Althistorische Exkursion 2008:

Entwicklung der Stadt- und Siedlungskultur im antiken Ionien

 

 

Die alljährliche Exkursion der Abteilung Alte Geschichte führte die Studierenden dieses Jahr an die Westküste der Türkei. Vom 6. bis zum 17. September 2008 wurde unter besonderem Augenmerk auf die „Entwicklung der Stadt- und Siedlungskultur“, so das Rahmenthema, die antike Landschaft Ionien bereist. Wie gewohnt machten sich die Teilnehmer bereits geraume Zeit vor Reiseantritt in einem zweitägigen Vorbereitungsseminar gründlich mit der ionischen Geschichte, Kultur und Geographie vertraut. Während dieser Blockveranstaltung wie auch im Verlauf der gesamten Exkursion diskutierten die 20 Studierenden und Dozenten intensiv die historische Entwicklung dieses Raumes – von der Gründung der einzelnen Städte bis zu deren Schicksal in byzantinischer und osmanischer Zeit – und die diversen Einflüsse unterschiedlicher Kulturen auf die griechische Poliswelt.

Bereits im Vorbereitungsseminar führte Prof. Eckart Olshausen in die Geschichte des Raumes Ionien ein. Zudem gab er einen Überblick über die geographische Entwicklung dieser Region in der Antike. Über die ionische Amphiktyonie wie auch das Panionion, das Zentralheiligtum des Ionischen Bundes, und deren identitätsstiftende Wirkung für die einzelnen Mitglieder berichtete Vera Sauer.

Daniel Römer stellte vor Ort die wechselvolle Geschichte und die imposanten baulichen Überreste der antiken Großstadt Ephesos vor, in der seit Kaiser Augustus der Statthalter der Provinz Asia residierte. Darüber hinaus präsentierte Dr. Andreas Pülz, der Leiter der vom FWF finanzierten Grabung am sogenannten Byzantinischen Statthalterpalast, der Exkursionsgruppe die Ergebnisse der Grabungskampagne und die mögliche Neuinterpretation des Gebäudes als byzantinischen Bischofspalast.

Eine ebenfalls bedeutende Polis und ein ebenso wichtiges Handelzentrum stellte im Altertum Milet dar, in dessen Entwicklung und archäologische Monumente Eveline Podstawa die Teilnehmer einführte. Einen eindrücklichen Einblick in die aktuelle Grabung am Delphinion und dessen Bedeutung für die historische und archäologische Forschung gab Herr Dr. Alexander Herda, Leiter der DAI-Grabung.  

Die erhaltenen Bauten des alten und ‚neuen’ Smyrna, des heutigen Izmir, stellte Jonas Scherr vor. Die Polis wurde im 6. Jh. v. Chr. durch die Lyder zerstört und erst gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. südwestlich des ursprünglichen Standortes neu gegründet. Ein beeindruckendes Zeugnis der einstigen ‚Zierde von Ionien’ bieten die erhaltenen Überreste der Agora aus hellenistischer und römischer Zeit.  

Im Anschluß daran verbrachte die Exkursionsgruppe einen Tag auf der Insel Samos (traditionell zu Ionien gehörig, heute griechisches Territorium). Hier verdeutlichte Dr. Franz Schön die hohe politische, kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung von Samos in archaischer und klassischer Zeit anhand des Tunnels des Eupalinos und des Hera-Heiligtums. Mit Metropolis wurde dann am Folgetag eine kleinere, erst in hellenistischer Zeit gegründete Polis von Dr. Frank Daubner vorgestellt. Das Theater, die Thermen und diverse andere Überreste geben einen wunderbaren Einblick in das Leben in der Polis und deren Entwicklung in römischer Zeit.

