Spagat zwischen Labor und Wickeltisch

Unikurier Nr. 107, 1/2011

Spagat zwischen Labor und Wickeltisch

Mehrheit der wissenschaftlich Beschäftigten haben keine Kinder.

Rund drei Viertel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den mittleren Hierarchieebenen deutscher Universitäten sind kinderlos. Was läuft hier verkehrt? Passen Kinder einfach nicht in das Weltbild eines erfolgreichen Wissenschaftlers und verzichten sie deshalb bewusst auf eigenen Nachwuchs, um sich ganz gezielt der Karriere zu widmen? Falsch, sagen Prof. Sigrid Metz-Göckel von der TU Dortmund und Dr. Inken Lind vom Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) in Bonn. In den Projekten „Wissen- oder Elternschaft“ und „Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft?“ gingen sie dem Phänomen der Kinderlosigkeit auf den Grund*). Der unikurier hat sich unter den wissenschaftlich Beschäftigten der Uni Stuttgart umgehört, wie Kinder und Wissenschaft unter einen Hut zu kriegen sind.

Für die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlich Tätigen gehören Kinder sehr wohl zum Lebensentwurf, fanden Prof. Metz-Göckel und Dr. Lind heraus. Auch diejenigen, die kinderlos sind, wünschen sich Kinder. Warum sie sich ihren Kinderwunsch bisher versagt haben, begründeten die befragten Wissenschaftler aus 19 Universitäten am häufigsten damit, beruflich und finanziell nicht planen zu können. Etwa 80 Prozent des größtenteils befristet beschäftigten wissenschaftlichen Nachwuchses im akademischen Mittelbau waren folglich kinderlos. Von den unbefristet Beschäftigten hatte nur etwa die Hälfte keine Kinder. Wie positiv sich eine gesicherte Arbeitsstelle auf Kinder auswirkte, zeigte sich bei der Professorenschaft: hier waren nur 38 Prozent ohne eigenen Nachwuchs geblieben.

Oftmals ist es auch die Angst vor Benachteiligung bei der Bewerbung um eine neue Stelle, die vor der Gründung einer Familie zurückschrecken lässt. Andere fürchten, von ihren Vorgesetzten nicht mehr gefördert zu werden, wenn sie Elternzeit anmelden – ein Thema, das zunehmend auch Männer betrifft. Die Hochschulen täten gut daran, familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um die besten Köpfe für die Forschung zu gewinnen. Nur so könnten die Hochschulen im internationalen Wettbewerb bestehen, meinen die beiden Studienleiterinnen.

Doch wie sieht es an der Uni Stuttgart aus? „Die Familienfreundlichkeit differiert von Mensch zu Mensch“, sagt die Leiterin des Gleichstellungsreferats, Dr. Barbara Unteutsch. „Es gibt Professorinnen und Professoren, die unendlich viel für junge Eltern tun und diese auch nicht für weniger leistungsfähig halten“, weiß Unteutsch. Andererseits gebe es auch Vorgesetzte, die es insbesondere den Frauen nicht zutrauen, dieDoppelaufgabe als Mutter und Wissenschaftlerin bewältigen zu können oder überhaupt exzellente Leistungen während einer Familienphase zu erbringen. Hier sei noch viel zu tun, mahnt die Gleichstellungsreferentin, um das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von forschenden Eltern zu stärken.

Die äußeren Rahmenbedingungen sind jedenfalls gesteckt: 20 Belegplätze für die regelmäßige Betreuung stehen vorrangig für Kleinkinder von Forschenden zur Verfügung, damit sich die Eltern auf ihre Arbeit konzentrieren können. Hinzu kommen die Notfall- und Ferienbetreuung. Seit 2006 hat das Gleichstellungsreferat für die Kinderbetreuung des wissenschaftlichen Personals 400.000 Euro eingeworben und investiert. Fünf Still- und Wickelräume und zukünftig noch zwei Eltern-Kind-Zimmer auf dem Campus ermöglichen Eltern, die ihr Kind ausnahmsweise an die Uni mitbringen müssen, dessen Bedürfnissen auch am Arbeitsplatz gerecht zu werden. Wer sein Kind zeitweise daheim betreuen muss, kann seit 2006 Telearbeit beantragen. Im Oktober 2010 hat das Gleichstellungsreferat weitere Mittel für zehn zusätzliche Belegplätze für Kleinkinder von Wissenschaftlern, für die kurzfristige Betreuung von Gastdozentenkindern und für den Ausbau der Ferienbetreuung beantragt. Damit ist der Grundstock gelegt, um im Jahr 2012 die Zertifizierung als „familiengerechte Hochschule“ zu beantragen. „Im Gegensatz zu anderen Hochschulen, die für zukünftig geplante Maßnahmen zertifiziert wurden, sind wir den umgekehrten Weg gegangen und haben zunächst ein breites Unterstützungsangebot für Eltern aufgebaut“, sagt Unteutsch. Im Zuge der Zertifizierung sollen diese Angebote ausgeweitet und ergänzt werden. Um eine zentrale Anlaufstelle rund um das Thema Uni und Familie zu schaffen und den Zertifizierungsprozess in Gang zu bringen, wird die Uni entsprechend ihren Zielen im Genderkonzept einen neuen „Service Uni & Familie“ einrichten, der bis zum Sommer 2011 besetzt sein soll.

