Exkursion Sizilien 2000



Syrakus, Reste des Apollon-Tempels auf Ortigia Als sich die zwanzig Teilnehmer am 18. September auf dem Stuttgarter Flughafen trafen, hatte die eigentliche -heiße Phase der Exkursion' schon begonnen - wie in den letzten Jahren gab es auch im Vorfeld der Sizilien-Exkursion ein Vorbereitungsseminar. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die vom 8. bis 10. September stattfand, konnten die Teilnehmer ihr jeweiliges Thema vorstellen. Die zum Teil sehr ausgiebigen und kontrovers geführten Diskussionen dieses Wochenendes deuteten bereits auf den Facettenreichtum unseres Oberthemas "Identität und Landschaft" hin: Im Laufe der 14-tägigen Exkursion wurde untersucht, wie sich während der wechselvollen Geschichte Siziliens eine wie auch immer geartete Identität ausbildete. Welche Spuren hinterließen Sikuler und griechische Kolonisten, Römer und Vandalen, Byzantiner und Araber, Normannen und Staufer? Konnte man zu irgendeinem Zeitpunkt von einer sizilischen Identität sprechen? Oder bedingte die Landschaft der Insel die Entwicklung lokaler Identitäten? Konstruktive Reibungspunkte sollten dabei insbesondere bei der Definition, der Bestimmung und dem Nachweis des Phänomens der Identität entstehen. Angesichts der vielen aufgeworfenen Fragen begann man erwartungsvoll die Studien jenseits der -Stiefelspitze' Italiens.

Die erste Woche der Exkursion war für den Ostteil der Insel reserviert. Als erstes Ziel stand am Dienstag, 19. September, mit Syrakus eine der geschichtsträchtigsten Städte auf dem Programm. Den Auftakt der Besichtigungsobjekte stellte das Museo Archeologico Regionale Paolo Orsi dar, dessen Exponate vor allem den weiten Zeitraum der Vorgeschichte bis zum Beginn des Hellenismus (Ende 4./Anfang 3. Jahrhundert v.Chr.) abdecken. In den labyrinthisch angeordneten Gängen und Räumen wurde an einigen Ausstellungsgegenständen länger Halt gemacht, so daß die -Experten' der jeweiligen Sachthemen auf einige Besonderheiten hinweisen konnten: So stellte Ulrike Geiger eine auf Sizilien häufig anzutreffende Bestattungspraxis, die enchytrismos-Bestattung, vor. Bei dieser wurden die Leichen in größere, dolium-ähnliche Tongefäße gegeben und im Erdreich vergraben. Über die Vorstellung, die dieser Praxis zugrunde liegt, konnte letztendlich keine Einigkeit erzielt werden. Eine mögliche Erklärung war beispielsweise, daß die Toten hiermit von den Lebenden ferngehalten werden sollten.

Dorit Sedelmeier, die im Vorbereitungsseminar die Kultlandschaft des griechischen Sizilien untersucht hatte, wies auf einige signifikante Tempelverzierungen hin, die im Zusammenhang mit den Grabungen in und um Syrakus rekonstruiert werden konnten. Dabei fanden insbesondere die Modellrekonstruktionen des ionischen und dorischen Athena-Tempels, mittels derer die Unterschiede der beiden Bautypen demonstriert werden konnten, ein reges Interesse. Eines der wesentlichen Merkmale der dorischen Tempel bildet die Gestaltung des Gebälks. Die über dem Architrav angebrachte Abfolge von dreigliedrigern Feldern (Triglyphen) und quadratischen, mit einem Relief oder Gemälde verzierten Feldern (Metopen) sollte so angeordnet sein, daß jede zweite Triglyphe mittig über einer Säule lag. Hierin liegt schließlich auch der bereits in der Antike diskutierte und letztlich ungelöste Eckkonflikt der dorischen Tempel, da sich an den Ecken diese systematische Anordnung ohne Einwirkung auf das optische Erscheinungsbild der Tempel nicht aufrecht erhalten ließ. Des weiteren erläuterte Dorit Sedelmeier das Relief der mythologischen Gestalt Medusa. Sie gehörte mit ihrem Schlangenhaar und dem fratzenhaften Aussehen zu den drei Gorgonen-Ungeheuern und verwandelte der Sage nach jeden Menschen, der Medusa anzublicken wagte, in Stein. Den Abschluß des Museumrundgangs bildeten die Erläuterungen Peter Guyots zu einem reich verzierten Marmorsarkophag aus dem 4. Jahrhundert, dessen Reliefs zahlreiche christliche Motive wiedergaben. Syrakus, Vorderansicht des Domes

