Exkursion der Abteilung Alte Geschichte nach Sizilien

Als sich die Teilnehmenden der diesjährigen Sizilien-Exkursion am 10. Mai am Stuttgarter Flughafen versammelten, war der erste Härtetest schon bestanden: Die zehn-stündige Mammutsitzung des Vorbereitungsseminars. Hier waren die Themen bereits vorgestellt worden, allerdings mit anderen Schwerpunkten: Da die Diskussion von Hypothesen und Theorien der Forscher besser vor Ort, mit der archäologischen Grabung vor Augen, stattfinden konnte, handelte es sich hier um Überblicksinformationen, wie z.B. die Geschichte der verschiedenen Städte und Kulturen anhand von Schriftquellen.

Die „Gruppo Winkle“ bestand aus 18 gutgelaunten Studierenden, geleitet von Prof. Dr. Peter Scholz, Christian Winkle M.A. und Dr. Jonas Scherr, die vor Ort stets zum Nachdenken anregten, die Vorträge der Studierenden ergänzten und durch die Fähigkeit, Interesse zu wecken, sowie durch offene und entspannte Freundlichkeit zur Harmonie und Kompaktheit der Gruppe beitrugen.
Wie das Oberthema „Sizilien - Insel zwischen Karthago, Griechenland und Rom“ bereits verrät, stand die Vielfalt der Insel Trinakria im Mittelpunkt der Reise. Wie in kaum eine andere historische Landschaft kann hier der Reichtum dreier großer Mittelmeerkulturen, Phönizier/Karthager, Griechen und Römer, in Augenschein genommen werden. Die Studierenden entwickelten während der zehntägigen Rundreise ein Bewusstsein für das von antiken Großmächten umkämpfte Gebiet: Ob im peloponnesischen oder dem römisch-karthagischen Krieg, Sizilien blieb als Verbindung zwischen Afrika und Italien bis in die byzantinische Zeit ein Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.
Neben den viel gerühmten Theatern und Tempeln bietet die Insel eine Fülle an archäologischen Resten, wodurch sich uns die Chance auftat, in die antike Geschichte vom 8. Jh. v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr. einzutauchen. Die zahlreichen Grabungen ermöglichten den Studierenden zudem einen tieferen Einblick in die archäologische Arbeit.


Nach unserer Ankunft in Catania wurden wir direkt von Giuseppe, unserem freundlichen, uns stets begleitenden Busfahrer abgeholt und nach Siracusa ins Hotel gefahren. Dort nutzten wir die verbleibende Zeit, um von Sina Eißfeller in die Topographie und Geschichte Siziliens eingeführt zu werden und danach die Gegebenheiten unserer Umgebung und des Hotels zu erforschen. Am folgenden Tag besuchten wir das Museo Archeologico Regionale Paolo Orsi als Einstieg in den Tag in Syrakus. Nach einer Mittagspause ging es weiter zur Zona Archeologica, welche der früheren Größe der Stadt entsprechend viel zu bieten hat. Besonders beeindruckend waren die Größe des Theaters und das mysteriöse und einzigartige Ohr des Dionysios (Abb.rechts), eine sehr große in den Stein der Latomien (Steinbrüche) geschlagene Grotte. Tessa Nepper, Ines Kumb und Eva Bosch teilten sich dieses große und vielfältige Stück Antike. Am späten Nachmittag ging es dann etwas gemütlicher durch den wunderschönen antiken Kern der Stadt, Ortigia, wo sich manch waghalsiger und kältetrotzender Germane auch ins noch kalte Wasser wagte.

