Kampanien 2011

Exkursion der Abteilung Alte Geschichte

 

Die italienische Region Kampanien war das Ziel der diesjährigen Exkursion der Abteilung für Alte Geschichte der Universität Stuttgart. Aufgrund des Vesuvausbruches 79 n. Chr. finden sich in der Gegend rund um eben jenen Vulkan zahlreiche Stätten antiker Überreste, die wir zu besichtigen und zu untersuchen gedachten. So trafen sich am 9. Juni 2011 in aller Frühe 19 Studenten und Studentinnen sowie zwei Dozenten am Stuttgarter Flughafen, um sich während der kommenden neun Tage auf die Spuren antiker Lebensformen zu begeben. Im Vorfeld der Exkursion wurden natürlich die Sehenswürdigkeiten vor Ort sowie auch die historisch relevanten Themengebiete von den einzelnen Exkursionsteilnehmern vorbereitet und in einem zweitägigen Vorbereitungsseminar präsentiert. Die so geschaffene Wissensgrundlage führte vor Ort immer wieder zu fruchtbaren Diskussionen, und das in der Theorie erlernte Wissen erhielt plastische Anschaulichkeit.

 

Schon am Tag unserer Anreise eroberten wir die ersten antiken Villen in Stabiae. Gleich nach der Ankunft machten wir uns auf den Weg in die höher gelegenen Wohngebiete Stabiaes, wo wir zwei Villen, die Villa Ariana und die Villa San Marco, besichtigen konnten. Schon in der Villa Ariana konnte man sich kaum an den zierlichen Wandbemalungen sattsehen, und wir hatten das Glück, daß wir in der Villa San Marco einen Führer fanden, der uns mit seinem profunden Sachwissen durch die Anlage führte und uns einige Absperrungen überwinden half. Den kommenden Tag verbrachten wir in Oplontis und in Herculaneum. Tanja Breitenbücher und Shammua Mohr führten uns ausführlich durch die weit angelegte Villa di Poppaea Sabina, und in Herculaneum brachten uns Doreen Raiser, Katrin Ferenz und Katharina Renz die privaten wie auch die öffentlichen Bauten der Stadt näher. Der Begriff „Multifunktionalität“ avancierte schon am ersten Tag der Exkursion zu einem wichtigen Bestandteil des Sprachschatzes – ist es heute doch außerordentlich schwierig, den Räumlichkeiten antiker Städte tatsächlich feste Funktionen zuzuschreiben, und somit verharrten wir in vielerlei Dingen in Diskussion und Spekulation, die dennoch zweifelsohne ihre Berechtigung hatten, sowie sie auch der gesamten Gruppe eine Bereicherung waren.

 

Dem Besuch des Solfatara-Kraters bei Puteoli am Samstag vormittag schloß sich ein Zwischenstop am dortigen Amphitheater an. Frank Merkle berichtete von der grundsätzlichen Anlage eines solchen Bauwerkes und von den sich dort zugetragenen Schauspielen. Im Anschluß besichtigten wir die erste griechische Siedlung auf dem italischen Festland, Cumae. Florian Sonntag führte dort seine – im Vorbereitungsseminar vorausgegangenen – Erläuterungen zur griechischen Besiedelung in Kampanien weiter aus und erläuterte uns im Besonderen die verschiedenen Phasen des sogenannten Apollon-Tempels. Außerdem führte er uns noch in die Grotte der Sibylle von Cumae, wo wir in der kühlen Dunkelheit verweilten, während wir unser Wissen über die antiken Orakel austauschten.

 

Sonntag und auch Montag verbrachten wir komplett in Pompeji. Man mag es kaum glauben, daß wir uns zwei Tage am selben Ort aufhielten, aber Pompeji und der Reichtum, der sich dort an Sehenswertem entfaltet, bietet genug Stoff für mindestens eine Woche Aufenthalt in der antiken Stadt. Zu Beginn umrundeten wir die gesamte Stadt entlang der Stadtmauer, um uns einen Überblick zu verschaffen, und anschließend wurden wir anhand vieler fachkundiger Beiträge in das Leben in der Stadt in der Antike eingeführt: Constanze Hirth informierte uns über die öffentlichen Bauten der Stadt, und Jochen Mayer amüsierte mit einer gelungenen Führung durch die Vergnügungsviertel Pompejis. Elisabeth Blickle hatte sich im Vorfeld umfassend über die Gräberstraßen kundig gemacht und Christian Fron hielt uns so manches Mal an, um uns etwas über die erfolgreiche Wasserversorgung oder die Infrastruktur der städtischen Anlage zu lehren. Mit besonderer Begeisterung wies uns Jonas Scherr immer wieder auf Inschriften aller Art hin.

Nachdem uns Frank Merkle im Amphitheater noch einmal einiges an Wissenswertem mitgeteilt hatte, brachte Frank Daubner noch weitere Bemerkungen zur politischen Bedeutung des Großen Theaters sowie zum theatrum tectum ein, und Ute Veit unternahm einige Anstrengungen, uns den Aufbau und die Nutzung antiker Badeanstalten sowie auch die antike Bäderkultur anhand der Badeanlagen in Pompeji zu verdeutlichen. Doch das Leben in der antiken Stadt bedeutete nicht nur Zeitvertreib und Vergnügen, und daher standen auch Arbeit und Handwerk im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Andreas Bösen konnte dazu einige Information liefern und ließ uns damit am schon damals existenten Ernst des Lebens teilhaben. Für eine besonders intensive Diskussion sorgte in Pompeji die Besichtigung der Villa dei Misteri, deren Aufbau und Gestaltung Caterina Maack erläuterte. Das opulent große Mysterien-Fries zeigt zahlreiche Szenen aus der Mythologie und wurde in der Deutung lebhaft diskutiert.

