Exkursion Rom 1999 - Macht und Bau



Venus-Statue in den Vatikanischen Museen Die Exkursion der Abteilung Alte Geschichte führte im Jahr 1999 nach Rom, wo sich - im einstigen Zentrum des Imperium Romanum - das gewählte Thema "Macht und Bau" besonders gut demonstrieren ließ. Die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich davor zu einem dreitägigen Vorbereitungsseminar (20.-22. Juli) getroffen, um die übergreifenden Aspekte ihrer Themen darzustellen. Peter Guyot, der als Berufstätiger in Hildesheim nicht am Blockseminar teilnehmen konnte, hielt am Abend des Anreisetages (Montag, 26. Juli) sein Referat über die frühchristlichen Basiliken in Rom, welches auf die Tour am nächsten Tag vorbereitete.

Am Dienstag (27. Juli) führte Peter Guyot dann durch die Kirchen S. Maria Maggiore, S. Pudenziana, S. Giovanni in Laterano samt angrenzendem Baptisterium, S. Clemente, S. Stefano Rotondo, S. Paolo fuori le Mura und S. Agnese fuori le Mura (denen an anderen Tagen noch der Petersdom und eine Basilika in Ostia folgten), wodurch wir einen ersten Eindruck von der Kirchenstadt Rom bekamen. Vor allem aber bekamen wir einen Begriff davon, was in stadtrömischen Kirchen aus frühchristlicher Zeit noch zu sehen ist, wie diese Kirchen zu unterteilen (Titelkirchen, Märtyrerkirchen) und von -heidnischen' Tempeln zu unterscheiden sind sowie daran die steigende Macht der Kirche abzulesen ist.

Sebastian Ludwig hatte sich mit der vergleichsweise bescheidenen Bautätigkeit der Adoptivkaiser Antoninus Pius und Marc Aurel beschäftigt. Das Mausoleum für Hadrian, besser bekannt als "Engelsburg" (nach einer Vision Gregors des Großen 590), das er uns am Mittwoch (28. Juli) vorstellte, ist aber doch ein ganz beeindruckendes Bauwerk, das auch auf den antiken Menschen so gewirkt haben mag. Die dahinterstehende Absicht Hadrians, unter der das Gebäude 135 begonnen wurde, war - trotz Adoptionsverfahren und unter Bezugnahme auf Augustus - die Stiftung einer neuen Dynastie. Der Versuch von Antoninus, sich in die iulisch-claudische Tradition zu stellen, wird daneben auch am Faustina-Tempel am Forum Romanum deutlich, der am Montag (2. August) vorgestellt wurde. Am Hadriansmausoleum wurde erstmals auch der Umgang der Römer mit Gräbern diskutiert (Öffnung für die Allgemeinheit an vielen Totenfeiertagen), wozu die eigens zum Grab hin gebaute Brücke Anlaß gab. Einen baulichen Bezug zu Marc Aurel gibt es nur bei der Marcussäule. Bei der letzten von ursprünglich drei Säulen (Traians-, Antoninus-, Marcussäule) läßt sich im Vergleich feststellen, daß hier roher gearbeitet wurde. Das sehr martialische Bildprogramm sagt allerdings mehr über ihren Erbauer Commodus aus, der sich damit gegenüber dem Militär profilieren wollte. Inschriftenfeld des Konstantinsbogens

Holger Dietrich führte uns am Nachmittag mit dem Konstantinsbogen in das 4. Jahrhundert, als Rom an Bedeutung gegenüber der neuen Hauptstadt Konstantinopel verlor. Die Bauten Konstantins sind somit meist Fertigstellungen von Bauten seines im Bürgerkrieg besiegten Vorgängers Maxentius, der in einigen Bauprojekten stark auf alte römische Traditionen setzte. Als beeindruckendstes Beispiel für diese Art von Bauten stellte Holger Dietrich später (2. August) die Basilica nova vor, den letzten und größten Mehrzweckbau dieser Art, in dem Gerichte und die Börse untergebracht waren. Dieser besticht durch technische Meisterleistungen (Kreuzgewölbe). Der Konstantinsbogen ist dagegen ein eigener Bau Konstantins, in dem er mit sparsamen Mitteln (Verwendung traianischer Reliefs) versucht, den Bürgerkrieg in ein bellum iustum umzudeuten.