Am 12. Mai stand die erste von vielen und langen Busfahrten auf dem Programm: Erst ging es zur Südküste nach Gela, nachmittags dann ins Innenland nach Akrai (Palazzolo Acreide). In Gela berichtete Lea Frey über das größte erhaltene Stück Stadtmauer des antiken Siziliens, welches imposant auf einer 40m hohen Klippe steht, und führte uns durch das Museo archeologico regionale di Gela. Bis auf die Mauer ist allerdings kaum etwas von der antiken Stadtanlage erhalten geblieben. In Akrai hingegen gab es mehr zu diskutieren: Obwohl die Zone zuerst recht überschaubar und nicht besonders vielfältig erschien, kamen doch bei einigen Überresten von Gebäuden interessante Fragen zu deren Funktion auf. Lino Mandarello führte uns über diesen wunderschönen, wenn auch (was uns die Arbeit erschwerte) verwilderten Berg, der dank seiner Lage einmal ein wichtiger Punkt auf der Straße gewesen war, die Sizilien horizontal durchquerte, und von der auch noch ein Stück zu sehen war. Ganz zum Schluss entdeckten ein paar neugierige Nachzügler noch eine sehr tief in den Fels gegrabene Katakombe.

Am darauffolgenden Tag ging die Fahrt weiter. Mit einer kurzen Pause an der Stadtmauer von Siracusa fuhr man ca. 2 Stunden lang nach Morgantina (heute Aidone). Passend zu diesem hochgelegenen Ort mit atemberaubender Aussicht verzogen sich die Wolken der ersten Tage und die Sonne sengte sich auf unsere Köpfe. Trotz der Größe und Unübersichtlichkeit der Grabungszone verschaffte sich Sebastian Harr schnell einen Überblick und führte uns sicher vom Theater (Abb. rechts, im Hintergrund) zum bouleuterion, durch öffentliche und private Gebäude. Hier war sehr gut erkennbar - noch besser als in Akrai - wie eine solche Stadt strukturiert war. Es wäre noch mehr zu sehen gewesen, aber auf dem Programm stand noch die berühmte Villa Romana del Casale mit ihren beeindruckenden Mosaiken, die den gesamten Boden der Villa verzieren. Theresa Gulden erläuterte uns, trotz der Behinderung durch Massen von Touristengruppen und Schulklassen, die wichtigsten und schönsten dieser Mosaike. Danach kam das Gespräch, wie zu erwarten war, auf die schon von vielen Forschenden geführte Diskussion darüber, wer der Eigentümer dieses prächtigen Kunstwerkes gewesen sein könnte. Abends kamen wir dann in unserem nächsten Hotel in Agrigento an.

Der 14. Mai war ein sehr heißer und anstrengender Tag. Unter der intensiven Sonne liefen wir durch das Tal der Tempel in Agrigent, wo uns Julia Buschmelew und Susanne Ahlfeld den Concordiatempel, den Heratempel und die Reste des Tempels des Zeus Olympios vorstellten. Anschließend gingen wir ins Archäologische Museum und bewunderten die riesige Telamonstatue, die einst zu letzterem Heiligtum gehört hatte.
Am folgenden, noch heißeren Tag fuhren wir nach Selinunt, welches einmal eine prächtige Stadt gewesen sein muss, da man eine große Anzahl an Tempeln vorfindet – zum Teil zerstört und nur noch in Trümmerhaufen, zum Teil rekonstruiert. Elisabeth Kölmel und Michael Feindert referierten vor Ort und führten uns am Meer entlang durch das sehr große Gebiet – so groß, dass es den ganzen Tag in Anspruch nahm. Wir genossen auch sehr das Hotel Admeto in Marinella di Selinunte, welches im Vergleich zu den vorherigen sehr luxuriös war, mit einer Dachterrasse zum Frühstücken, leckerem Essen, freundlichem Personal und sehr gut gelegen, direkt oberhalb des belebten Hafens.

