Ukraine-Exkursion der Abteilung Alte Geschichte


Die Exkursion der Abteilung Alte Geschichte führte vom 11.-22.9.2004 in die Ukraine und stand unter dem Oberthema "Der nördliche Schwarzmeerraum - Begegnung der Kulturen". Entlang der Küste der heutigen Ukraine begann im 7. Jh. v. Chr. die Gründung griechischer Kolonien. Dadurch entwickelte sich die Region zu einer Kontaktzone zwischen der griechischen Welt und den teils nomadisierenden, teils seßhaften Völkern der Steppengebiete des Hinterlands (Skythen, Sarmaten, Taurer). Die archäologischen Überreste, die literarischen, epigraphischen und numismatischen Quellen dokumentieren intensive kulturelle und ökonomische Beziehungen. Der russische Althistoriker A. V. Podossinov konstatierte hier eine "Dialektik ethno-kultureller Kontakte" zwischen "barbarisierten Hellenen" und "hellenisierten Barbaren". Jedoch waren diese Kontakte nicht immer friedlicher Natur. Es entstanden daher auf Seiten der Griechen politische Zusammenschlüsse unterschiedlichen Charakters, von lockeren Verteidigungbündnissen (Symmachien) bis hin zu dauerhaften Reichsbildungen, die für die übrige griechische Welt in vorhellenistischer Zeit einzigartig waren (Bosporanisches Reich). Auch nachdem die Region um die Zeitenwende unter römische Oberherrschaft geriet, änderte sich nichts an ihrem multikulturellen Charakter. Seit der Spätantike ist sogar eine Zunahme kultureller Begegnungen zu verzeichnen, die aus den Vorgängen der Völkerwanderungszeit resultiert. Nacheinander erschienen Goten, Hunnen, Chazaren und weitere Völker in der Region, wodurch die Herrschaft des römischen bzw. byzantinischen Staates auf ein kleines Territorium auf der Krim reduziert wurde.
Die Referate der Exkursionsteilnehmer, die sowohl im Rahmen eines zweitägigen Seminars in Stuttgart als auch vor Ort gehalten wurden, umfassten den gesamten hier vorgestellten Zeitraum. Es wurden drei Standorte gewählt (Odessa, Sewastopol, Kertsch), von denen aus die wichtigsten archäologischen Stätten und Museen besucht wurden.
Die überreste der griechischen Kolonie Olbia, 150 km östlich von Odessa am Bug-Liman gelegen, eröffneten am 12.9. das Programm. Zu sehen waren überreste der Nordmauer, öffentliche und private Bauten, zwei Grabhügel, ein Gräberfeld sowie ein kleines Museum. In den Referaten von D. Römer, L. Premuzak, P. Guyot und F. Dirscherl ging es um die Gründung Olbias, um den Verlauf der Stadtgeschichte, um die Zeit des sog. skythischen Protektorats über Olbia und um die Handelsbeziehungen der Stadt.
Am 13.9. wurde zunächst Belgorod-Dnestrovskij südwestlich von Odessa am Liman des Dnestr angesteuert. Auch dieses Mündungsgebiet war Ziel griechischer Kolonisten, die am Ostufer des Limans Nikonion und am Westufer Tyras gründeten. Von den überresten der Stadt Tyras sind einige Mauerzüge aus hellenistischer und römischer Zeit konserviert. Neben und über diesen Ruinen erhebt sich die mittelalterliche Festung Akkerman, deren Herren zunächst die Genueser, dann die moldawischen Fürsten und später die Osmanen waren. Nach der Besichtigung informierte P. Guyot über Tyras, woraufhin W. Dietz die Geschichte der Festung in ihren historischen Kontext einordnete. Danach führte die Reise weiter in den Südwesten der Ukraine. Südlich der Stadt Tatarbunary befindet sich der Ausgangspunkt des "Trajanswalls", eines Systems von Wällen der römischen Kaiserzeit im Vorfeld des Donaulimes, über dessen Funktion im Anschluß an ein Referat von F. Schön diskutiert wurde. Am Abend schließlich referierte I. v. Bredow in der Hotelbar über die Besonderheiten der griechischen Religion im nördlichen Schwarzmeergebiet.