Frank Stini gab anschließend an der Domus Aurea des Nero einen Überblick über die Baupolitik der iulisch-claudischen Zeit und charakterisierte die einzelnen Kaiser prägnant (zum Beispiel Tiberius als Minimalbauherren oder Caligula als engagierten Kurzbauherren). Vor diesem Hintergrund relativiert sich die Baupolitik Neros allgemein zu einer gar nicht so abseitigen Nutzung seiner Handlungsspielräume, wie sie die traditionell nerofeindliche Überlieferung gerne unterstellt. Die Domus Aurea allerdings ist der Punkt, an dem Nero die Gratwanderung zwischen liberalitas und modestia nicht mehr glückte. Nach dem Brande Roms zu versuchen, gegen den mos maiorum in Rom dem otium zu frönen und dafür ein riesiges Gelände in Anspruch zu nehmen, in dem um das Zentralgebäude der Villa die Landschaft arrangiert wurde, war des Guten zu viel. Im anschließend besichtigte Zentralgebäude, der eigentlichen Domus Aurea (die übrigens nie fertiggestellt wurde), versuchte Nero, die beiden in Campanien und dem Suburbium vorkommenden Villenformen zu verbinden. Für die Seite der villa maritima (vs. villa rustica) wurde dazu ein See angelegt.

An Stelle dieses Sees baute Titus später das Amphitheatrum Flavium, besser bekannt als Colosseum (wohl nach der daneben stehenden Kolossalstatue Neros benannt). Hier referierte zum Tagesabschluß Eva Nesselmann (siehe unten).Die Kuppel des Petersdoms

Am Donnerstag (29. Juli) war der Vormittag dem Petersdom und den Vatikanischen Museen gewidmet. Den Nachmittag bestritt Vera Sauer. Sie hatte mit den Grabbauten von der Republik bis in die Kaiserzeit ein umfangreiches Thema gewählt. Ihr Hauptreferat, in dem sie versuchte, einige gliedernde Schneisen in die Materie zu schlagen, hielt sie an der Kirche S. Sebastiano ad Catacumbas an der Via Appia, wo im Anschluß die Katakomben besichtigt wurden. Die römische Bestattungsweise läßt sich demnach in sechs Phasen einteilen: Vor dem 2. Jh. v.Chr. gibt es nur unscheinbare Gräber (I). Im 2. Jh. v. Chr. kommen dann erste -extrovertierte Ausreißer' auf (II), bevor im 1. Jh.v. Chr. die Blütezeit der Selbstdarstellung in Grabbauten beginnt (III). In diese Phase gehört etwa das danach besichtigte Grabmal der Caecilia Metella und weitere Grabbauten entlang der Via Appia. Im 1. nachchristlichen Jahrhundert egalisiert sich die Grabgestaltung langsam (IV), bevor im 2. und 3. Jh. ein "Rückzug ins Innere" einsetzt und die Gräber nach außen wieder unscheinbarer werden (V). Vom 3. bis ins 6. Jh. schließlich sind repräsentative Grabbauten nur noch das Privileg einer kleinen Elite (VI).

In den Übergang dieser beiden letzten Phasen ist das ebenfalls an der Via Appia gelegene Grab des Romulus, Sohn des Kaisers Maxentius, einzuordnen. Diese Gliederung sagt allerdings noch wenig über die Bestattungsformen aus, bei denen eher das Nebeneinander charakteristisch ist. So findet sich die Körperbestattung in Katakomben (wie hier oder am 27. Juli bei S. Agnese fuori le Mura besichtigt) parallel zu oberirdischen Körper- und Urnenbestattungen (wie am 5. August auf der Isola Sacra bei Ostia gesehen) im 2./3. Jh. Die Betrachtung der Gräber insgesamt ermöglicht es aber doch, eine bessere Bewertung der Exklusivität einiger besonderer Gräber vorzunehmen, wie es etwa die Mausoleen der Kaiser Augustus und Hadrian, das Grabmal der Scipionen, die Pyramide des Cestius oder die Bestattung Traians sind.

