Campanien 1998 – Zwischen Reichtum und Katastrophe

 

 

 

Exkursion Campanien 1998 - Zwischen Reichtum und Katastrophe



Die Exkursion der Abteilung Alte Geschichte des Historischen Instituts der Universität Stuttgart führte vom 27. Juli bis 7. August 1998 nach Campanien. Ausgangspunkt der Fahrten durch Süditalien war das auf der Sorrentinischen Halbinsel gelegene Vico Equense. Das Oberthema lautete -Campanien - eine Landschaft zwischen Reichtum und Katastrophe-. Wie üblich wurde die Exkursion durch drei ganztägige Blockseminare in Stuttgart vorbereitet. 

Am Tag nach der Anreise ging es mit dem Bus zunächst auf den Vesuv. Frauke Lätsch und Vera Sauer referierten dort über die Bedeutung des Vesuvs für die campanische Landschaft und seine Rezeption in der antiken Literatur, Kunst und Wissenschaft. Von Bedeutung ist der Vesuv für Campanien vor allem wegen der guten Wasserspeicherfähigkeit und der mineralogischen Zusammensetzung seines Vulkangesteins. Dies ist sehr günstig für die Landwirtschaft und die Grundlage für den wirtschaftlichen Reichtum dieser Region. Holger Sonnabend ergänzte, daß in der Antike Vulkanausbrüche im Unterschied zu Erdbeben nicht wissenschaftlich untersucht, sondern mythologisch gedeutet wurden. In Cumae, der zweiten Station des Tages, sprach Peter Guyot über die an diesem Ort im 8. Jh. v. Chr. gegründete griechische Kolonie Kyme, ihre Lage, die Beschaffenheit ihres Hafens, die beiden Tempel auf der dortigen Akropolis und die sogenannte -Grotte der Sybille-. Durch römische Überbauung ist von den ursprünglich griechischen Tempeln nur noch wenig zu sehen. Die Bedeutung des griechischen Elements für Campanien, die sich etwa in der Adaption der griechischen Götterwelt und Mythologie zeigte, konnte in der Diskussion gut herausgearbeitet werden und wurde durch entsprechende Darstellungen in Wandmalereien, Mosaiken und Skulpturen zusätzlich belegt.

Der Mittwoch führte uns nach S. Maria Capua Vetere (Alt-Capua). Diese Stadt, nach Velleius Paterculus bereits um 800 v. Chr. von den Etruskern gegründet, war die Hauptstadt des ager Campanus. Unsere erste Station war das wohl im 1. Jh. n. Chr. gebaute und vorzüglich erhaltene Amphitheater Capuas. Eva Nesselmann, die im Vorbereitungsseminar über den Spartacus-Aufstand (73-71 v. Chr.) referiert hatte, konnte uns anhand dieses, nach dem Colosseum in Rom zweitgrößten Amphitheaters des römischen Reiches, die Entwicklung der Gladiatorenspiele, die ihre Wurzeln in der etruskischen Kultur haben, gut aufzeigen. Anschließend begaben wir uns in das örtliche Museum. Dort referierte Jochen Mayer anhand einiger Exponate über die in der 2. Hälfte des 6. Jh.s v. Chr. beginnende etruskische Expansion nach Campanien und die gesellschaftliche und politische Organisation der Etrusker. Im Bezug auf das Oberthema hielt der Referent fest, daß die italische Bevölkerung den Fall Capuas (424 bzw. 420 v. Chr.) und damit das Ende der etruskischen Herrschaft wohl als die Wiederherstellung des Mächtegleichgewichts unter den Völkern Campaniens empfunden habe. Die Kultur Campaniens wurde jedoch wesentlich durch die Etrusker und ihre Fähigkeiten, so etwa auf dem Gebiet der Eisenverarbeitung, der Landwirtschaft oder dem Fernhandel, bereichert. Holger Dietrich führte uns dann im Anschluß am Beispiel einiger Inschriften die römische Herrschaftsübernahme in Campanien vor Augen. Capua erhielt nach dem Latinerkrieg (340-338 v. Chr.) die civitas sine suffragio, das heißt die Selbstverwaltung der Stadt wurde respektiert, die alten Eliten blieben an der Macht, nur die Wehrhoheit und die -Außenpolitik- wurden von Rom übernommen. Endgültig wurde Capua dann 211 v. Chr. in das römische Staatsgebiet integriert.