Nach der Mittagspause war die heutige Altstadt von Syrakus, die auf der kleineren, vorgelagerten Insel Ortigia liegt, das Ziel der Exkursionsgruppe. Hier wurde unter anderem die Arethusaquelle betrachtet, eine Quelle, die mit der gleichnamigen Nymphe personifiziert wurde und aufgrund der wichtigen Trinkwasserversorgung des antiken Syrakus große Verehrung genoß. In unmittelbarer Nähe der Quelle stellte Eva Nesselmann die beiden antiken Naturhäfen von Syrakus vor, die dessen Rang in griechischer und römischer Zeit mit begründeten und die aufgrund ihrer Lage der Stadt guten Schutz boten. Die Referentin ging auch der Frage nach, welche Bedeutung der rege Mittelmeerhandel und die restlichen Häfen Siziliens für die Bevölkerung und die Identität der Insel hatte. Frank Stini problematisierte am Dom von Syrakus und an den Resten des Apollon- und Artemistempels die Kontinuität der sizilisch-griechischen Kultur und Bevölkerung in byzantinischer Zeit. Eine Besonderheit des Doms ist in diesem Zusammenhang, daß seine christlichen Vorgängerbauten wohl im 7. Jahrhundert aus dem dorischen Athenatempel entstanden. Dessen Überbleibsel sind in der Form der Cella und einiger Säulen und Kapitelle trotz zahlreicher Umbauten noch heute sichtbar. Unklar bleibt, welche Bedeutung dieser Athenatempel für die Syrakusaner in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten hatte: Warum konnte ein paganes Heiligtum in dem spätestens seit dem vierten Jahrhundert weitgehend christianisierten Syrakus überleben? Läßt sich dies vielleicht mit -nostalgischen Schwärmereien' der Syrakusaner erklären?

Am Morgen des 20. September führte das Programm nochmals für einen kürzeren Abstecher in das Stadtzentrum von Syrakus, wo Peter Guyot durch die Anlage der Katakomben von S. Giovanni Evangelista führte. Die unterirdischen Begräbnisstätten gruppieren sich um das Grabmal des ersten Bischofs von Syrakus, Marcianus, der im 3. Jahrhundert den Märtyertod erlitt. Auf dieser Kultstätte, die weiterhin als Krypta fungierte, wurde bereits im 4. Jahrhundert der erste Dom von Syrakus errichtet, der im 7. Jahrhundert jedoch seine Funktion als Bischofskirche abgeben mußte. Die Katakomben sind die ältesten Zeugnisse des christlichen Sizilien und stellen insbesondere aufgrund ihrer zahlreichen griechischen Inschriften ein wichtiges Zeugnis für den weiterhin starken griechischen Anteil der syrakusanischen Bevölkerung in der römischen Kaiserzeit dar. Den Abschluß der Besichtigung von Syrakus bildete der Besuch der Zona Archeologica. Hier sprach Eckart Olshausen über die auf Sizilien weit verbreitete und häufig vorkommende Herrschaftsform der Tyrannis. Neben der Frage, welche Ursprünge und welchen Verlauf die Entwicklung der -Herrschaft eines einzigen Mannes' auf Sizilien hatte, interessierte besonders, welche Bedeutung die Tyrannis für das Gefüge der sizilischen Städte hatte. So konnte vor allem Syrakus, dessen Einfluß auch auf die griechische Geschichte der Peloponnes nicht zuletzt während der Sizilischen Expedition Athens (415-413 v. Chr.) deutlich wird, zeitweise eine Vormachtstellung im Osten der Insel errichten. In diesem Zusammenhang steht schließlich, in welchem Verhältnis die griechischen Städte Siziliens als Bestandteil von Magna Graecia zu Griechenland standen. Ein Zeugnis der Tyrannis in Syrakus ist der Altar Hierons II., der, zwischen 241 und 215 v.Chr. errichtet, als größter bekannter Opferaltar der Antike eine hohe repräsentative Wirkung besaß. Weitere eindrucksvolle Monumente der einstigen Größe von Syrakus sind das gut erhaltene griechische Theater, die mächtigen Steinbrüche mit dem Ohr des Dionysios - eine künstliche Grotte, die einer Legende nach der Tyrann Dionysios als Kerker errichten ließ - und das aus der frühen römischen Kaiserzeit stammende Amphitheater.