Der folgende Tag begann mit einem Besuch des Archäologischen Museums von Odessa, das einen repräsentativen Querschnitt an Fundstücken des Exkursionsgebiets präsentiert. Einige der Objekte wurden in Beiträgen von D. Sethaler, F. Dirscherl und W. Dietz vorgestellt und diskutiert. Anschließend wurde das Numismatische Museum besichtigt und am Nachmittag beendeten Referate von M. Witzky zur Geographie des Schwarzmeerraums und von A. Löwe zum antiken Schwarzmeerhandel das Tagesprogramm.
Am 15.9. wurde nach langer Fahrt in Kertsch am Kimmerischen Bosporus das zweite Quartier bezogen. Am nächsten Morgen empfing Dr. V. Zinko vom Demeter-Institut die Exkursionsgruppe. Er führte mit großer Detailkenntnis durch die überreste auf dem sog. Mithridates-Berg, der Akropolis von Pantikapaion, der Hauptstadt des Bosporanischen Reiches. Der Name des Hügels erinnert an den pontischen Herrscher Mithradates VI. Eupator, den großen Widersacher Roms, der 107 v. Chr. die Thronfolge im Bosporanischen Reich antrat, worüber D. Sedelmeier bereits im Vorbereitungsseminar referiert hatte. Danach wurde das Archäologische Museum von Kertsch besucht. Einige der ausgestellten Objekte waren für weitere Beiträge von D. Sethaler und W. Dietz relevant. Außerdem konnte V. Sauer einige gotische Schmuckgegenstände zeigen und dabei u. a. auf das Problem der ähnlichkeit gotischer, hunnischer und alanischer Objekte verweisen. Da das Museum auch über frühchristliche Fundgegenstände verfügt, referierte P. Guyot hier über die Ausbreitung des Christentums im spätantiken Bosporanischen Reich. Der Höhepunkt des Tages lag dann unter der Erde. Dr. Zinko gestattete den Abstieg in einen engen Schacht, der zu einer spätantiken, wohl alanischen Grabkammer mit schlichten Malereien führte.
Der 17.9. begann in den Ruinen von Nymphaion, einer der griechischen Kolonien, die Teil des Bosporanischen Reiches wurden. Hier referierten W. Berner über die athenischen Interessen und ökonomischen Aktivitäten im Schwarzmeergebiet und B. Wiszthaler über Wirtschaft und Handel des Bosporanischen Reiches. Auf dem Gelände der griechischen Kolonie Tyritake erläuterte dann ein junger Archäologe sein Grabungsareal, dessen Stratigraphie vom 2. bis ins 20. Jh. reicht. Nachmittags standen die Kurgane auf dem Programm, Grabhügel verschiedener Kulturen und Epochen, die zu Tausenden in den Steppen erhalten sind. Der Kul Oba Kurgan und sein aussagekräftiger Inhalt wurden von F. Stini besprochen, worauf dann eine Begehung des als Museum unterhaltenen Carskij Kurgans im Norden von Kertsch das Thema beschloß. Das Programm endete an diesem Tag mit einem weiteren Beitrag von M. Witzky zur Geographie der Krim und zum Asowschen Meer.
