Daniel Ernst Jablonski (1660-1741) verkörpert wie nur wenige seiner Zeitgenossen ein universaleuropäisches Bildungsideal an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, zwischen Pietismus und Aufklärung. Der Enkel des tschechischen Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius (Komenský) wirkte nach Ausbildungsstationen in Lissa, Frankfurt/Oder und Oxford als Prediger und Gymnasialrektor in Lissa sowie vor allem als brandenburg-preußischer Hofprediger zunächst in Königsberg, später lange Jahre in Berlin.

Jablonskis Wirkungsfelder umfaßten die Wissenschaftsorganisation im Rahmen der Frühaufklärung in Berlin, wo er zusammen mit Gottfried Wilhelm Leibniz die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften begründete, ferner die Theologie, was sich in seinem Einsatz für eine innerprotestantische Kirchenunion und Ökumene sowie im Einfluß auf Zinzendorf und die Herrnhuter Brüderunität ausdrückte. Seine politischen Verbindungen reichten vor allem nach Ostmitteleuropa (Polen, Böhmen, Ungarn, Siebenbürgen). Der produktive Autor und Übersetzer politischer und kirchlicher Literatur verfügte über ein weitverzweigtes Netz von Kontakten innerhalb der europäischen intellektuellen Elite seiner Zeit, mit der er in mehreren Sprachen korrespondierte.

Die Internationalität und Multidisziplinarität machen Jablonskis Leben und Werk faszinierend für seine Zeit und gleichzeitig hochaktuell für heutige Forschungsanforderungen. Die Jablonski-Forschungsstelle will daher zur Beförderung einer international vernetzten, enge Fachgrenzen überschreitenden europäischen Kulturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts beitragen.

In einem längerfristig angelegten Forschungsprojekt verfolgt die Jablonski-Forschungsstelle die Sichtung, Erfassung und Edition des umfangreichen, über ganz Europa verstreuten und bislang kaum bekannten Briefwechsels Daniel Ernst Jablonskis. Dabei steht momentan noch die Sichtung des Materials durch Mitarbeiter der Forschungsstelle und auswärtige Fachwissenschaftler vor Ort, vorwiegend in osteuropäischen Archiven, im Vordergrund.



Zur regestartigen Groberfassung der Briefe, der Verwaltung von Literatur und Hintergrundinformationen, etwa zu den Korrespondenzpartnern, dient dabei eine im Rahmen der Forschungsstelle entwickelte ACCESS- Datenbank.

Die Edition selbst soll nach dem Vorbild der Leibniz-Editionsstelle Potsdam und entsprechend der DFG-Richtlinien für wissenschaftliche Editionen mit dem Texteditionssystem TUSTEP vorgenommen werden. Damit wird nicht nur die Grundlage für eine Edition in Buchform, sondern auch für eine XML-basierte digitale Publikation und Archivierung gelegt. Das Konzept, die Vorgehensweise, quellenkritische Überlegungen und geplante Arbeitsschritte sind bereits auf internationalen Konferenzen vorgestellt worden.
Am 10. März 2006 fand in Berlin ein Workshop statt, der den Austausch mit anderen frühneuzeitlichen Editionsprojekten ermöglichte. Hierbei wurden konzeptionelle Fragen im Hinblick auf das Stuttgarter Vorhaben erörtert.

Weiteres Aufgabenfeld der Jablonski-Forschungsstelle ist die Organisation von Tagungen zur Kultur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, mit Schwerpunkt auf dem 17. und 18. Jahrhundert.
Im Rahmen der Jablonski-Forschungsstelle entstehen universitäre Qualifikationsarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften. In der Bibliothek des Historischen Instituts der Universität Stuttgart schlägt sich die Arbeit der Forschungsstelle in einem eigenen, thematisch ausgerichteten Sammelschwerpunkt mit eigener Signaturengruppe nieder. Dieses Sammelgebiet wird bereits von Forscherinnen und Forschern aus dem In- und Ausland genutzt.

Die Ergebnisse der Jablonski-Forschungen werden in einer eigenen Buchreihe unter dem Titel "Jabloniana. Quellen und Forschungen zur europäischen Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit" veröffentlicht. Sie wird an der Jablonski-Forschungsstelle gemeinsam von Prof. Dr. Joachim Bahlcke und Prof. Dr. Alexander Schunka herausgegeben. Innerhalb der Reihe "Jabloniana" werden Quelleneditionen, Monographien und Tagungsbände publiziert. Die Reihe ist für die Aufnahme externer Forschungsergebnisse offen.

Bisher erschienene Bände:

Band 1: Bahlcke, Joachim/Korthaase, Werner (Hg.): Daniel Ernst Jablonski. Religion, Wissenschaft und Politik um 1700. Wiesbaden 2008. 560 Seiten.

Band 2: Kriegseisen, Wojciech: Die Protestanten in Polen - Litauen (1696-1763). Rechtliche Lage, Organisation und Beziehungen zwischen den evangelischen Glaubensgemeinschaften. Herausgegeben von Joachim Bahlcke und Klaus Ziemer. Aus dem Polnischen übersetzt von Peter Oliver Loew und Rafael Sendek. Wiesbaden 2011. 350 Seiten.

Band 3: Korzun, Svetlana: Heinrich von Huyssen (1666-1739). Prinzenerzieher, Diplomat und Publizist in den Diensten Zar Peters I., des Großen. Herausgegeben von Joachim Bahlcke und Alexander Schunka. Wiesbaden 2013. 268 Seiten.

Band 4: Noller, Matthias: David Cranz. Historie der Böhmischen Emigration. Eine historisch-kritische Edition. Herausgegeben von Joachim Bahlcke und Alexander Schunka. Wiesbaden 2013. 285 Seiten.

Band 5: Döring, Detlef: Studien zur Wissenschafts- und Bildungsgeschichte in Deutschland um 1700. Gelehrte Sozietäten - Universitäten - Höfe und Schulen. Herausgegeben von Joachim Bahlcke und Mona Garloff. Wiesbaden 2015. 284 Seiten.

Leitung: Prof. Dr. Joachim Bahlcke


Kooperationspartner:

Deutsche Comenius-Gesellschaft e. V., Berlin

Evangelische Brüderunität (Herrnhuter Brüdergemeine), Herrnhut

Leibniz-Edition-Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Potsdam

Muzeum Jana Amose Komenského, Uherský Brod

Historisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Bratislava