u.a., Leipzig 2006, 603-618; Winter, Eduard: Die tschechische und slowakische Emigration in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte der hussitischen Tradition, Berlin 1955.