Das Musterbeispiel einer hellenistischen Polis besichtigte die Gruppe mit Priene, dessen Geschichte und Bauten Natalia Pfau behandelte. Diese Stadt verlor in römischer Zeit, vielleicht aufgrund der Verlandung des Hafens, an Bedeutung. Darüber hinaus wurde uns ein sehr ausführlicher Überblick über die an diesem Ort vor kurzem abgeschlossenen und laufenden Ausgrabungsprojekte durch Prof. Frank Rumscheid von der Universität Kiel geboten, einem der beiden Leiter der von der DFG finanzierten Priene-Grabung. Sehr eingehend erörterte er die schwierig zu deutenden Befunde im Bereich der privaten Wohnhäuser. Mit Herrn Prof. Orhan Bingöl von der Universität Ankara wurde durch die Organisatoren der Exkursion ein weiterer Ausgrabungsleiter als Führer durch die ihm unterstellte Grabung in Magnesia am Maiander gewonnen. Dieser präsentierte der Exkursionsgruppe in einem langen Gang durch das weitläufige Ausgrabungsgelände die eindrucksvollen baulichen Überreste Magnesias,  allen voran das kürzlich ergrabene  Stadion aus dem 3. Jh. n. Chr.

In weiteren Referaten wurden die Themenbereiche Religion, urbane Kultur und Wirtschaft gesondert betrachtet. Von Thomas Seitz, der zusammen mit Christian Fron die Organisation der von Prof. Peter Scholz und Prof. Eckart Olshausen geleiteten Exkursion übernommen hatte, wurde der Kult des Apollon in Didyma und Klaros, wie auch der Kult der Artemis in Ephesos vorgestellt. Hedwig Liese behandelte in Ephesos den Kaiserkult in dieser Region am Beispiel des Domitianstempels und des sogenannten Hadrianstempels. Über die frühe Verbreitung des Christentums und dessen Hinterlassenschaft referierte Frank Merkle. Das Wesen und die Bedeutung der Erziehung in Ionien wurden durch Prof. Scholz anhand ausgewählter Bauten und Inschriften dargestellt. 

Dr. Dorit Sedelmeier behandelte das Theaterwesen dieser Region, dessen Höhepunkt das vorzüglich erhaltene Theater von Priene bildete. Franziska Zach referierte über die Stadien und die damit verknüpfte Spielekultur. Die Entwicklung der Wohnkultur in römischer Zeit präsentierte Benjamin Brumm anhand der äußerst bedeutsamen Hanghäuser in Ephesos. Ionien als Kunstlandschaft thematisierte Daniela Dollenmayer anhand diverser Exponate in verschiedenen Museen der Region. 

Christian Fron veranschaulichte die Nutzung von Wasserbauten als städtische Repräsentationsarchitektur an verschiedenen baulichen Hinterlassenschaften in den Städten. Gräber und Bestattungen innerhalb und außerhalb der Stadt bildeten das Thema von Sandra Förnzler. Valentina Geringer referierte über Wirtschaft und Handel dieser Region, so etwa in Teos über Verbreitung und Handel des dort abgebauten einzigartigen Marmors, der den Namen seines römischen Entdeckers Lucullus trägt. Schließlich gab Felix Rothacker einen Überblick über die Entwicklung Ioniens in byzantinischer und osmanischer Zeit und stellte ensprechende Zeugnisse, so das "Isa Bey Hamam" in Selçuk, beispielhaft vor.

Wie auch in den vergangenen Jahren waren sich am Ende der Exkursion alle Teilnehmer darin einig, daß der Stellenwert solcher Exkursionen im Laufe des Studiums der Geschichte nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Die gemeinsame Arbeit mit unterschiedlichsten Quellenzeugnissen, die lebhaften Diskussionen und intensiven Eindrücke von Land und Leuten werden allen lange in Erinnerung bleiben. Daher gilt der besondere Dank der Teilnehmer zum einen Herrn Prof. Olshausen und Herrn Prof. Scholz, ohne deren Engagement die Durchführung dieser althistorischen Exkursion nicht vorstellbar gewesen wäre, zum anderen dem Verein der Freunde des Historischen Instituts, der auch in diesem Jahr die studentischen Teilnehmer durch Beisteuerung finanzieller Mittel großzügig unterstützt hat.

 

Christian Fron