Der Nachmittag führte in das in der Nähe liegende Megara Hyblaia, das uns Wolfgang Dietz im Rahmen seines Themas "Die erste Phase der griechischen Kolonisation" näherbrachte. Die ehemalige griechische Kolonie wurde als eine der ältesten Gründungen auf Sizilien überhaupt von griechischen Auswanderern zwischen 750 und 728 v.Chr. angelegt. Am Beispiel dieser Stadt konnte der Frage nachgegangen werden, welches Interesse die griechischen Kolonisten verfolgten und in welchem Verhältnis sie zur sizilischen -Urbevölkerung' standen. Aufgrund ihrer Lage und dem nur bedingten Vorkommen fruchtbaren Landes kann hierbei spekulativ davon ausgegangen werden, daß Megara Hyblaia als regionaler Handelsumschlagsplatz fungierte. Jedenfalls stand Megara Hyblaia schon bald in Konkurrenz zu dem stetig mächtiger werdenden Syrakus, das seine Nachbarstadt Anfang des 5. Jahrhunderts schließlich zerstörte. Zwischen 340 und 214 v.Chr. erlebte die Stadt - wenn auch weiterhin im Schatten von Syrakus - ein zweite Blüte. Der Rundgang über das weitläufige Ausgrabungsareal bot nicht nur dem einen oder anderen Hobbyarchäologen unter den Teilnehmern einen äußerst lehrreichen Überblick über die Anlage einer griechischen Stadt und die verschiedenen Bauepochen der Gebäude.Ätna, Blick auf den Hauptkrater (Anblick heute verändert)

Die folgenden Tage waren, im Gegensatz zu den beiden ersten, mit längeren Fahrtstrecken verbunden. Am 21. September stand zunächst der Besuch Catanias und der dortigen Universität auf dem Programm. Die griechische Gründung und spätere römische Kolonie kann heute nur noch vereinzelte Zeugnisse aus der Antike präsentieren. Dennoch war der Abstecher in die am Fuße des Ätna gelegene Stadt ein Gewinn für die Teilnehmer. Dafür sorgte neben dem typischen Flair einer süditalienisch-sizilianischen Stadt, von dem einigen Teilnehmern besonders der Gang über den Fischmarkt in lebendiger Erinnerung geblieben sein dürfte, auch der Besuch der Universität von Catania. Hier war ein Treffen mit Professor Giacomo Manganaro vereinbart, der seit einiger Zeit in freundschaftlicher Beziehung mit der Althistorischen Abteilung des Historischen Instituts zusammenarbeitet. Der herzlichen Begrüßung und dem Rundgang durch die Gebäude der Universität, auf deren Campus zur Zeit Ausgrabungen stattfinden, folgte ein Gruppenfoto, auf das der "Professore" sehr viel Wert legte. Dank der Führung eines Kollegen Manganaros konnten die Teilnehmer schließlich noch einige etwas verborgene Überreste der Antike in Catania besichtigen.