Am Freitag (30. Juli) entspann sich bei den Caracalla-Thermen nach dem Referat von Wolfgang Dietz eine ausgedehnte Diskussion. Wolfgang Dietz hatte sich mit den großen Kaiserthermen generell befaßt und sein Hauptreferat in diejenige gelegt, die am besten erhalten ist und gleichzeitig deutlich größer war als zuvor errichtete Thermen. Angesichts der Bedeutung von Thermen im römischen Alltags- und Geschäftsleben und den arbeitsbeschaffenden Effekten solcher Großbauten erscheint es zunächst naheliegend, daß Thermen von Herrschern gerne zur Steigerung ihrer Popularität benutzt wurden. In Anbetracht der Tatsache, daß Agrippa die ersten größeren Thermen gebaut hatte, seither unter anderem durch Nero, Titus und Traian weitere errichtet worden waren und nach den Caracalla-Thermen noch zusätzliche große Thermen entstanden (u. a. die Diokletiansthermen), stellte sich dann doch die Frage, inwiefern es dafür einen Bedarf gab. Darüber und über die Abhängigkeiten, die durch die Weckung eines solchen Bedarfs für Besucher oder Betreiber entstehen, wurde lange diskutiert. Über die Nutzung des Bades (im Gegensatz zu griechischen Bädern gab es kein strenges Reglement) konnte dagegen schneller Einigkeit erzielt werden.

Daß es beim Bau der Aurelianischen Mauer nicht überall professionell zuging, zeigt die fortifikatorisch mangelhafte Einbindung der Cestius-Pyramide. Dieses Grabmal des Cestius aus dem Jahre 12 n. Chr. ist der deutlichste Beleg für die zu dieser Zeit aufkommende "ägyptische Mode", die Ulrike Geiger untersucht hatte. Da Ägypten als Getreidelieferant Roms ein wichtiger Machtfaktor war, galt die Auseinandersetzung mit dessen hellenistischer Kultur lange Zeit als Tabu. Dies lockerte sich mit dem Machtverfall Ägyptens und dessen Einbeziehung in das Imperium und ermöglichte es der römischen Oberschicht, die im Principat ebenfalls an Macht verloren hatte, sich hier - in der Phase des sich egalisierenden Repräsentations-Grabbaues - in der Konkurrenz um die Adaption einer Mode eine Art Ersatzbetätigungsfeld zu schaffen.Theater von Tusculum, Blick auf die cavea

Der Samstag (31. Juli) enthielt als Programm die Fahrt nach Frascati, den Aufstieg nach Tusculum und, nach einer Führung, das dortige Referat von Jochen Mayer, der Tusculum als ein Beispiel für die Villenstädte im Suburbium Roms ausgewählt hatte. Während in der Führung deutlich wurde, daß die Stadt Tusculum, in der Funde bis ins 10. Jh. v. Chr. zurückreichen, auch in anderen Zeiten eine gewisse Bedeutung hatte, konzentrierte sich Jochen Mayer auf die Zeit zwischen dem 1. Jh. v. Chr. und dem 2. Jh. n. Chr., in der die Stadt zum Suburbium Roms wurde. Im Gegensatz zu Rom selbst wurde es hier sozial anerkannt - wenn nicht gar erwartet -, dem otium zu frönen und eine griechisch-hellenistisch geprägte Geisteshaltung zum Ausdruck zu bringen. Dies schlägt sich auch in den Bauten nieder, am deutlichsten im nach griechischer Manier errichteten Theater und der (schwer genau zu rekonstruierenden) Ausstattung des angrenzenden Forumkomplexes mit Statuen etc. Es ist zu vermuten, daß die römischen Villenbesitzer in den Städten des Suburbiums sich in eine -politische Topographie' einordnen lassen und politische Gegner wie etwa Clodius und Cicero es hier vermieden, nebeneinander zu wohnen, wie sie das in Rom taten. Diese Topographie zu rekonstruieren, ist aber äußerst schwer, da sich nicht einmal die Villen Ciceros eindeutig identifizieren lassen.