  Sowohl den Donnerstag wie auch einen Großteil des Freitags verbrachten wir in Pompeji. Die 79 n. Chr. durch den Vesuvausbruch verschüttete Stadt bot uns eine riesige Fülle von Anschauungsmaterial. Pompeji, eine ursprünglich oskische Siedlung, geriet im Laufe der Jahrhunderte unter den Einfluß von Griechen, Etruskern und Samniten, bevor es im Jahre 89 v. Chr. im Zuge der Bundesgenossenkriege endgültig unter die Oberherrschaft Roms kam. Christian Winkle referierte im Amphitheater, am Theater und im Odeion über Freizeitgestaltung und -kultur in Campanien. Voraussetzung für die durchweg in Stein ausgeführten Spielstätten Pompejis war der Reichtum der Region und der städtischen Oberschicht. Das etwa im 2. Jh. v. Chr. erbaute Theater war vorwiegend Aufführungsort für Komödien verschiedenster Art. Die Helden dieser Bühne hatten so bezeichnende Namen wie Maccus (der Dümmling) oder Manducus (der Fresser), und die Stücke beschäftigten sich hauptsächlich mit Themen, die heutzutage wohl unter der Rubrik -sex and crime- einzuordnen wären. Im Anschluß führte uns Sebastian Ludwig, dessen Thema der Alltag in Pompeji war, durch die verschiedenen Handwerksbetriebe der Stadt. Den größten Raum innerhalb der städtischen Warenproduktion nahm die Textilherstellung ein. Ebenso waren die Reste von Bäckereien, Metall- und Keramikwerkstätten zu sehen. Daß das pompejanische Straßenleben recht abwechslungsreich gewesen sein muß, bezeugen nicht nur die unzähligen Wandinschriften (Graffiti bzw. Dipinti), sondern auch die überall zu findenden cauponae (Wirtshäuser). Nicole Bauer referierte über ein solches Wirtshaus und ein thermopolium (Garküche). Charakteristisch für diese -Straßenkneipen- sind die Ladentische oder Schanktheken, in denen dolia eingelassen waren. In diesen Gefäßen wurden die für den Verkauf bestimmten Weine oder Speisen aufbewahrt. Die an den Außenwänden aufgemalten bzw. geschriebenen Weinpreislisten vermitteln auch heute noch ein anschauliches Bild von der Vielfalt der römischen Weinkultur. Michael Hecht beschäftigte sich mit dem Haus des Töpfers Zosimus. In diesem Betrieb fertigte und verkaufte Zosimus die sogenannten vasa faecaria, Gefäße, die zur Aufbewahrung des berühmt-berüchtigten garum, einer Fischsauce, bestimmt waren.

Das Forum Pompejis war Ausgangspunkt des Referates von Wolfgang Dietz. Exemplarisch dafür wurde die sich wandelnde Funktion des Platzes und die um ihn gruppierten öffentlichen Gebäude vorgestellt, an denen sich sehr gut die unterschiedlichen Einflüsse, besonders durch Griechen, Samniten und Römer, feststellen lassen. Der Wohnkultur Pompejis galt das Referat von Dorit Sedelmaier. Die verschiedenen Häusertypen entsprachen, wie von Vitruv gefordert, in ihrer Raumaufteilung und Gestaltung meist der sozialen Stellung der Bewohner. Die Gartenanlagen der Oberschicht lassen erkennen, daß man hier der Lebensart hellenistischer Fürsten nacheiferte. Sie erfüllten jedoch nicht nur repräsentative Zwecke, sondern boten ebenfalls die Möglichkeit, sich etwas Linderung von den Strapazen des heißen campanischen Klimas zu verschaffen. Nicht nur der Vesuv stellte für Campanien eine ständige Bedrohung dar, auch die vielfach bezeugten Erdbeben erschütterten die Region immer wieder. Holger Sonnabend, dessen Referate sich mit diesem Themenkomplex befaßten, widmete sich im Vorbereitungsseminar den Deutungsversuchen antiker Autoren. Vor Ort untersuchte er besonders die Spuren des verheerenden Erdbebens, das Pompeji 62 n. Chr. heimgesucht hatte. Noch heute erkennt man an einigen Häusern die Erdbebenschäden. Besondere Aufmerksamkeit schenkten wir zwei Marmorreliefs aus dem Haus des Bankiers L. Caecilius Iucundus, einer einzigartigen Quelle, die die Auswirkungen des Bebens auf das Forum, nämlich einstürzende Tempel und berstende Säulen, festgehalten hat. 