„Es hat sich viel geändert in den letzten 15 Jahren“, erinnert sich Unteutsch. Früher wäre es undenkbar gewesen, finanzielle Mittel der Uni für Familienmaßnahmen einzusetzen. Mittlerweile sei es auch selbstverständlich geworden, dass beide Elternteile arbeiten, weiß die Gleichstellungsreferentin. Dennoch gebe es noch viel zu tun, um das Denken in den Köpfen der Menschen zu verändern. Personell verstärkt durch die Besetzung des neuen Service, will das Gleichstellungsreferat die Beratungs-, Informations- und Unterstützungsangebote rund um das Thema Familie stärker ausbauen. Eine weitere Aufgabe sehen die Mitarbeiter des Gleichstellungsreferats darin, Führungskräfte an der Uni noch mehr zu motivieren, sich den Bedürfnissen von Familien gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. „Es muss auch an deutschen Universitäten Normalität werden, Familie und eigene Qualifizierung zu betreiben“, fordert Unteutsch.

Stimmen:

Jun.-Prof. Wolfgang Nowak, Institut für Wasserbau

Meine Frau und ich sind beide berufstätig, wir haben ein knapp zwei Jahre altes Kind, ein weiteres ist unterwegs. Zu Hause teilen wir uns die Kinderbetreuung. Daher stehe ich um halb sechs auf, und sitze um 16:59 wieder in der S-Bahn, damit wir von 18 bis 20 Uhr ein gemeinsames Familienleben haben. Das gleiche ich aus, indem ich auf der Fahrt lese. Um 20 Uhr geht unser Sohn schlafen, und ich setze mich wieder zum Lesen oder Schreiben hin. Diese Lösung ist machbar, aber anstrengend. Als Wissenschaftler habe ich den Vorteil, meine Arbeitszeit relativ flexibel einteilen zu können. Den Terminplan im Büro immer um 16:55 Uhr enden zu lassen, ist aber alles andere als leicht. Zum Glück habe ich eine sehr selbständig und gut arbeitende Arbeitsgruppe, die Vieles abnehmen kann. Dass der Beruf keinem Strandurlaub gleichkommt, liegt in der Natur der Sache - schließlich sieht man ihn als Berufung und sucht die Herausforderung. Beruf und Familie zu vereinen, bringt aber mehr und vor allem anhaltenden Druck ins System. Elternzeit habe ich zum Beispiel nicht genommen, weil ich eine mehrmonatige Pause für einen Juniorprofessor in der Qualifikationsphase als zu kritisch einschätze. Dennoch: Mein Beruf erfüllt mich sehr und ich freue mich gleichzeitig sehr an meiner Familie, also kann dieser Weg nicht allzu falsch sein. Ich glaube, dass die akademische Welt sich damit auseinandersetzen sollte, was gesunder Leistungsdruck ist, und wo die Art von innerem Leistungszwang anfängt, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwer machen kann.