Corina Rauscher hatte im Vorbereitungsseminar mit dem Thema "Zwischen Tradition und Innovation" eine prägnante Charakterisierung des augusteischen Principats im allgemeinen und dessen Baupolitik im besonderen geliefert. Am Sonntag (1. August) konnte sie am Mausoleum des Augustus und der Ara Pacis zeigen, wie sich dieses an den Bauten niederschlägt. Mit dem Bau eines Mausoleums setzte Oktavian einen deutlichen Kontrapunkt im Kampf gegen Antonius: Während dieser sich in Alexandria bei Kleopatra aufhielt, machte Augustus mit dem Mausoleum deutlich, daß er auf Rom setze. Daß dies auch ein dynastiebildendes Zeichen war, mochte anfangs die geringere Gefahr, später ein durchaus willkommener Effekt gewesen sein. In der Ara Pacis finden sich dann die Konsolidierung des augusteischen Principats und die Art und Weise, wie ihn Augustus gesehen haben wollte, dokumentiert. Der Frieden wird dort als dessen grundsätzliche Idee herausgestellt. Inwieweit man in diesem Zusammenhang von einem -Programm' sprechen sollte, war der Gegenstand heftiger Diskussionen, die diese These im Ergebnis eher ablehnten.

Eckart Olshausen referierte zum Abschluß des Tages an der Cloaca Maxima. Im Vorbereitungsseminar hatte er einen sehr weiten Begriff von Infrastruktur für sinnvoll erachtet, vor Ort aber beschränkte er sich auf zwei Bereiche, die im engsten Sinne eine Infra-Struktur darstellen: die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung. Vor allem letztere ist - aufgrund ihrer Funktion als Drainage zur Entwässerung sumpfiger Gebiete - geradezu die Basis für andere Infrastrukturen, ja für den Aufstieg der Stadt Rom schlechthin. Die Cloaca Maxima wurde als erste von mehreren Cloacae wohl schon unter den Tarquiniern gebaut, danach immer wieder um- und ausgebaut und so bis in die Neuzeit genutzt. Ihre Instandhaltung war eine wichtige und auch prestigeträchtige Aufgabe im Zuständigkeitsbereich der Aedilen. Die Wasserversorgung, zu der Eckart Olshausen am 3. August an der Porta Maggiore referierte, machte ab dem 4. Jh. v. Chr. immer wieder neue Infrastrukturbauten notwendig. Diese Wasserleitungen verlaufen im übrigen entgegen der geläufigen Meinung vorwiegend unterirdisch. Eine oberirdische Führung von Wasserleitungen durch die Stadt wie an der Porta Maggiore hat daher meist etwas mit der Macht zu tun, die im Geiste des Beschauers positive Effekte im Sinne des Erbauers auszulösen suchte. (Der sogenannte "Tempel der Minerva Medica" in der Nähe dieses Platzes hat übrigens nichts mit der Wasserversorgung zu tun, wie in manchen Darstellungen zu lesen ist.)Das Amphitheatrum Flavium (Colosseum)

Die Unterhaltung des Volkes durch Theater, Amphitheater und Zirkus war das Thema von Eva Nesselmann, die am Montag (2. August) am Circus Maximus referierte. Seit es die Verhältnisse erlaubten, das heißt nachdem die Cloaca Maxima die feuchten Wiesen entwässerte, wurden hier (bis ins 8. Jh.) Wagenrennen veranstaltet. Nachdem diese sehr populär waren, wurde aus dem anfangs eher einfach gestalteten Circus mit Holztribünen in mehreren Schritten ein prachtvoller Großbau in Stein, der das Colosseum noch übertraf (wovon heute allerdings nicht mehr viel zu sehen ist). Wie die Gladiatorenspiele in den Amphitheatern, die eine ähnliche Entwicklung durchmachten (anhaltende Popularität, bauliche Steigerung der Arenen), waren die Veranstaltungen im Circus ein gesellschaftliches Ereignis, dem sich ein Herrscher tunlichst nicht entziehen sollte. Desinteresse an den Darbietungen oder räumliche Distanz wurde Caesar wie Domitian negativ angerechnet. Die versammelten Massen machten Veranstaltungen im Zirkus, Theater oder Amphitheater zu einem Stimmungsbarometer. Daß es aber hier eine Art politischer Topographie gab, zeigte sich im Referat von Christian Winkle am Pompeius-Theater (1. August), wo einst Augustus von den Anhängern des Pompeius ausgebuht wurde.Der Tempel der Faustina auf dem Forum Romanum

