Loyalitäten im Widerstreit. Protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen im 18. Jahrhundert

Nicole Strobel

Thema: Loyalitäten im Widerstreit. Protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen im 18. Jahrhundert (Arbeitstitel)
 
 
Beschreibung und Zielsetzung des Projekts: In welchem Spannungsfeld bewegten sich kirchliche Loyalitäten zwischen Reformation und Aufklärung? Welchen Einflusssphären waren protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen ausgesetzt? Welche Loyalitätskonflikte ergaben sich daraus für protestantische Geistliche in diesem geographischen Umfeld? Das Dissertationsprojekt „Loyalitäten im Widerstreit. Protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen im 18. Jahrhundert“ versucht anhand eines konkreten Fallbeispiels solch grundlegende Fragen zu erörtern. Der preußische Prediger Johann Gottlieb Elsner (1717-1782) bietet sich aus verschiedenen Gründen als Ausgangspunkt der Untersuchung an:Elsner, dessen Familie im 16. Jahrhundert aus konfessionellen Motiven ins polnische Lissa ausgewandert war, betreute seit 1747 eine reformierte böhmische Gemeinde in Berlin. In dieser Funktion unterhielt er zahlreiche Verbindungen zu anderen reformierten Gruppen im In- und Ausland, zur preußischen Verwaltung aber auch zu seiner Mutterkirche, der großpolnischen Brüderunität in Lissa. 1761 wurde er von dieser in Personalunion zum auswärtigen Senior gewählt. Fortan sah er sich verschiedenen Erwartungshaltungen ausgesetzt: Die preußische Obrigkeit und Verwaltung forderte Dankbarkeit für die Schulstipendien sowie das Auftreten Preußens als Schutzmacht der Protestanten im östlichen Europa. Die Seniorats- und Priesterkollegen Elsners aus der Unitas Fratrum, die sich als reformierte Minderheit im katholischen Polen beständig dem Generalverdacht des Vaterlandsverrats durch Zusammenarbeit und Kommunikation mit ausländischen Mächten ausgesetzt sahen, bewerteten Elsners Doppelfunktion zwiespältig: Sie betrachteten sie zwar als günstige Gelegenheit, um einen einflussreichen Vertreter in der Nähe des preußischen Königshofes zu besitzen, erwarteten jedoch von ihrem auswärtigen Senior diskretes und diplomatisches Agieren, ohne das Misstrauen der polnischen Obrigkeit weiter zu steigern.Elsner eignet sich daher als Sonde, um Loyalitätskonflikte protestantischer Geistlicher in der Frühen Neuzeit zu untersuchen. Seine weit gespannten Korrespondenzen und zahlreichen Veröffentlichungen bieten zusammen mit Briefen weiterer Akteure sowie Synodalbeschlüssen eine breite archivalische Grundlage für die Untersuchung der beschrieben Thematik.Diese mikroperspektivische Fallstudie soll jedoch nicht für sich stehen, sondern eingeordnet werden in das Spannungsfeld kirchlicher Loyalitäten zwischen Reformation und Aufklärung unter besonderer Berücksichtigung protestantischer Geistlicher zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen.
 
 
 
Literatur: Bahlcke, Joachim, „Religiöse Kommunikation im Dreieck Berlin – Lissa – Herrnhut. Zinzendorf, die Erneuerte Brüder-Unität und das Verhältnis zur polnischen Unitas Fratrum in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts“, in: Unitas Fratrum. Zeitschrift für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine 67/68 [2012], S. 31-49; Benz, Ernst, Bischofsamt und apostolische Sukzession im deutschen Protestantismus, Stuttgart 1953; Kriegseisen, Wojciech, Die Protestanten in Polen-Litauen (1696–1763). Rechtliche Lage, Organisation und Beziehungen zwischen den evangelischen Glaubensgemeinschaften. Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew unter Mitarbeit von Rafael Sendek. Herausgegeben von Joachim Bahlcke und Klaus Ziemer, Wiesbaden 2011 (Jabloniana. Quellen und Forschungen zur europäischen Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit 2); Müller, Michael G., „Die polnische „Dissidenten-Frage“ im 18. Jahrhundert. Anmerkungen zum Verhältnis von religiöser Toleranz und Politik in Polen-Litauen im Zeitalter der Aufklärung“, in: Donnert, Erich (Hg.), Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 5 Aufklärung in Europa, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 455-461; Rhode, Gotthold, Brandenburg-Preußen und die Protestanten in Polen 1640–1740. Ein Jahrhundert preußischer Sozialpolitik für eine unterdrückte Minderheit, Leipzig 1941. (Deutschland und der Osten. Quellen und Forschungen zur Geschichte ihrer Beziehungen 17); Schulze Wessel, Martin, „Loyalität als geschichtlicher Grundbegriff und Forschungskonzept. Zur Einleitung“, in: ders. (Hg.), Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Republik 1918 – 1938. Politische, nationale und kulturelle Zugehörigkeiten, München 2004, (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 101, zugleich: Tagungen der Historischen Kommission für die böhmischen Länder 1998, 1999 und 2000), S. 1-22; Thadden, Rudolf von, Die Brandenburg-Preussischen Hofprediger im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der absolutistischen Staatsgesellschaft in Brandenburg-Preussen. Mit 18 Tafeln, Berlin 1959 (Arbeiten zur Kirchengeschichte 32), zugl. Göttingen, Univ. Diss. 1958; Völker, Karl, Der Protestantismus in Polen auf Grund der einheimischen Geschichtsschreibung, Leipzig 1910; Wotschke, Theodor, „Hilferufe nach der Schweiz“, in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift für Polen 15 (1929), S. 69-110 und 16 (1929), S. 26-74; Zernack, Klaus, „Negative Polenpolitik als Grundlage deutsch-russischer Diplomatie in der Mächtepolitik des 18. Jahrhunderts“, in: ders., Preußen – Deutschland – Polen. Aufsätze zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Hrsg. von Wolfram Fischer und Michael G. Müller, Berlin 2. aktual. Aufl. 2001 (Historische Forschungen 44), S. 225-242.