 

Am Dienstag setzten wir nach Capri über, um dort die Villa des Tiberius zu besichtigen. Peter Scholz ließ uns an seinem Wissen über den Kaiser Tiberius und seinen Rückzugsort auf Capri teilhaben und erfreute uns, wie auch Frank Daubner, immer wieder mit Zitaten aus der Reiseliteratur früherer Jahrhunderte. So kam des öfteren Goethe zu Wort, der während seiner Italienreise an denselben Orten wie wir weilte, und auch Johann Gottfried Seume berichtete in seinem Werk „Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802“ von seinen Eindrücken.

 

Am Morgen des folgenden Tages besuchten wir eine weitere Villa, dieses Mal eine typische villa rustica, die Villa Regina in Boscoreale. Pia Patzek führte uns in die eher landwirtschaftlichen Anlagen einer solchen Villa ein, und anhand der ausgestellten Fundstücke des archäologischen Museums vor Ort gerieten wir ob der Vielseitigkeit und der Feinheit antiker Gerätschaften ins Staunen. Dann endlich bestiegen wir den Vulkan, der für die gute Erhaltung der bisher besichtigten Stätten verantwortlich war: den Vesuv. Das Wetter war an diesem Vormittag recht schön, und so konnten wir zum einen die Sicht vom sowie auch den Blick in den Vulkan genießen. Dennoch waren einige unter uns erstaunt, wie wenig spektakulär der Blick in einen Vulkan sein kann: Anstatt brodelnder Lava sahen wir nur Gestein und etwas Dampf. Vor Ort kam Ralph Ongherth zum Zuge, der uns noch einmal genau über den Aufbau eines Vulkans und über die genaueren Begebenheiten des Ausbruches im Jahr 79 n. Chr. aufklärte.

Anschließend fuhren wir mit dem Bus in die Hauptstadt der Region: Neapel. Das dortige Archäologische Nationalmuseum sollte unser Aufenthaltsort für den Rest des Tages darstellen. Nun endlich standen wir – nachdem wir gerade in Pompeji einige Reproduktionen gesehen hatten, zum Beispiel das Alexandermosaik im Haus des Fauns – vor den Originalen. Zu Beginn unseres Besuches im Museum hielten Katharina Bosch und Judith Hoffmann ihren Vortrag über die Villa dei Papiri, die wir leider vor Ort nicht besichtigen konnten. Dennoch verschafften wir uns anhand der Pläne im Museum und aufgrund der fachkundigen Ausführungen der Referentinnen einen guten Einblick in den Aufbau der Villa. Im Folgenden beschäftigten wir uns mit den verschiedenen Abteilungen und Ausstellungsstücken der bedeutenden archäologischen Sammlung.

 

Viel zu schnell kam der letzte Tag unserer Exkursion nach Kampanien, der uns nach Paestum führte. Anhand des dortigen Museums und des Vortrags von Florian Sonntag konnten wir die theoretischen Grundlagen auffrischen. Im Besonderen hervorzuheben ist das Tomba del Tuffatore, ein Grabgemälde, das einen Turmspringer zeigt, dessen Sprung man gerne als Übergang vom Leben zum Tod deutet. Die ausgestellten Gemälde wurden in ihrer Darstellung von Shammua Mohr erläutert, und anschließend begaben wir uns zur erhaltenen Anlage der Stadt. Wieder wurde unser Rundgang durch zahlreiche Vorträge verschiedener Exkursionsteilnehmer bereichert, und natürlich fesselten gerade die erhaltenen Tempel unsere Aufmerksamkeit.

 

Am Ende einer so erfolgreichen und interessanten Exkursion darf nun natürlich nicht allein der Bericht derselbigen stehen, sondern muß auch Raum für Dank gegeben sein.

Der Dank aller Teilnehmer gilt Elisabeth Blickle, Constanze Hirth und Christian Winkle für die gekonnte und gelungene Organisation der Exkursion sowie der Abteilung der Alten Geschichte, die für die Vorbereitung und Durchführung der Exkursion unter der Anleitung von Peter Scholz und Frank Daubner vielseitig tätig war. Aber gerade auch dem Verein der Freunde des Historischen Instituts, der Stiftung Humanismus heute und der Vereinigung von Freunden der Universität Stuttgart e.V, die durch ihre großzügige Unterstützung in finanzieller Hinsicht immer wieder Exkursionen dieser Art möglich machen, möchten wir Studierenden unseren Dank aussprechen. Die zahlreichen und lebhaften Diskussionen vor Ort sowie die intensiven Eindrücke dieser Exkursion bestätigen uns in unserer Studienwahl und haben uns erlaubt, über das theoretische Feld hinaus Geschichte an den Orten ihres Geschehens nachzuvollziehen und durch die erhaltenen Stätten in Kampanien das Leben in der antiken Stadt kennenzulernen. Wir möchten die Erfahrungen, das Gelernte, das Gesehene und die Erlebnisse dieser Exkursion nicht missen, die unser Studium in nachhaltiger Weise prägen werden.

Doreen Raiser