Nicole Bauer leitete dann eine Reihe von Referaten rund um das Forum Romanum ein, über die zum Teil schon berichtet wurde. Besichtigt wurden der Titusbogen, der Venus- und Roma-Tempel, die Basilica nova, der Faustina-Tempel, der Septimius-Severusbogen und der Palast Domitians auf dem Palatin. Bei den beiden Triumphbögen ist es beim Titusbogen sicher, beim Severusbogen strittig, aber wahrscheinlich, daß sie auf dem üblichen Weg des Triumphzuges lagen und so alle künftigen Sieger an die Leistungen des jeweiligen Herrschers erinnerten. Im Falle des von Nicole Bauer vorgestellten Titusbogens ist es zunächst rätselhaft, warum einem Kaiser mit so kurzer Regierungszeit (79-81) so viele Monumente gewidmet wurden (neben diesem ein weiterer Bogen und ein Tempel) und noch dazu auf diese Art. Wahrscheinlich wird man die Gründe im schwierigen Verhältnis Domitians zum Senat und zur Clientel des Titus suchen müssen. Beim Septimius-Severus-Bogen, über den Regine Schnürch referierte, sind Erbauer und Namensgeber identisch und somit auch die Gründe für dessen Errichtung im Legitimationsbedürfnis des Septimius Severus (nach dem Bürgerkrieg) zu sehen.

Auf dem Hügel des Palatin baute sich Domitian einen festungsartigen Palast (das Wort "Palast" kommt wohl daher), den nochmals Nicole Bauer kommentierte. Die Anlage vermied große Gartenanlagen, wie sie Nero vorgeworfen wurden, stellte aber durch die Ortswahl ("heiliger Berg", der sonst von Senatoren bewohnt wird) dennoch eine Provokation bestimmter Kreise dar, denen Domitian dadurch seine Stärke demonstrierte. Das hierin zum Ausdruck kommende Sicherheitsbedürfnis zeigt sich wohl auch in der Gestaltung des Palastes zum Circus Maximus hin, über deren konkrete Möglichkeiten zur Betrachtung der Spiele länger diskutiert wurde.

Am Dienstag (3. August) standen nach einer Besichtigung der Diokletiansthermen und der Porta Maggiore am Morgen die Forumserweiterungen von Caesar, Augustus und Traian auf dem Programm.

Christian Winkle, der das umfangreiche Thema der republikanischen Zeit (4.-1. Jh. v. Chr.) bearbeitet hatte, stellte das Forum Iulium vor. Diese erste große Baumaßnahme zur Umgestaltung des Forum Romanum stellte eine Reaktion Caesars auf das pompöse Theater des Pompeius dar, das seinerseits die erste größere Maßnahme zur Umgestaltung der Stadt überhaupt war. Der gewaltige Eingriff in das Forum Romanum, den der Bau des Forum Iulium darstellte, galt in der Anfangszeit seiner Planung noch gar nicht als anstößig. In den Briefen Ciceros läßt sich aber mit der Zeit ein Wandel der Einstellung demgegenüber feststellen, was aber mehr mit dem Verhalten Caesars gegenüber den Senatoren als mit dem Bau selbst zu tun hat.Die Traianssäule

