Florian Sonntag

Die Beurteilung des byzantinischen Kaisers Justinian in den zeitgenössischen Quellen
von Florian Sonntag

Projektleiter: Prof. Dr. Holger Sonnabend

Beschreibung:

Kaum eine andere Person der Spätantike hat die Nachwelt so fasziniert wie der oströmische Kaiser Justinian. Dieser verhalf dem Imperium Romanum ein letztes Mal zu alter Größe, indem er Teile Spaniens sowie das gotische Italien eroberte und Nordafrika den Vandalen entriss. Unter ihm kam das Römische Recht zu einer neuen Blüte, da er im Codex Iustinianus und in anderen Gesetzestexten in lateinischer Sprache, basierend auf früheren Rechtstexten, ein allgemein gültiges Rechtswesen für das Reich konstituierte. Außerdem ließ er fundamentale Bauten errichten; darunter die Hagia Sophia in Istanbul, die damals größte christliche Kirche, die nach der osmanischen Eroberung in eine Moschee umgewandelt wurde und großen Einfluss auf die Architektur frühneuzeitlicher Moscheen ausübte und auch noch für moderne islamische Gotteshäuser als Vorbild dient. Aus diesen Gründen wurde Justinian von der Forschung bisher meist positiv beurteilt; man sprach sogar von einem „Zeitalter Justinians“, lobte ihn als herausragenden Herrscher und bezeichnete ihn als „den letzten Römer“.

Doch neuerdings werden auch die negativen Aspekte des „Zeitalters Justinians“ betont. Zum einen muss man sich die Frage stellen, ob Justinian durch seine Expansions- und Baupolitik die Ressourcen des Reiches überbeanspruchte. Bereits kurze Zeit nach Justinians Tod gingen viele Gebiete für das byzantinische Imperium unwiederbringlich verloren – das Reich kämpfte im 7. Jahrhundert gar um sein Überleben. Hängt dies mit den Kriegen Justinians zusammen oder sind dafür einzig seine Nachfolger verantwortlich?

Und wie ist seine Religionspolitik zu bewerten? Dort wird ihm ein rigoroses Vorgehen gegen Andersgläubige nachgesagt. Die Spannungen zwischen orthodoxen und monophysitischen Christen konnte auch Justinian nicht lösen. Heiden wurden verfolgt und zwangsgetauft, Justinian ließ außerdem die platonische Akademie schließen, ein Lehrverbot für Nichtchristen aussprechen und heidnische Bücher verbrennen, was zu einem enormen Wissensverlust führte. Diese Aspekte lassen sich kaum mit der traditionellen Sicht des „Zeitalters Justinians“ vereinen. Jedoch ist diese Kontroverse sehr viel älter, als es den Anschein hat. Nicht erst die neuere Forschung ist sich uneins in Bezug auf die Bewertung der Herrschaft und der Persönlichkeit Justinians – bereits die Zeitgenossen beurteilten ihn sehr unterschiedlich. An diesem Punkt setzt das vorliegende Dissertationsprojekt an. Es soll geklärt werden, warum Justinian von seinen Zeitgenossen sowie von späteren byzantinischen Autoren so kontrovers gesehen wird und welche Sichtweise überwiegt: War er, nach damaligen Verständnis, ein „guter“ oder ein „schlechter“ Herrscher?

 

Quellentexte und Übersetzungen:

Prokopios von Caesarea: Werke. Übers. von Otto Veh. 5 Bde. München 1961-1977 (Sammlung Tusculum); Ioannes Lydus: On Powers or The Magistracies of The Roman State. Übers. von Anastasius C. Brandy. Philadelphia 1983; Whitby, Michael and Mary (Hg.): Chronicon Paschale 284-628. Liverpool 1989 (Translated Texts for Historians 7); Johannes Malalas: Weltchronik. Übers. von Johannes Thurn und Mischa Meier. Stuttgart 2009 (Bibliothek der griechischen Literatur 69, Abteilung Byzantinistik); Evagrius Scholasticus: Kirchengeschichte. Übers. von Adelheid Hübner. 2 Bde. Turnhout 2007 (Fontes Christiani 57,1-2); Theophanes der Bekenner: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and near eastern History A.D. 284-813. Übers. von Cyril Mango und Roger Scott. Oxford 1997; Victoris Tonnennensis Episcopi Chronica. In: Theodor Mommsen (Hg.): Auctores antiquissimi 11: Chronica minora saec. IV. V. VI. VII. (II). Berlin 1894 (MGH AA 11), S. 163-206; Ioannis Zonarae epitome historiarum. Hg. von Ludwig August Dindorf. 6 Bde. Leipzig 1868-1875.

Literatur:

Cameron, Averil: Procopius and the Sixth Century. Berkeley CA u. a. 1985 (The transformation of the classical heritage 10); Jeffreys, Elizabeth / Croke, Brian / Scott, Roger (Hg.): Studies in John Malalas. Sydney 1990; Leppin, Hartmut: Justinian. Das christliche Experiment. München 2011; Maas, Michael (Hg.): Age of Justinian. Cambridge 2005; Meier, Mischa: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr. Göttingen 2003 (Hypomnemata 147); Ders.: Justinian: Herrschaft, Reich und Religion. München 2004; Ders. (Hg.): Justinian. Darmstadt 2011 (Neue Wege der Forschung); Ders.: Der ‚Kaiser der Luppa‘. Aspekte der politischen Kommunikation im 6. Jahrhundert n. Chr. In: Hermes 129 (2001) S. 410-430; Ostrogorsky, Georg: Geschichte des byzantinischen Staates. Sonderausgabe. München 1965; Rubin, Berthold: Das Zeitalter Justinians. 2 Bde. Berlin 1965-1990. Bd. 2 aus dem Nachlass, hg. von Carmelo Capizzi.