Am darauffolgenden Montag ging es nach Mozia und Segesta, wo zum ersten Mal die Zeit deutlich zu knapp war, wegen der Busfahrten aber vor allem wegen der Sehenswürdigkeiten selbst. In Mozia führte uns David Eibeck quer über die Insel, vom Tor bis zum „Heiligen Schwimmbad“ (der kothon) über dessen Funktion lange diskutiert wurde. Für das Museum blieb wenig Zeit, da wir weiter nach Segesta reisten, wo Julian Hermann über den imposanten und gut erhaltenen, wenn auch nie fertiggebauten Tempel referierte. Auch für das Theater von Segesta blieb letztendlich leider keine Zeit. Man diskutiert über die Funktion des kothon, ein internes Süßwasserbecken, in Mozia (Abb. unten).

Palermo war in vielerlei Hinsicht ein besonderes Erlebnis. Zu dem Flair einer chaotischen süditalienischen Stadt kamen ein heruntergekommenes Hotel mit schlechtem Essen und ein Museum, welches zwar geöffnet war, in welchem aber zwecks Restaurierungsarbeiten nur der Innenhof mit sehr wenigen Fundstücken zugänglich war. Für Franziska Rapp und Sina Eißfeller war es sehr schwer, von Fundstücken zu sprechen, ohne sie vor Augen zu haben, aber sie gaben sich alle Mühe und hatten glücklicherweise Abbildungen mancher Statuen und Reliefs parat. Trotzdem war der Tag erfolgreich, da uns am Vormittag bereits Valerie Wimmer durch das Museum von Himera geführt hatte und wir nachmittags die wunderschöne Innenstadt von Palermo besichtigten und uns einige Zeit im Dom aufhielten. Zwischen Spätgotik und Renaissance gab es hier also etwas Abwechslung von der Antike!
Das letzte Ziel war dann der Monte Iato, ein sehr steiler Berg, den wir zu Fuß bestiegen. Nicht nur aufgrund des Panoramas lohnte sich die Wanderung. Besonders war ebenfalls, dass die Grabungen noch stattfinden, sodass man einen Einblick in die archäologische Arbeit erhielt. Zudem sind die Informationen über Iaitas – so der antike Name der Siedlung – aus den Schriftquellen so gering, dass bis zum heutigen Zeitpunkt sehr viel vermutet wird und noch zahlreiche offene Fragen über dieser Stadt schweben. Diese waren natürlich Bedingungen für eine interessante und lange Diskussion vor Ort, die Lea Würz anhand der bisher über den Monte Iato aufgestellten Theorien und Hypothesen in Gang brachte.

Schließlich kam der feierliche, aber schon fast nostalgische letzte Abend. In einem wieder sehr schönen Hotel aßen wir zu Abend, und Herr Professor Scholz hielt eine berührende und zugleich humorvolle Rede, die einige Studierenden mit einer weniger berührenden, aber dafür sehr humorvollen Ansprache konterten. Der Abend war lustig und unterhaltsam und man saß zum Ausklang noch gemeinsam am Strand, bis ein leichter Regen uns ankündigte, dass die heißen und anstrengenden, aber wunderbaren und lehrreichen Tage vorbei waren.
Als hätte Zeus es selbst gewollt, bewölkte sich am Abreisetag erneut der Himmel, wie zu Beginn der Exkursion – und genauso trübten sich die Gemüter. Erst jetzt merkten wir wirklich, wie fasziniert wir gewesen waren und völlig den Stuttgarter Alltag vergessen hatten. Im Nachhinein schienen die zehn Tage wie im Flug vergangen, obwohl uns so manche Wanderung unter der Sonne wie eine Ewigkeit vorkam. Auch die Gruppe hatte sich von Tag zu Tag besser kennengelernt, und war, wie auch Herr Professor Scholz explizit anmerkte, besonders kompakt und harmonisch zusammengewachsen.

Im Namen aller Teilnehmenden bedanken wir uns herzlich beim Verein der Freunde des Historischen Instituts für die Unterstützung der Exkursion. Sie war für uns ein besonderes Erlebnis.
Susanne Ahlfeld, Eva Bosch und David Eibeck