Am Nachmittag begaben sich die Teilnehmer auf den höchsten Punkt der diesjährigen Exkursion, den Ätna. Nachdem die Exkursionsleitung zunächst mit dem sizilischen Monopolunternehmen der Personenbeförderung am Ätna Bekanntschaft machen durfte, referierte Jochen Mayer auf rund 2700 Metern Höhe in der Nähe eines Nebenkraters des Ätna. In seinem Vortrag beleuchtete er die Einbindung Siziliens und dessen Landschaft in die klassische griechische Mythologie, die sicherlich auch von einem gewissen -Lokalpatriotismus' der griechisch sprechenden und denkenden Bevölkerung der Insel geprägt wurde. So wurde der Vulkan beispielsweise als Kerker der Giganten Typhon beziehungsweise Enkelados bezeichnet, die in einer Gigantomachie den Göttern des Olymp unterlegen waren. Sinnigerweise wurde - wie auch bei anderen Vulkanen der Fall - die Schmiedestätte des Feuergottes Hephaistos unter dem Ätna lokalisiert. Zu den im Vergleich zur Mythologie eher handfesten Ergebnissen konnten einige Teilnehmer überdies die Erfahrung mit nach Hause nehmen, daß der Abstieg vom Ätna per pedes eine durchaus staubige Angelegenheit sein kann.

Auch der Folgetag förderte eindeutig irdische Begebenheiten zutage. Denn nachdem sich in der Nacht zum 22. September ein Magen-Darm-Virus unter der Exkursionsgruppe verbreitete, das einen krankheitsbedingten Ausfall von über 40 Prozent der Teilnehmer zur Folge hatte, mußte das Programm kurzerhand geändert werden. So fielen der Erkrankung nicht nur einige Pfunde mancher Teilnehmer, sondern auch der Abstecher nach Pantalica mit seinen vorgeschichtlichen Grabkammern und nach Palazzolo Acreide, dem antiken Akrai, zum Opfer.Piazza Armerina, Mosaik der sog. Bikinimädchen

Wenngleich noch einige Teilnehmer in den folgenden Tagen leicht geschwächt waren, konnte am 23. September die Fahrt nach Piazza Armerina aufgenommen werden. Das rund 50 Kilometer von der Ostküste entfernte, im Landesinneren gelegene Städtchen ist insbesondere für die Villa Romana del Casale berühmt, die von Frank Müller vorgestellt wurde. Der Erbauer und Besitzer dieser Villa ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Viele wollen in ihm jedoch den Augustus Maximian, Mitkaiser des Diokletian in der ersten Tetrarchie, beziehungsweise Maximians Sohn Maxentius, der im Oktober 312 Konstantin dem Großen unterlegen war, sehen. Wichtigste Indizien für diese These beruhen neben einigen baulichen Eigenschaften wie der Basilika im Ostteil der Villa vor allem auf Deutungen der von afrikanischen Künstlern geschaffenen Mosaiken, von denen bis heute rund 6000 Quadratmeter freigelegt sind. Einige Forscher wollen so auf dem berühmten Mosaik der Großen Jagd - es schildert das Einfangen und Verladen von für den römischen Zirkusbetrieb bestimmten exotischen Tieren - die bildliche Darstellung der kaiserlichen Herrscher entdecken. Wenngleich auch Argumente für einen senatorischen Besitzer geltend gemacht werden können, bleibt die Villa ein Beleg für den immensen Reichtum der römischen Oberschicht und deren Präsenz auf der Mittelmeerinsel.