Kathrin Kuckenburg, die über den heidnischen Sakralbau sprach, berichtete anschließend über das Augustusforum. In der Ausgestaltung dieser Anlage mit einem Mars-Ultor-Tempel im Mittelpunkte stellte sich Augustus selbst als Höhepunkt sowohl der Reihe -großer Römer' seit Romulus als auch seines, bis auf Aeneas zurückkonstruierten iulisch-claudischen Geschlechts dar. Ihre weiteren Referate standen im engen Zusammenhang mit denen Frank Müllers, der die Stadtgestaltung durch Traian und Hadrian behandelte. Traian, der sich allgemein durch umfangreiche Baumaßnahmen in Rom und im Reich hervortat (unter anderem diverse Thermen, Hafen bei Ostia), setzte mit dem Traiansforum einen monumentalen Schlußpunkt unter die Entwicklung der Kaiserforen. Durch die Verlegung wichtiger administrativer Funktionen in die Forumsbasilika (zu der immer noch die Thesen von Paul Zanker diskutiert werden, sie sei an eine Lagerbasilika angelehnt, was Frank Müller mit Vorsicht betrachtete) sicherte Traian eine stetige Frequenz von Besuchern. Diese waren die potentiellen Adressaten des besonders auf der Traianssäule als -i-Tüpfelchen' der Anlage vermittelten Bildes von Traian als Beschützer der Provinzen, Führer eines technisch überlegenen Heeres und optimus princeps. Wie genau dazu die Darstellungen auf der Säule wahrgenommen wurden oder dies werden mußten, wurde kontrovers diskutiert. Gleiches galt für die Frage nach der Bestattung Traians in der Basis der Säule. Denn sollte diese schon zu Lebzeiten Traians beabsichtigt gewesen sein, so wäre das ein nicht zu verachtender Verstoß gegen die übliche Sitte der Bestattung außerhalb des Pomeriums gewesen. Der ideologische Anspruch des Adoptivkasiertums und die gefestigte Stellung Traians hätte dann ihr zu Stein gewordenes Abbild gefunden.

Die Maßnahmen Hadrians werden vor diesem Hintergrund verständlicher. Er versuchte mit dem Pantheon, das Kathrin Kuckenburg und Frank Müller vorstellten, und dem Venus- und Roma-Tempel an die iulisch-claudische Zeit anzuknüpfen, die als Zeit der vorbildlichen Achtung des mos maiorum in Erinnerung war. Konkret geschah dies dadurch, daß Hadrian das Pantheon, einen Tempel Agrippas für alle Götter, in ein Heroon umwandelte und sich wohl in eine Reihe mit Caesar und Augustus zu stellen suchte. Im gewagten Kuppelbau des Pantheon, dessen Interpretation strittig ist und in dessen Tragsystem der Kuppel die Gotik vorweggenommen wurde, zeigt sich auch die Vorliebe Hadrians für Architektur und technische Höchstleistungen, die beim anderen Beispiel, dem Tempel für Venus und Roma, dazu führte, daß der das Projekt Hadrians kritisierende Architekt Apollodoros getötet wurde. In diesem Tempel, der im Gegensatz zum nach innen wirkenden Pantheon auf klassische Weise nach außen wirkt, sollte mit Venus die Bindung an das iulisch-claudische Haus, mit Roma (eigentlich eine in den Provinzen verehrte Göttin) die Bindung an die Stadt Rom demonstriert werden.

Daß letztere Demonstration deutlich notwendig war und die Versuche Hadrians, sich durch die Anknüpfung an bessere Zeiten beliebt zu machen, letztlich scheiterten, zeigte sich am Mittwoch (4. August) in Tivoli, dem antiken Tibur. Alexandra Ruhsam führte dort durch die umfangreiche Anlage der Hadriansvilla. Von dieser aus regierte Hadrian, wenn er nicht gerade auf Reisen war, und dokumentierte damit, daß es ihm nicht gelungen war, ein gutes Verhältnis zum Senat herzustellen. Daß er dauernd auf Reisen war, spiegelt sich ebenfalls in jenem Villenkomplex wieder. Hadrian ließ sich dort eine Vielzahl von Bauten errichten, die - mit deutlichem Schwerpunkt auf dem griechischen Osten - an Provinzen erinnerten, die er bereist oder zu denen er sonstige enge Beziehungen hatte: so gibt es ein griechisches Theater, eine Akademie, eine Stoà poikile, einen dem ägyptischen Kanopos nachempfundenen Kanal und zudem einen an den Palatin errinnernden Palast mit Stadion und eine Inselvilla (Teatro marittimo).Fußbodenmosaik in Ostia