Mirjam-Kerstin Holl hatte sich mit dem religiösen Leben und den verschiedenen Kulten in Campanien beschäftigt. Pompeji bot für dieses Thema ausreichend Anschauungsmaterial. Religiöse Kulte waren ein fester und wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens in der Antike. Die Befunde über das religiöse Leben in Pompeji zeigen somit, daß die kultische und kulturelle Vielfalt in Campanien deutliche Spuren hinterlassen hat, die für eine offene und integrative Handhabung der Religion sowie für deren Tolerierung im alltäglichen Leben sprechen. Ebenfalls am Freitag stand eine Führung durch die Villa Poppaea in Torre Annunziata/Oplontis von Frau Dr. Elefante, einer italienischen Althistorikerin, auf dem Programm. Diese Villa mit ihren phantastischen Wandmalereien und ihrer großzügigen Raumaufteilung ist ein repräsentatives Beispiel für die Villen der römischen Kaiserzeit. Den unzähligen und durch Grabungen gut dokumentierten villae rusticae Campaniens widmete sich Kathrin Kuckenburg in ihrem Referat in Boscoreale. Die fruchtbaren Lavaböden und das milde Klima dieser Landschaft sind die wesentlichen Voraussetzungen für den Reichtum an agrarischen Gütern. Allein um den Vesuv sind 40 solcher Villen, auf denen vor allem Wein, Oliven und Obst angebaut wurden, nachgewiesen. Nicole Bauer konnte uns hier auf eindrucksvolle Art den römischen Weinanbau veranschaulichen. Weinanbau war unter den idealen klimatischen und geologischen Bedingungen Campaniens ein sehr profitables Geschäft. Der Falerner, der berühmte Wein aus dem Norden Campaniens, verdankte seinen Ruf jedoch nicht zuletzt den Gedichten des Horaz und Martial. So glaubt man Horaz durchaus, wenn er schreibt: Nulla placere diu nec vivere carmina possunt, quae seribuntur aquae potoribus (-Keine Gedichte können lange gefallen und überleben, die von Wassertrinkern geschrieben werden.- Hor. epist. 1,19,2f.). 

Am Sonntag stand eine Fahrt nach Amalfi auf dem Exkursionsprogramm. Das am Dom von Frank Stini gehaltene Referat über die Geschichte dieser Stadt vom 6. bis ins 11. Jh. n. Chr. war ein guter Hintergrund für das Verständnis der Geschichte Campaniens in jener Zeit. Eine Naturkatastrophe setzte der Bedeutung Amalfis ein Ende: Eine durch ein Seebeben ausgelöste Flutwelle zerstörte 1343 die unter den Einfluß Neapels geratene Stadt weitgehend.

Der für den ganzen Montag geplante Besuch des archäologischen Nationalmuseums in Neapel war in mehrfacher Hinsicht eine Enttäuschung. Viele Exponate waren nicht ausgestellt, manche Abteilungen geschlossen und die geöffneten mit wenigen Ausnahmen in einem schlechten Zustand. Entgegen unserer ursprünglichen Planung konnten lediglich drei Referenten längere Vorträge halten. Regine Schnürch stellte uns anhand zweier Inschriften und einer Reiterstatue eine für die Entwicklung Herculaneums herausragende Persönlichkeit vor. Die verschiedenen Gladiatorentypen, ihre Ausrüstungsgegenstände und Kampfweisen waren das Thema von Eva Nesselmann, und Michael Hecht führte anhand eines römischen -Kalenders- (parapegma) in die Problematik der Zeitorganisation in der Antike (Markt- und Wochentage) bzw. in die Problematik der Interpretation solcher Quellen ein.

Die -Küstentour- des nächsten Tages auf die (von Vico Equense aus gesehen) andere Seite des Golfs von Neapel leitete Michael Hascher mit einem Referat an der Crypta Neapolitana ein, einem römischen Straßentunnel im heutigen Stadtgebiet von Neapel. In der frühen Kaiserzeit entstanden, ist er einer der am besten dokumentierten römischen Straßentunnel, von denen uns insgesamt 18 bekannt sind. Prestigegründe waren es wohl, die den reichen Villenbesitzer Vedius Pollio dazu veranlaßten, allein für die Verbindung zwischen seiner Villa und der Stadt den -Grotta di Seiano- genannten Tunnel anlegen zu lassen. Vera Sauer zeigte anschließend in Solfatara Phänomene des -niederen Vulkanismus- und Reste römischer Nutzung derselben (Schwefeldampfbäder). Danach konnte sie in Pozzuoli (griechisch Dikaiarcheia, römisch Puteoli) das Phänomen des Bradyseismos demonstrieren. Diese langsamen Hebungen oder Senkungen der Erdoberfläche sind im ganzen Gebiet des Golfs von Neapel nachzuweisen und lassen sich hier deutlich an Fraßspuren bestimmter Bohrmuschelarten an den Säulen des macellum (Lebensmittelmarkt) nachweisen. Corina Rauscher und Joachim Wagner sprachen im Anschluß über die Bedeutung Puteolis sowie über die Rolle der Schiffahrt. Puteoli war keineswegs, wie es in der Literatur oft dargestellt wird, nur als Getreideimporthafen Roms bedeutend. Der Aufstieg Ostias als Endhafen der Getreideflotte führte somit auch nicht zu einem Ende der Bedeutung Puteolis. Die Stadt behielt vielmehr ihre Rolle als wichtigster Hafen Campaniens.