Nach der Mittagspause folgte wieder ein Sprung in die griechische Geschichte Siziliens. Mit Morgantina konnten die Teilnehmer jedoch die Ausgrabungen einer Stadt besichtigen, die sich von den bisherigen in ihrer Entwicklung stark unterschied. Als ursprünglich ausschließlich sikulische Siedlung wurde sie von der griechischen Bevölkerung nicht in kurzer Zeit -kolonisiert', sondern in einem ab circa 560 v.Chr. sukzessive voranschreitenden Prozeß von bereits an der Ostküste Siziliens ansässigen Griechen urbanisiert, das heißt mit dem Aussehen einer griechischen Stadt versehen. Die Stadtgeschichte, die von Sebastian Völkel referiert wurde, zeigt dabei eine Vermischung von sikulischer und griechischer Kultur, die in dieser Art nur selten auf der Insel anzutreffen ist. Neben den reichhaltigen Keramikfunden dient auch die Bestattungspraxis der Morgantiner, die von Ulrike Geiger vorgestellt wurde, als Beleg für diese Behauptung. Wenngleich wegen der Unwägbarkeiten des Geländes die Nekropolen leider nur aus der Entfernung erahnt werden konnten, wurden vor allem in den Grabkammern der zweiten Generation griechischer Einwanderer Merkmale identifiziert, die auf sikulische Ursprünge zurückgehen und die so an der Küste offenbar nicht vorkommen. Die wunderbare Lage Morgantinas im zerklüfteten und gebirgigen Inneren Siziliens, das besonders im Spätsommer und im Herbst mit seinen Ockertönen manchen Besucher und so auch die meisten Teilnehmer zu faszinieren vermag, ließ die kleinen, unvorhersehbaren Schwierigkeiten einer Exkursion auf unbekanntem Terrain schnell vergessen.

Am 24. September konnten nach längerer Anfahrt die ergrabenen Reste von Naxos besichtigt werden. Wolfgang Dietz führte durch die archäologische Zone der ersten griechischen Koloniegründung auf Sizilien, die zwischen 760 und 735 v.Chr. auf einer kleinen Halbinsel vor dem steil aufragenden Küstengebirge von Tauromenion, dem heutigen Taormina, angelegt wurde. An dieser Stelle befand sich bereits eine sizilische Siedlung, deren Einwohner von den ersten Kolonisten vertrieben wurden und sich auf das Küstengebirge zurückzogen. Dennoch gab es wohl einen regen Handelsverkehr mit der im Landesinneren wie beispielsweise in Morgantina siedelnden einheimischen Bevölkerung. In Naxos fanden sich eindrucksvolle Reste der alten Stadtbefestigung und des Tempelbereichs (temenos); darüber hinaus konnte ein guter Überblick über die Stadtanlage nach dem hippodamischen System gewonnen werden, das insbesondere durch sein rechtwinkliges Straßennetz charakterisiert wird.

Den Abschluß der ersten Woche und der Erkundungen im Ostteil der Insel bildete Taormina, das für sein heute in römischer Architektur gut erhaltenes Theater weit über die Inselgrenzen hinaus bekannt ist. Alexander Reck stellte die bauliche Entwicklung des Theaters vor, um danach auf die Bedeutung des Theaters für die antike Bevölkerung einzugehen. Insbesondere in der griechischen Zeit demonstrierte der Bau von Theatern und der Besuch von Aufführungen die Zugehörigkeit der sizilischen Bevölkerung zum griechischen Mutterland. Doch auch das -gemeinsame Erlebnis Theater', bei dem die Besucher gemeinsam die Schicksale der Theatergestalten durchlebten, konnte - wenn auch zeitlich beschränkt - eine identitätsstiftende Wirkung erzeugen. Nicht zuletzt wegen seinem durch die durchbrochene scaenae frons (Bühnenhaus) umrahmten Blick auf den dampfenden Ätna konnte schließlich gezeigt werden, welchen Stellenwert die Einbindung der Landschaft in die Architektur antiker Theater besaß.Syrakus, Castello Eurialo, Festungsmauer

Nachdem die Stuttgarter Studentinnen und Studenten in der ersten Woche die Ostküste der Insel erkundet hatten, stand für den 25. September der Bustransfer in den Südwesten Siziliens nach Selinunt an. Da hierfür ein ganzer Tag eingeplant war, konnten noch einige historische Stätten besichtigt werden. Kurz nach der Abfahrt endete die erste Etappe bereits bei dem auf einem Hochplateau oberhalb von Syrakus gelegenen Castello Eurialo. Die Festung mit ihren großen Steinquadern, die einst durch Mauern mit der Stadt verbunden war (Reste davon sind heute noch sichtbar), spielte bei der entscheidenden Schlacht der Sizilischen Expedition der Athener im Jahre 413 v.Chr. eine wichtige Rolle. Nachdem man sich von hier aus einen hervorragenden Überblick über die Topographie von Syrakus verschaffen konnte, ging die Reise weiter ins sizilische Binnenland.

