Geschichte

Zur Geschichte der Alten Geschichte an der Stuttgarter Universität

Wie alle allgemeinbildenden Fächer, so wird auch Geschichte mit ihren drei Bereichen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit unter dem Aspekt der Praxis gelehrt und trägt damit den für die Tradition dieser Universität kennzeichnenden Stempel.

 

Eine im Programm von 1840 faßbare Zielformulierung für die Lehre des Fachs Geschichte an der Polytechnischen Schule lautet: "Allgemeine Weltgeschichte oder zusammenhängende Darstellung der wichtigsten Ereignisse und Veränderungen in den gesellschaftlichen Zuständen der Völker und Staaten alter, mittlerer und neuerer Zeit, mit Berücksichtigung der Regierungsverfassungen, der religiösen und Culturzustände, des Handels und der Gewerbe, deren Geschichte auch in die Geographie eingeflochten wird." Unter diesem Programm hat Johannes Mährlen in den Jahren 1840 bis 1845 auch die Geschichte der Antike berücksichtigt. Den gleichen fächerübergreifenden Anspruch in der Lehre der Alten Geschichte verwirklichte Christian Friedrich Ehrhart, der Semester für Semester eine Vorlesung über "die Geschichte des Altertums, in Verbindung mit Geographie" hielt. Weniger der Praxis zugewandt war die Haltung, in der Emil Woldemar Denzel antike Geschichte lehrte; das ist wohl kaum anders zu erwarten von einem Mann, dem man für seine vorausgehende Tätigkeit an verschiedenen Schulen Württembergs nachsagte, er habe den Geschichtsunterricht dazu verwendet, "durch warme Schilderung glänzender Vorbilder des Altertums die Zöglinge für die Lehren der Geschichte und für die Tugenden geschichtlicher Persönlichkeiten überhaupt zu erwärmen, dagegen sie von den heiklen Fragen der Tagespolitik abzuziehen". Denzel hat antike Geschichte eher mit dem Blick des Philologen gelehrt: So liest er etwa über die "Geschichte des Alterthums mit besonderer Berücksichtigung der Kultur und Literatur".

 

Mit Heinrich Georgii (1883/84) und Lorenz Wilhelm Straub (1885-1900) führte die historische Vorlesung den Obertitel "Geschichte und Kulturgeschichte", unter dem für den Zeitraum der Antike mehrere Titel laufen - Kultur der Alten Völker, griechische Geschichte, römische Geschichte bis auf Augustus, Geschichte von Augustus bis auf Karl den Großen mit Berücksichtigung der Kulturverhältnisse. Mit Gottlob Egelhaaf, dem Rektor des Karls-Gymnasiums, zog in die Technische Hochschule in Hinblick auf die historischen Studien ein Leben ein, das man angesichts eines nur 3-stündigen Lehrauftrags kaum für möglich halten möchte. Was er zur Alten Geschichte publiziert hat - darunter eine wertvolle Schrift über Hannibal (1922) - trägt den Stempel gediegener Quellenkenntnis und großen persönlichen Engagements. Das Gros seiner Publikationen gilt freilich der Zeitgeschichte. Er hat seine Lehraufgaben an der TH sehr ernst genommen und als erster auch historische Seminare abgehalten - hier behandelte er Themen von Kroisos bis zu Bismarck, aus quellentechnischen Gründen gab er jedoch antiken Themen den Vorzug. Wenn die Nachfolger Egelhaafs sich durchwegs neuhistorischen Themen widmeten, ohne die Alte Geschichte zu Wort kommen zu lassen, so war das eine Folge der zu Beginn des Jahrhunderts einsetzenden extremen Spezialisierung der historischen Teildisziplinen.

 

Es war wohl kaum zu vermeiden, daß der Politikwissenschaftler im Rahmen seines Kollegs über das Wesen der Demokratie auch auf die griechische Polis einging. Aber von den Historikern an der TH hat nach Egelhaafs Ausscheiden 1925 niemand mehr antike Themen zum zentralen Anliegen seiner Lehre, geschweige denn seiner Forschung erhoben, bis 1976 ein Ordinariat für Alte Geschichte eingerichtet wurde.