Am Donnerstag (5. August) stand zum Abschluß der Exkursion eine Fahrt nach Ostia auf dem Programm, wo ein Mithräum, einige Miets- und Gilden-Häuser sowie Gräber an der Isola Sacra besichtigt wurden. Kathrin Kuckenburg konnte anhand eines Mosaiks in einem Mithräum einen guten Einblick in den Mithras-Kult geben, nachdem sie uns am ersten Tag (27. Juli) in einem Kurzreferat bereits ein anderes Mithräum vorgestellt hatte. Beim Mithras-Kult, der wie so viele nicht schriftlich ist, sind aus außenstehenden, vor allem christlichen Quellen Nachrichten auf uns gekommen. Wie an dem Mosaik nachzuvollziehen war, gab es innerhalb dieses Kultes eine Hierarchie mit sieben verschiedenen Weihegraden.

Joachim Wagner hatte noch am Dienstag (3. August) kurz auf einige Wohnhäuser am Traiansforum aufmerksam gemacht und stellte nun einige Mietshäuser in Ostia vor, durch die ein gewisser Kontrast zu den Bauten der Eliten hergestellt werden sollte. Da es - in Anbetracht der umfangreichen Maßnahmen in anderen Bereichen (Lebensmittelversorgung) erstaunlich - in Rom keinen öffentlichen Wohnungsbau gab, war die einfache Bevölkerung vollständig der Macht der Besitzer von Mietshäusern ausgesetzt, die ihrerseits einen zum Teil erheblichen Anteil ihrer Einkünfte aus den insulae bezogen. In den drei besichtigten Häusern, die von der untersten Form des Wohnungsbaus in Stein (Casa del Temistocle) bis zu bescheidenem Wohlstand mit Wandmalereien im ersten pompeianischen Stil (Casa di Diana) reichten, bekam man einen guten Einblick in -normale' Wohnverhältnisse.

Leif Scheuermann beschäftigte sich mit den Häusern einiger collegia und corpora, die er unter dem Begriff "Gilden" zusammenfaßte. Diese freien Zusammenschlüsse von Personen zu verschiedenen Zwecke sind unter dem Blickwinkel von "Macht und Bau" vor allem in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen partizipierten sie an der lokalen Macht und wurden hin und wieder, wenn sie den Kaisern politisch zu mächtig zu werden schienen, auch verboten. Zum anderen konkurrierten sie wohl untereinander - was besonders für die fünf Tiberschiffergilden gilt - und hatten somit ein Interesse daran, sich durch bauliche Maßnahmen einen Platz im öffentlichen Bewußtsein zu verschaffen. Gildenhäuser sind folglich als Ausdruck erreichter Positionen wie als Mittel zur Erreichung größeren Einflusses zugleich zu betrachten. Funktional bestehen sie in erster Linie aus Speiseräumen mit angeschlossener Latrine sowie einem hauseigenen Heiligtum.

Da über das Referat Vera Sauers auf der Isola Sacra oben schon berichtet wurde, endet hiermit der Teil des Berichtes, der sich auf das in diesem Jahr erstmals ausführlich angefertigte Protokoll stützen konnte. Am Abend dieses Tages erfolgten beim gemeinsamen Essen verschiedene Danksagungen, die es auch an dieser Stelle auszusprechen gilt. Zu danken ist in erster Linie dem Organisationskomitee aus Corina Rauscher, Jochen Mayer und Christian Winkle, das diese Exkursion gut vorbereitet und akut auftretende Probleme souverän bewältigt hat. Zu danken ist Eckart Olshausen, dem wir es verdanken, daß es überhaupt seit vielen Jahren eine solche Exkursion auf höchstem Niveau gibt. Und schließlich ist der Stiftung "Humanismus Heute" sowie dem Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart zu danken, die diese Exkursion auch in diesem Jahr finanziell unterstützt haben. Sie können sich dabei sicher sein, einen sinnvollen Beitrag geleistet zu haben. Denn - ohne etwas Schlechtes über den universitären Alltag sagen zu wollen - eine derart intensive und lange Auseinandersetzung mit fachlichen Fragen, oft auch über die Grenzen der eigenen Disziplin hinweg, ist im normalen Universitätsbetrieb nur selten möglich.

Michael Hascher