Am frühen Nachmittag war Enna erreicht, eine auf einem 931 Meter hohen, isoliert stehenden Bergkegel liegende Stadt. Im äußersten Nordosten der Ansiedlung liegt die sogenannte Rocca di Cerere, der Ceres-Felsen, auf dem sich im Altertum das Heiligtum der Göttin Ceres befand, welches im Kult dieser Fruchtbarkeitsgöttin eine überaus bedeutsame Rolle spielte. Cicero berichtet von zwei überlebensgroßen Statuen der Göttin, die sich an diesem Ort befunden haben sollen. Kathrin Kuckenburg beleuchtete hier den Stellenwert des Ceres-Kultes für Sizilien. Von der Rocca di Cerere aus schweift der Blick weit ins Umland, auch auf den Lago di Pergusa (Paliken-See), an dem sich der legendäre Raub der Proserpina durch Pluto zugetragen haben soll. Die eminente Aufladung der sizilischen Landschaft mit mythologischen Begebenheiten konnte nur an wenigen Orten so gebündelt wie in Enna wahrgenommen werden. Nach einer Stadtbesichtigung setzte die Gruppe ihre Fahrt fort und erreichte am Abend Selinunt, das zweite Quartier der Exkursion.

Am 26. September stand die Besichtigung der Archäologischen Zone von Agrigent (Akragas) auf dem Programm. Die mächtigen Tempel der Concordia (5. Jahrhundert v.Chr.) und der Iuno erläuterte wiederum Kathrin Kuckenburg. Sie ordnete die griechische Tempelbaukunst in den Kontext des sizilischen Kultwesens ein. Vom Tempel des Olympischen Zeus, einem der größten antiken Tempel überhaupt, sind heute nur noch die Ruinen zu sehen: er fiel einem Erdbeben zum Opfer. Daneben erhielten die Exkursionsteilnehmer durch zahlreiche weitere Kultstätten einen breiten Einblick in die antike Religion. Ebenso lohnenswert war der Besuch des Archäologischen Museums von Agrigent, in dem eine große Zahl von Fundstücken aus dem "Tal der Tempel" ausgestellt war. Joachim Wagner sprach an dieser Stelle über die strategische Bedeutung von Agrigent in den Punischen Kriegen sowie über die Kriegstaktik der Punier. So wurde die Stadt 262/261 v.Chr. während des Ersten Punischen Krieges von den Römern belagert und schließlich erobert; die 25 000 Einwohner wurden als Sklaven verkauft.

Zwei landschaftlich reizvolle Ziele im Westen Siziliens, Segesta und Erice (Eryx), waren das Ziel der Exkursionsgruppe am folgenden Tag (27. September). Diese Region war im Altertum von den Elymern besiedelt, einem vorgriechischen Volk, das bei Thukydides (6,2,3) erwähnt wird und dessen Existenz - obgleich bislang nur wenige archäologische Zeugnisse dieser Kultur vorhanden sind - in der Forschung kaum mehr ernsthaft angezweifelt wird. Als eindrucksvollster Zeuge der Anlehnung Segestas an die griechische Zivilisation thront mächtig der einsam in der hügeligen Landschaft liegende, dorische Tempel am Ende eines Tales. Der Bau, im 5. Jahrhundert v.Chr. begonnen, wurde offensichtlich nie fertiggestellt. Wahrscheinlich blieb er wegen des Krieges zwischen Segesta und Selinunt (416 v.Chr.), vielleicht aber auch wegen des Scheiterns der Sizilischen Expedition Athens, mit dem Segesta verbündet war, unvollendet - und doch gibt er dem heutigen Betrachter ein eindrucksvolles Zeugnis klassischer griechischer Tempelarchitektur. Ferner befinden sich in Segesta ein hellenistisches Theater, von dessen Sitzrängen aus man ein weitläufiges Landschaftspanorama vor Augen hat, sowie weitere Gebäudereste der antiken Stadt.

