„Abtreibung als Thema der Literatur der Weimarer Republik“ (Arbeitstitel)

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Abstract

Promotionsvorhaben bei Prof. Dr. Sabine Doering, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Autor: Karin Theesfeld, M.A. (Oldenburg)

Mit meinem Promotionsvorhaben behandele ich die literarische Dimension eines Themas, das die öffentliche Diskussion in der Zeit der Weimarer Republik prägte. Bis zur Reform von 1927 war jede Abtreibung strafbar, diese Reform durch ein Urteil des Reichsgerichtes ermöglichte mit Einschränkungen einen straffreien medizinisch indizierten Abbruch. Trotz dieser Gesetzeslage wurde vieltausendfach abgetrieben – ärztliche Schätzungen gingen während der Weltwirtschaftskrise von etwa 800.000 bis 1.000.000 Fällen pro Jahr aus.

Frauen strebten zunehmend danach, ihre Kinderzahl gering zu halten. Geburtenkontrolle, zu der vielfach auch die Abtreibung und ein ansatzweise vorhandenes Wissen um Verhütung gehörte, gewann eine besondere Bedeutung im Alltag von (proletarischen) Frauen. Vor allem Arbeiterfrauen wussten, dass sich die wirtschaftliche und soziale Situation der Familie mit jedem weiteren Kind verschlechterte, die Zukunftschancen des einzelnen Kindes sich verringerten, der Umfang ihrer eigenen Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit zunahm und ihre Gesundheit durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zusätzlich belastet wurde.

In der Zeit der Weimarer Republik gehörte das Thema Abtreibung zu den wichtigsten gesellschaftspolitischen Problemen, die eine breite Öffentlichkeit erreichten. Auch in dramatisierter Form auf der Bühne und in der Romanproduktion war der Schwangerschaftsabbruch mit den damit verbundenen Problemen präsent. Zu den Dramen zählen beispielsweise Bruno Schönlanks Verfluchter Segen (1921), § 218 – Unter der Peitsche des Abtreibungsparagraphen, Bilder aus dem Leben verfasst von Hamburger Proletarierinnen (1923), Hans José Rehfischs Der Frauenarzt (1929), Friedrich Wolfs Cyankali (1929) und Carl Credés § 218 – Gequälte Menschen (1930).

Zu den bekanntesten Romanen, die sich intensiv mit dem Thema Abtreibung auseinandersetzen, zählen stud. chem. Helene Willfüer von Vicky Baum (1928), Franz Kreys Maria und der Paragraph (1931), Victor Marguerittes Dein Körper gehört dir (1928) sowie Ilse Reickes Das größere Erbarmen (1929, später unter dem Titel Der Weg der Irma Carus).

Obwohl es auch in der Lyrik, dem Film, in Zeitungen und Zeitschriften sowie der bildenden Kunst eine breite Auseinandersetzung mit der Abtreibungsproblematik gab, wurde diese literarisch-kulturelle Debatte wissenschaftlich bislang kaum behandelt. Es gibt lediglich eine Arbeit von Christine Wittrock, die sich jedoch darauf beschränkt, die ausgewählten Werke auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, die sie für die Verwendung in der Tradition für den „heutigen) Kampf für und gegen den § 218“ haben. Es handelt sich jedoch um die einzige Monographie zum Thema Abtreibung und Literatur, die allerdings auf der deskriptiven Ebene verbleibt.

In meiner Magistra-Arbeit habe ich mich vor allem mit der Gestaltung der Frauenfiguren in den Abtreibungsdramen auseinandergesetzt – eine Beschränkung, die aufgrund der vielfältigen literarischen Produkte sinnvoll erschien. Das Promotionsvorhaben, das allerdings noch ganz am Anfang steht, soll einen Überblick über die verschiedenen Gestaltungen des Themas unter der Prämisse der Motivauswahl und des politischen Hintergrunds bieten.

Für die KünstlerInnen, die sich in ihren Werken für eine Reform oder Streichung des § 218 einsetzten, waren Politik und Kunst keine Gegensätze. Sie vertraten die Meinung, dass der künstlerisch tätige Mensch sich auch in gesellschaftlichen Fragen engagieren müsse. „Kunst als Waffe“ und nicht „l’art pour l’art“ war die Maßgabe, die nicht nur Friedrich Wolf, der das Motto prägte, sondern u.a. auch Bruno Schönlank, Victor Margueritte, Bert Brecht, Kurt Tucholsky oder Franz Krey antrieb, sich literarisch mit dem Thema Abtreibung zu beschäftigen.

Die Weimarer Republik ist auch eine Zeit, in der die Frauenbewegung große Erfolge feiern kann. Mit der Novemberrevolution und der Ausrufung der Republik wurde auch das lang geforderte Frauenwahlrecht durchgesetzt. Der Erste Weltkrieg hatte zudem bereits dazu geführt, dass Frauen verstärkt Erwerbsarbeit aufnahmen (aufnehmen mussten). In der Weimarer Republik sind es vor allem die Sekretärinnen, die Aufmerksamkeit erregen. Sie symbolisieren wie kaum eine andere Frauengruppe die so genannte „Neue Frau“ – eine Superfrau wie sie im Buche steht. Sie sollte sexuell aktive Geliebte sein, charmante, gebildete Gesellschafterin und selbstlose Kameradin. Dazu noch zärtliche Mutter und patente Mitverdienerin.

Das Konzept der „neuen Frau“ sieht Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung vor. Viele Frauen wollten auch selbstbestimmt darüber entscheiden, ob und wann sie ein Kind zur Welt bringen. Von Gegnern der Abtreibung wurde genau dieser Wunsch als Egoismus, Oberflächlichkeit und Genusssucht gebrandmarkt.

Da das Selbstbestimmungsrecht insbesondere in den Debatten um den § 218 in der zweiten Frauenbewegung der Bundesrepublik ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Mittelpunkt stand, ist eine Untersuchung der Literatur der Weimarer Republik in Hinsicht auf dieses Thema nicht nur interessant sondern scheint auch ergiebig zu werden.

Nicht zu ignorieren ist die Einschätzung der Abtreibungsproblematik als „Klassenfrage“ – als ein Problem, das nur die Arbeiterklasse betrifft. So wird Gustav Radbruch, u.a. SPD-Justizminister, zitiert, der betont: „Es ist noch nie eine reiche Frau wegen § 218 vor dem Kadi gestanden“, womit er darauf Bezug nimmt, dass 80 bis 90 Prozent der Anzeigen und Verurteilungen Frauen aus der Arbeiterschaft betrafen. Auch hier lohnt sich eine weitergehende Untersuchung, ob und wie dieses Merkmal Eingang in die Literatur fand.

Die geplante Dissertation soll eine Spurensuche nach einem fast verschollenen Ausdruck politischer Stellungnahme in der Literatur werden. Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen hat auch zu einer allgemeinen Politisierung der „Konsumenten“ beigetragen – sowohl der LeserInnen als auch der ZuschauerInnen im Theater. Dabei muss dann aber auch gefragt werden, inwieweit die gewünschten Wirkungen tatsächlich erreicht wurden.