Dr. Steffen Waldherr, Institut für System-theorie und Regelungstechnik
 
Mit Kindern profitiert man besonders von zeitlicher Flexibilität am Arbeitsplatz. Diese scheint mir an der Uni eher möglich zu sein als in der Industrie. Allerdings, gerade in der Qualifizierungsphase, in der man sich voll auf die wissenschaftliche Weiterentwicklung konzentrieren sollte, kommt mit Kindern ein zweiter aufregender und fordernder Lebensbereich dazu. Hier muss man sich als Wissenschaftler sicher von der Vorstellung eines klassischen Familienideals verabschieden - insbesondere wenn beide Eltern Akademiker sind und beruflich etwas erreichen wollen.
Dr. Maike Sippel, Institut für Energie-wirtschaft und Rationelle
Energieanwendung
Unser Entschluss zur Familie basierte weniger auf einer Abwägung von Risiken, als vielmehr auf der Lust zur Familie. Die Ankündigung unserer ersten Tochter 2005 war Anlass für mich als werdende Mutter, die Promotion „mit Vollgas“ zu Ende zu bringen. Fünf ereignisreiche Jahre später nutze ich die Elternzeit unserer mittlerweile dritten Tochter gerade, um liegengebliebene Forschungsergebnisse zu publizieren. Mit ausgefeiltem Zeitmanagement, konzentrierter Arbeitsweise, gleichberechtigtem Partner, familienfreundlichen Arbeitszeiten, sowie einer guten Kinderbetreuung (Tagesmütter, Kita und seit neuestem AuPair) lassen sich Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Die Institute sollten Ihre Mütter unterstützen, in dem sie ihnen mehr zutrauen – ob es die verantwortungsvolle Projektleitung ist, die Führungsposition in Teilzeit oder erstmal nur die selbstverständliche Verlängerung befristeter Verträge über die Elternzeit hinaus.
Jun.-Prof. Nicole Radde, Institut für Systemtheorie und Regelungstechnik Ich hatte seit 2002 Verträge an vier verschiedenen Universitäten. Sowohl das Kennenlernen von neuen Arbeitsgruppen als auch den permanenten personellen Wechsel innerhalb dieser Gruppen habe ich als große Bereicherung für die Wissenschaft erlebt. Dadurch bleiben die Forschungsgruppen aufgeschlossen und lebendig. Natürlich stellen die damit einhergehenden befristeten Arbeitsverträge sowie die geforderte Flexibilität ein Spannungsfeld dar, sobald es um langfristige Familienplanung geht. Hier können Universitäten ihr wissenschaftliches Personal aktiv unterstützen. Ein wesentlicher Punkt ist der noch konsequentere Ausbau von guten und an die wissenschaftlichen Arbeitsweisen angepassten Betreuungsangeboten für Kinder ab einem Jahr. Hier gibt es noch eine sehr große Lücke zwischen Bedarf und Angebot. Weiterhin gehört für mich
dazu, wichtige Termine nicht regelmäßig abends stattfinden zu lassen, wenn öffentliche Betreuungseinrichtungen bereits geschlossen haben. Auszeiten wegen Schwangerschaft und Kinderbetreuung sollten in den Kriterienkatalogen für Berufungen und Neueinstellungen noch stärker berücksichtigt werden. Dies ließe sich oft mit wenig Aufwand umsetzen. Speziell in Deutschland sollten wir auch gelassener werden. Dazu gehört beispielsweise das Vertrauen,
dass interessierte und gute Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einen Weg finden, ihren Kindern und der Forschung gleichermaßen gerecht zu werden, selbst wenn sich der Fokus anfangs vorübergehend auf Familie und Kinder konzentriert.
Prof. Meike Tilebein, Institut für Diversity Studies in den Ingenieur-wissenschaften Als ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin anfing, waren meine Kinder zwei und vier Jahre alt und damit aus der betreuungsintensivsten Phase raus. Ich bin meinem Doktorvater heute noch sehr dankbar, dass er mir einen geregelten nine-to-five-job ermöglicht hat. In einem solch starren Zeit-Korsett mit der wissenschaftlichen Arbeit voranzukommen, war allerdings ganz schön schwierig, denn die braucht ja auch fokussierte und konzentrierte Arbeitsphasen am Stück. Am besten bin ich vorangekommen, wenn wir die Kinder für ein paar Wochen zu den Großeltern schicken konnten. Um das verletzliche Gleichgewicht nicht aus dem Takt zu bringen, habe ich mehr in grundlagenorientierten Projekten gearbeitet, die vor Ort erledigt werden konnten, und Industrie- oder BMBFProjekte, die auch mit viel Reisen und außerplanmäßigen Arbeitszeiten verbunden sind, gemieden. Das ging natürlich zu Lasten der Industriekontakte, die als „Ausstiegsoption“ aus der Wissenschaft wichtig sind. Auch Konferenzbesuche brachten Schwierigkeiten… Für Berufungsverfahren bräuchten wir eigentlich einen Umrechnungsfaktor „Kinder zu Veröffentlichungen“. (…) Meine Kinder hatten einen Vater, der nur am Wochenende zu Hause sein konnte, eine Mutter, die ganztags arbeitete, und Großeltern in über 500 Kilometer Entfernung. Bei der Familiensituation lag der „Rabenmutter“-Vorwurf natürlich in der Luft – und auch im eigenen Kopf! Da hätte ich ein Netzwerk von Eltern in ähnlicher Situation hilfreich gefunden, und auch Vorbilder, bei denen eine solche Konstellation schon funktioniert hat. Heute bin ich als 44- jährige Professorin mit erwachsenen Kindern eine Rarität. Meine Kinder sind klasse, ich freue mich sehr darüber bin echt stolz auf sie!