Schriftstellerinnenleben. Biographien von/über Autorinnen im deutschsprachigen Raum (1785-ca.1930)

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Abstract

Autor: Mirjam Truwant (Leuven)

In diesem Forschungsprojekt, das den Blick auf eine Subkategorie des neulich an Interesse gewinnenden Phänomens der Frauenbiographik richtet (siehe den 2005 von Christian und Nina von Zimmermann herausgegebenen gleichnamigen Tagungsband), wird eine bezüglich diesem Themengebiet vernachlässigten Periode, die weit vor den Anfängen der zweiten Frauenbewegungswelle in den späten sechzigern zurückliegt, unter die Lupe genommen. Konkret handelt es sich hier um die biographische Teilerscheinung der Schriftstellerinnenbiographien (d.h. Lebensbeschreibungen, die von Autorinnen produziert wurden und in denen ebenfalls schriftstellernde Frauen im Mittelpunkt stehen), die in Deutschland und Österreich erschienen sind in dem noch näher abzugrenzenden Zeitraum ca. 1785 bis ca. 1930.

In Anlehnung an Helmut Scheuers Habilitationsschrift Biographie. Studien zur Funktion und zum Wandel einer literarischen Gattung vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, bald dreißig Jahre nach Erscheinungsdatum immer noch das absolute Standardwerk für Biographieforscher im deutschsprachigen Raum, möchte ich für die Gattung der Schriftstellerinnenbiographie auch der Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung und der historischen Entwicklung des Genres nachgehen. Frauenbiographik im Allgemeinen, und also auch jene spezifische Ausprägung der Schriftstellerinnenbiographik, hat bisher in der Theoriebildung über Biographie nämlich kaum Beachtung gefunden. Und wie wichtig und richtunggebend eine Monographie wie die von Scheuer auch (gewesen) sein mag, da sie sich nahezu ausschließlich mit von männlichen Autoren verfassten Werken (mit männlichen Protagonisten im Rampenlicht) befasst, scheint sie indirekt (und vermutlich ungewollt) das oft wiederholte Dictum von Biographie als typisch männliches Genre zu bestätigen. Eine Modifizierung oder sogar eine eigene Modellbildung in Bezug auf die weibliche Variante der Gattung scheint mir deswegen durchaus erforderlich.

Dass Biographie oft als genderbedingtes Genre betrachtet wird, dafür können mehrere Gründe angeführt werden. So sind die meisten bekannten Beispiele tatsächlich von Männern und über Männer geschrieben worden. Wegen ihres privilegierten öffentlichen Auftretens und der historischen Bedeutung, die somit ihren individuellen Leben zugemessen werden konnte, eigneten Männer sich nun mal in der Vergangenheit besser als biographiewürdige Subjekte als die hauptsächlich auf einen privaten Wirkungskreis beschränkte Frau. Die Fülle (eher unbekannter) Frauenbiographien, die jedoch vorhanden ist, weist aber deutlich darauf hin, dass dieses Argument als Erklärung nicht ausreicht. Zusätzlich müssen also auch Überlieferungs- und Kanonisierungsmechanismen im Spiel gewesen sein, welche den Ausschluss von weiblichen Texten mitbedingt haben. Diesen reichlich vorhandenen aber vernachlässigten Texten wurden auch seit dem Anfang der feministischen Bewegung Ende der sechziger noch keiner gründlichen Analyse unterzogen, weil sie, wegen der als patriarchalisch gedeuteten Erzählmuster, a priori als typisch männlich galten und deswegen nicht als mögliche exemplarische weibliche Identifikationsmodelle funktionalisiert werden konnten. Die Frauenbiographieforschung hat sich bisher denn auch v.a. mit der Produktionsseite des Genres beschäftigt, und neue Erzählmuster, den feministischen Ansprüchen gemäß, zu entwickeln versucht. So könne ein weiblicher Lebenslauf nur zulänglich erfasst werden, indem z.B. die für ihn typische Vermischung von Privatem und Öffentlichem ausgewogen dargestellt werde. Berufstätige Frauen schwanken von jeher zwischen jenen beiden Lebensbereichen, und der Schriftstellerberuf stellte herkömmlich eine der wenigen für Frauen zugänglichen Erwerbstätigkeiten dar, nicht zuletzt aufgrund der Kompatibilität mit der dem weiblichen Geschlecht zugeschriebenen erzieherischen Rolle.

In der bevorstehenden diachronen Untersuchung von Autorinnenbiographien, die sich hauptsächlich auf einigen zu Fallstudien herausgehobenen Werken konzentrieren will, werde ich, um die unterschiedlichen Konstruktionen weiblicher Autorschaft deuten zu können, die Frage stellen nach dem sozio-historischen und ideologischen Hintergrund, herrschenden literarischen Modellen, und den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen aus denen die Biographien entstanden sind. So könnte die angestrebte Wirkung eine Selbstrechtfertigung der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit und/oder eine Bestätigung der eigenen weiblichen Identität sein. Oder möglicherweise war das Hauptanliegen eher pädagogisch motivierter Art, da das Didaktische nun mal eine dem biographischen Genre inhärente Eigenschaft sei. In diesem Sinne mag die Biographie entweder gesellschaftsbestätigend oder richtungweisend für eine neuartige Lebensgestaltung eingesetzt worden sein.