Auch in Erice zeigte sich, daß exponiert gelegene Orte in Sizilien gern als Standort für Heiligtümer gewählt wurden. Die 751 Meter hoch gelegene Stadt war seit prähistorischer Zeit besiedelt; bereits die Phoiniker hatten hier ein Heiligtum der Göttin Erykína errichtet, die die Griechen später mit Aphrodite gleichsetzten. Wie Jochen Mayer berichtete, setzte sich dieser Kult bis in die römische Kaiserzeit fort, als man hier die Venus Erycina verehrte und Erice eine Art -Wallfahrtsort' für aus Italien stammende Sizilienreisende darstellte.Segesta, Innensicht des Tempels

Palermo - Siziliens berühmt-berüchtigte Hauptstadt (725 000 Einwohner) stand am 28. September auf dem Reiseplan. Da das dicht gedrängte Exkursionsprogramm nur einen Tag für diese faszinierende Stadt übrigließ, mußte sich die Gruppe auf den Besuch des Archäologischen Museums, des Doms, der Chiesa Martorana und der Cappella Palatina im Palazzo dei Normanni beschränken. Das Archäologische Museum, das sich in einem ehemaligen Kloster befindet, beherbergt eine unendlich anmutende Zahl antiker Fundstücke von sehr hoher Qualität. Es zählt zu den wichtigsten archäologischen Museen Italiens. Dorit Sedelmeier erläuterte hier die Darstellungen der Metopen der Tempel E und C aus Selinunt, die selbst noch in natura besichtigt werden sollten. Hier konnte man deutlich die Entwicklung der griechischen Plastik in der archaischen und der klassischen Zeit erkennen. Besonders deutlich wurde die ikonographische Umsetzung mythologischer Stoffe, beispielsweise Perseus, der Medusa enthauptet, oder Herakles im Kampf mit einer Amazone. Darüber hinaus beherbergt das Museum die wohl älteste Darstellung der Entführung der Europa aus dem 6. Jahrhundert v.Chr.

Bis zur Chiesa Martorana war es nur ein kurzer Fußmarsch durch Palermo, doch zugleich überwand die Gruppe eine Zeitspanne von rund 1600 Jahren. Diana Beck, deren Thema die normannische und staufische Herrschaft in Sizilien war, stellte uns dieses Kleinod der Kirchenbaukunst (erbaut 1143) vor. Im Innenraum der Kirche befinden sich Mosaiken aus byzantinischer Zeit, von denen eines die Krönung Rogers II. (um 1113 bis 1154) durch Jesus zeigt. Der Chiesa Martorana gegenüber liegt eine weitere Kirche aus normannischer Zeit, S. Cataldo. Dieses Gebäude mit seiner faszinierenden Innenarchitektur, das normalerweise geschlossen ist, konnte glücklicherweise noch kurz besichtigt werden, bevor sich die Türen wieder schlossen.

Die Cattedrale, der Dom von Palermo, hat nur im Chorraum sein Gepräge aus normannischer Zeit (1184) bewahrt. Die Außenfassade mit dem Hauptportal weist katalanische Einflüsse auf, und die Kuppel und der Innenraum stammen aus dem späten 18. Jahrhundert. Der Dom ist unter anderem die Grablege Heinrichs VI. und Friedrichs II., deren Porphyrsarkophage sich im rechten Seitenschiff befinden. Nach der Besichtigung des Doms sprach Diana Beck abschließend in der Cappella Palatina im Normannenpalast über Einflüsse und Nachwirkungen normannischer und staufischer Herrschaft auf Sizilien.Palermo, Cattedrale (Dom)