Der 18.9. führte zunächst in das Mittelalter und in die Frühe Neuzeit. Am Fuße des Mithridates-Bergs stellte W. Dietz die byzantinische Johannes-Kirche und im Nordosten von Kertsch die genuesische, dann osmanische Festung Eni Kale vor, bevor dann Myrmekion, eine weitere griechische Kolonie, besichtigt wurde. Im Anschluß an ein Referat von P. Guyot standen die Gründungsproblematik und Abhängigkeitsverhältnisse der Stadt zur Diskussion. Drei weitere Referate beendeten das Tagesprogramm: E. Olshausen hatte epigraphisches Material ausgewertet und nun auf Einigungstendenzen im Schwarzmeergebiet befragt, I. v. Bredow schilderte die starke Verbreitung des Judentums in der Region, ausgehend von einer pantikapäischen Inschrift des 1. Jh. n. Chr., und P. Guyot präsentierte mit der Inschrift eines Hofeunuchen ein orientalisches Element an hellenistischen Herrscherhöfen.
Am 19.9. fuhr die Gruppe zum dritten Standort Sewastopol. Unterwegs führte W. Dietz durch die imposante genuesische Festung Sudak, außerdem wurde die Fahrt durch einen kurzen Aufenthalt in Jalta sowie auf dem Kap Aj Todor mit überresten der taurischen, dann römischen Festung Charax unterbrochen.
Der 20.9. begann mit einem Besuch des Historischen Museums der Krim in Simferopol und danach führte ein Archäologe der Universität Simferopol durch die Grabung von Neapolis Scythica, einer Residenzstadt der Skythenkönige. Die noch sichtbaren überreste stammen von der Nordmauer, vom Palastbereich und von zwei Mausoleen, eines davon im Turm am Stadttor mit 72 Bestattungen. Die Führung wurde von F. Stini um einige Aspekte ergänzt, u. a. durch Inschriften eines Griechen von der Insel Rhodos, der im Auftrag des Skythenkönigs Seeräuber bekämpfte. Im Anschluß referierte I. v. Bredow über Besonderheiten der skythischen Religionsformen. Den Abschluß des Tages bildete ein Besuch des als Museum unterhaltenen Khanspalastes von Bachtschisarai, einer mit Holzschnitzereien und Marmorverzierungen reichlich ausgestatteten Residenz der Krimtataren.
Am letzten Tag der Reise stand zuerst das Ruinengelände von Chersonesos im Blickpunkt des Interesses. M. Khayrullina führte durch das Gelände dieses "Pompeis der Krim", während P. Guyot die zahlreichen frühchristlichen Kirchen behandelte. Eine dieser Kirchen wurde mitten im antiken Theater errichtet, in dessen überresten F. Schön die Präsenz der Römer im Exkursionsgebiet zusammenfaßte. Am Nachmittag folgte schließlich der letzte Programmpunkt, ein Besuch der Höhlenstadt Eski Kermen. Auf einem 1000 m langen und 100 m hohen Felsmassiv lebten seit dem 6. Jh. n. Chr. die Krimgoten. Der Felsblock ist ausgehöhlt für Wehranlagen, Kirchen und Unterkünfte; auf seinem Plateau ist er ebenfalls bebaut und mit einer Hauptstraße und einem Tor versehen. Die abenteuerliche Führung mit vielen Kletterpartien wurde von einem jungen Angestellten geleitet und an verschiedenen Stellen durch Erläuterungen von V. Sauer veranschaulicht. Mit diesen Eindrücken mußte das Hotel in Sewastopol nachts verlassen werden, um rechtzeitig zum Flughafen von Odessa zu gelangen. Nach einer Zwischenlandung in Budapest traf die Gruppe schließlich am Abend des 22.9. wieder in Stuttgart ein.
Wie in den vergangenen Jahren lag die Organisation der Exkursion ganz wesentlich in den Händen studentischer Teilnehmer. L. Premuzak und M. Khayrullina sei für ihr Engagement und die daraus resultierende, rundum gelungene Reise in ein überaus interessantes und freundliches, für den westlichen Tourismus aber noch wenig erschlossenes Land herzlichst gedankt. Ebenfalls herzlichst gedankt sei dem Verein der Freunde des Historischen Instituts und der Stiftung "Humanismus heute", die wie schon in vergangenen Jahren die studentischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem finanziellen Zuschuß unterstützt hatten.

Frank Stini