Frauenwirtschaftstage 2010

Unikurier Nr. 106, 2/2010

Seltene Spezies „Chefin“ – selbstverschuldet?
Uni Stuttgart beteiligt sich am Frauenwirtschaftstag

Die Führungsetagen deutscher Unternehmen sind mit einem Frauenanteil von unter drei Prozent noch immer fest in Männerhänden: Und das, obwohl immer mehr Frauen hochqualifiziert sind. Doch können Frauen führen, will die Gesellschaft es, und vor allem - wollen Frauen überhaupt an die Unternehmensspitze? Antworten darauf gab es bei der Veranstaltung „TOP-Frauen in Wirtschaft und Medien. Strategien und Erfahrungen erfolgreicher Frauen in Führungspositionen“ am 21. Oktober im Rahmen der Stuttgarter Frauenwirtschaftstage. Hierzu hat die Gleichstellungsbeauftragte der Universität sechs erfolgreiche Frauen zu einem Podiumsgespräch in das Porsche Museum eingeladen.

Uni-FrauWirtsch066 Die Veranstaltung wurde vom Gleichstellungsreferat mit dem Ziel organisiert, dem hochqualifizierten weiblichen Nachwuchs aus der Universität Perspektiven zu eröffnen und sich durch Gespräche mit Top-Führungsfrauen Anregungen für die eigene Karriere zu holen. Etwa 280 Frauen und vereinzelte Männer folgten der regen Diskussion. „Wir können es uns nicht mehr leisten, auf Frauen zu verzichten, wenn wir auch künftig wettbewerbsfähig sein wollen“, betonte Thomas Edig für die Porsche AG. Schon heute werden Ingenieure und Techniker händeringend gesucht.

Die Situation wird sich mit der demografischen Entwicklung noch verschärfen, denn jeder siebte Ingenieur oder Physiker ist heute über 55 Jahre alt. Wenn also Frauen Führungspositionen übernehmen sollen, dann muss etwas dafür getan werden, forderte Sonja Bischoff in einem Eröffnungsvortrag. Die Professorin an der Universität Hamburg führt seit 1986 regelmäßig Studien über Männer und Frauen in Führungspositionen in Deutschland durch, die fünfte erschien im September 2010.

Frauen seien genauso qualifiziert für den Chefposten wie Männer, sie müssten nur die Fächer studieren, die besonders gefragt sind: Wirtschafts-, Natur- oder Ingenieurwissenschaften. Und genau da sind sie unterrepräsentiert. Die entscheidende Voraussetzung für mehr Frauen auf dem Chefsessel allerdings ist, dass Frau es auch will. Doch nach wie vor wollen mehr Männer als Frauen die Hierarchieleiter hinaufklettern – eine „self fulfilling prophecy“, so Bischoff. Mit höherem Einkommen nimmt der Anteil aufstiegswilliger Frauen aber zu. Bischoffs Resümee: „Man sollte Frauen anständige Gehälter zahlen, dann werden sie dableiben und auch aufsteigen wollen.“

In den nächsten zehn Jahren werden mehr Frauen in Führungspositionen zu finden sein, waren die sechs Podiumsfrauen überzeugt, darunter die Geschäftsführerin Vertrieb von IBM Deutschland, Martina Koederitz. Vorbilder, wie sie drei der Frauen in der eigenen Familie vorfanden, sind dafür ein guter Anreiz, meinte auch Gabriele Muz, Direktorin bei der Daimler AG und Mutter von drei Kindern. Welchen Vorurteilen sich berufstätige Mütter ausgesetzt sehen, erzählte die Jungunternehmerin Dr. Annette Arnold. Auch Quotenfrauen können als Vorbilder dienen, meinte Karina Metzdorf von der Robert Bosch GmbH. Uschi Strautmann vom SWR dagegen fand, dieser Begriff sei zu negativ besetzt.

Die beiden Jüngsten in der Runde profitierten auf dem Weg nach oben von dem Mentoring-Programm der Uni für Frauen in Wissenschaft und Forschung beziehungsweise dem bundesweiten „Femtec.Network“ mit seinem Careerbuilding-Programm für den weiblichen Führungsnachwuchs aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften, in dem die Universität Stuttgart seit fünf Jahren Mitglied ist. „Dadurch habe ich erst erfahren, welche Wege mir offen stehen“, ist Metzdorf dankbar. Der Appell der Führungsfrauen an ihre Geschlechtsgenossinnen lautete, mutiger zu sein und sich auch mal zu überschätzen. „Erst wenn Frauen in Führungspositionen es sich leisten können, so schlecht sein zu können wie Männer, dann sind wir gleichberechtigt“, prognostizierte Diana Baumhauer, Personalleiterin der Holtzbrinck Holding, augenzwinkernd.