Wenngleich Marsala (Lilybaion) an der westlichen Spitze Siziliens hauptsächlich für den gleichnamigen Likörwein bekannt ist, hat die Stadt auch nicht zu vernachlässigende Altertümer, deren Besuch überaus lohnenswert ist. Im Museo Archeologico "Baglio Anselmi" ist ein punisches Schiffswrack ausgestellt, das 1969 im Flachmeer vor Marsala gehoben und teilweise restauriert wurde. Joachim Wagner erläuterte hier am vorletzten Exkursionstag (29. September) der Gruppe die maritime Schlachtentaktik der Punier. Anhand zahlreicher Amphoren, die im Meer gefunden und geborgen worden waren, legte Eva Nesselmann in einigen Sätzen die Bedeutung Siziliens im antiken Seehandel dar.

Am Nachmittag wurde per Boot auf die nordwestlich vor Marsala gelegene Insel Mozia (Motye) übergesetzt, auf der sich viele punische Siedlungsreste erhalten haben. Hier entspannen sich angesichts der Exponate im Museum Whitaker und der zahlreichen Gebäudereste vielfältige Diskussionen über die kulturellen Einflüsse der Punier auf Sizilien. Besonders die Funktionen des sogenannten Kothon, eines künstlich angelegten Hafenbeckens, und des Tofet, eines Heiligtums von nicht ganz geklärter Bedeutung, wurden kontrovers erörtert. Die Westküste Siziliens in Sichtweite, aber doch von der Insel getrennt, war hier ein idealer Ort für das Referat von Petra Enderle, die über "Sizilien zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung" sprach.

Nach den teilweise recht langen Fahrten quer durch Sizilien war den Exkursionsteilnehmern am letzten Tag (30. September) nur ein kurzer Fußmarsch zur Archäologischen Zone von Selinunt beschieden. Durch die Archäologen Andreas Thomsen, Dag Thiele, Simone Vogt, Nicola Hösch und Christiane Dehl-von Kaenel - denen an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt sei - blieben die aktuellen Ausgrabungen, die das Deutsche Archäologische Institut (DAI),Abteilung Rom, hier durchführt, kein Buch mit sieben Siegeln. Hier waren für das Oberthema "Identität und Landschaft" neueste Forschungsergebnisse zu gewinnen, die umgehend die Diskussionen beeinflußten. Natürlich durften auch die mächtigen griechischen Tempel auf der Akropolis und der östlichen Tempelzone, deren Metopen Dorit Sedelmeier bereits im Museum in Palermo erläutert hatte, nicht bei der Besichtigung fehlen. Abschließend referierten noch Sebastian Ludwig und Markus Sutmöller, der ausführlich die Identität der Oberschicht der römischen Provinz Sizilien in spätrepublikanischer Zeit darlegte.

Nachdem am 1. Oktober der Rückflug von Palermo nach Stuttgart anstand, hatten die wissenschaftlichen Kontroversen, die im Vorbereitungsseminar und während der Exkursion entstanden, noch einen breiteren Nährboden als zuvor geunden. Mindestens drei Magisterarbeiten sind aus Referatsthemen der Exkursion heraus entstanden, ein Zeichen, daß bezüglich des Themas "Identität und Landschaft in Sizilien" noch Forschungsdesiderate bestehen.

An dieser Stelle gilt es auch einen Dank auszusprechen an die Sponsoren, die die Exkursion mit finanziellen Mitteln unterstützten. Es sind dies der Verein der Freunde des Historischen Instituts, der Verein der Freunde der Universität Stuttgart, die Stiftung "Humanismus Heute", der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sowie die Neckarwerke Stuttgart und die Gasversorgung Süd. Ein besonderer Dank gilt Herrn Rolf Munderich, der über seine Agentur ARGO-Reisen die Organisatoren Ulrike Geiger, Jochen Mayer und Frank Müller bei der logistischen Reisplanung beriet. Schließlich sei noch Christian Winkle gedankt, der ebenfalls bei der Vorbereitung der Exkursion mitgewirkt hatte.

Jochen W. Mayer, Frank J. Müller