Die Texterfassung der Tagebücher wurde im Jahr 2011 begonnen, gefördert mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit zu Editionszwecken freundlicherweise zur Verfügung gestellten Tagebücher sind Eigentum der schlesischen Grafenfamilie Praschma. Das Vorhaben knüpft an die beiden bereits abgeschlossenen Projekte „Adel in Schlesien“ [Harasimowicz, Jan/Weber, Matthias (Hg.): Adel in Schlesien, Bd. 1: Herrschaft - Kultur - Selbstdarstellung. München 2010; Bahlcke, Joachim/Mrozowicz, Wojciech (Hg.): Adel in Schlesien, Bd. 2: Forschungsperspektiven – Quellenkunde – Bibliographie. München 2010] und „Schaffgotsch“ [Bahlcke, Joachim/Schmilewski, Ulrich/Wünsch, Thomas (Hg.): Das Haus Schaffgotsch. Konfession, Politik und Gedächtnis eines schlesischen Adelsgeschlechts vom Mittelalter bis zur Moderne. Würzburg/Freiburg i. Br. 2010], an.

Monarchisches Zeremoniell, dynastische Erinnerungskultur und architektonische Herrschaftsrepräsentation sind Phänomene, die in der jüngeren historischen Forschung breite Aufmerksamkeit im Kontext kulturwissenschaftlicher Fragestellungen erfahren haben. Dies gilt freilich nur bedingt für die verantwortlichen Figuren im Hintergrund, die hohen höfischen Beamten und Zeremonienmeister, die die Repräsentation und die Memoria der europäischen Herrscherhäuser seit der Frühen Neuzeit maßgeblich prägten. In diese Kategorie gehört mit dem Freiherrn – beziehungsweise später dem Grafen – Rudolf von Stillfried-Alcántara (1804-1882) auch ein Schlesier, der fast sein gesamtes Leben in den Dienst der Hohenzollernmonarchie stellte, dessen Wirken in der Forschung bislang aber nur gestreift wurde.

Geboren und aufgewachsen im niederschlesischen Hirschberg, ließ Stillfried sich nach seiner schulischen Ausbildung und einem Jurastudium in Breslau zunächst auf seinen niederschlesischen Ländereien nieder und begann eine rege Publikationstätigkeit zu dynastisch-heraldischen Fragen sowie zur Geschichte des Hauses Hohenzollern. Seine enge Bekanntschaft mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm ermöglichte ihm nach dem Thronwechsel von 1840 eine glänzende Karriere am Berliner Hof. Stillfried diente Friedrich Wilhelm IV. und später dann dessen Bruder und Nachfolger Wilhelm I. mehrere Jahrzehnte lang als Oberzeremonienmeister, Direktor des Königlichen Hausarchivs und Leiter des für Adelsfragen zuständigen Heroldsamtes

In diesen Funktionen oblag ihm die Pflege der monarchisch-dynastischen Symbolik – Fahnen, Wappen, Siegel, Orden etc. – ebenso wie die Organisation aller zentralen Jubiläums- und Krönungsfeierlichkeiten, etwa der prunkvollen Krönungszeremonie Wilhelms I. 1861 in Königsberg. Zu diesem Anlass wurde Stillfried in den preußischen Grafenstand erhoben, nachdem ihm sein Einsatz bei der Vermählung einer Prinzessin von Hohenzollern-Sigmaringen mit Pedro V. von Portugal drei Jahre zuvor bereits den portugiesischen Titel eines Grafen von Alcántara eingebracht hatte. Der Nachwelt bekannt geworden ist sein Name nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem maßgeblich von ihm initiierten und 1867 abgeschlossenen Wiederaufbau der Burg Hohenzollern bei Hechingen, in dessen Verlauf er vor allem das ikonographische Programm verantwortete.

Langfristig geplant ist eine historisch-kritische Edition der insgesamt 31 Tagebücher Graf Stillfried-Alcántaras, die (mit Ausnahme von drei erst vor kurzem an das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem abgegebenen Tagebüchern) der Forschung bisher unbekannt waren.

Leitung: Prof. Dr. Joachim Bahlcke, Prof. Dr. Roland Gehrke

Wiss. Mitarbeiterin: Rafael Sendek M.A.