Schließlich wurden noch die Thermen von Baiae besichtigt, zu deren eindrucksvollen Bauresten Wolfgang Dietz einige Bemerkungen machte. Beispielsweise steht hier der älteste bekannte Kuppelbau der römischen Welt. Die Auswirkung des Bradyseismos hatte gerade in Baiae eine verheerende Wirkung, da sämtliche villae maritimae (Meervillen) der römischen Aristokratie heute unterhalb des Meeresspiegels liegen. Wesentliches zur Bedeutung dieses Ortes hatte schon im Vorbereitungsseminar Christian Winkle gesagt. Baiae, der wohl bekannteste Kurort der Antike, berühmt für sein üppiges Leben und zugleich der Inbegriff für Badekultur, Laster und Luxus, war Tummelplatz sowohl der alten Adligen wie auch der neureichen, arrivierten Freigelassenen - und für Seneca oder Cicero ein Synonym für den Verfall der römischen Tugenden. In welch hohem Maße der crater delicatus (Golf von Neapel; nach Cic. Att. 2,8,2) die römische Oberschicht anzog, ist auch durch die unzähligen, schriftlich oder archäologisch belegten Luxusvillen zu zeigen. Daß diese Villen mit ihren Gärten nicht nur der Entspannung dienten, sondern auch der richtige Ort für politische Absprachen und Intrigen waren, konnte uns Eckart Olshausen eindrücklich schildern.

Am Mittwoch, 5. August, führte unser Weg nach Herculaneum. Diese kleine, zwischen Neapel und Pompeji gelegene Küstenstadt, wurde durch die Schlammlawine des Vesuvausbruchs 79 n. Chr. überrollt, im Gegensatz zu Pompeji, das durch den Ascheregen verschüttet worden war. Regine Schnürch referierte hier über die sozio-ökonomische Struktur und das öffentliche Leben der schon seit griechischer Zeit bestehenden Stadt. Daß das Leben im Gegensatz zu Pompeji eher beschaulich war, läßt sich beispielsweise an der recht stabilen Sozialstruktur zeigen. So wurde das politische, kulturelle und wirtschaftliche Leben der Stadt während der Zeit der römischen Herrschaft fast immer von denselben Familien bestimmt. Wahlinschriften wie in Pompeji, die auf einen regen Wettbewerb um die Führung der Stadt schließen lassen, sucht man hier vergeblich. Deutlich aufgezeigt werden konnten auch die starken griechischen und hellenistischen Elemente in Kultur und Alltag der Bevölkerung. Dorit Sedelmaier widmete sich vor allem den Wohnhäusern der Stadt und zeigte beispielhaft, wie sich in der Wohnkultur griechisch-hellenistische und römische Elemente durchdrangen.

  Am letzten Tag vor der Abreise stand der Besuch Capris an. An diesem über die Jahrhunderte hinweg oft besungenen Ort stellte Frank Müller die Blaue Grotte und die Villa Iovis vor. Auf der Villa Iovis, einer an exponierter Stelle errichteten Villa, entwickelte sich bei der Führung durch Frank Müller eine lebhafte und fruchtbare Diskussion. Problematisiert wurden vor allem der Vergleich mit anderen Villen, die allgemein übliche Zuordnung zu Tiberius, die nachrichtentechnisch günstige Lage und das Gebäude als historische Quelle an sich. Am letzten Abend wurde den Organisatoren Holger Dietrich, Christian Winkle und Eva Nesselmann für die Planung und Durchführung der Exkursion gedankt; ebenso Eckart Olshausen und Holger Sonnabend für die profunde wissenschaftliche Leitung der Exkursion.

Holger Dietrich, Christian Winkle