„La femme n‘ existe pas“ oder: Die (Wieder)entdeckung der Weiblichkeit im Prosawerk Thomas Bernhards

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Abstract

Autor: Verena Ronge, Universität Duisburg-Essen

La femme n‘ existe pas. Der erste Teil des Titels des vorzustellenden Dissertationsvorhabens umreißt den vorherrschenden Konsens innerhalb der Bernhard-Rezeption in Hinblick auf die Darstellung der Frauenfiguren im Werk. Hier überwiegt die Meinung, dass es sich bei Bernhard um einen schreibenden Patriarchen handelt, in dessen Romanen die weiblichen Figuren vor allem durch eines gekennzeichnet sind – ihre geistige Nicht-Existenz. Diese Rezeptionshaltung scheint auf den ersten Blick nicht unberechtigt. Schließlich trifft der Leser – sobald er in die Romanwelt Bernhards eintaucht – auf ein Ensemble von männlichen Protagonisten, die in immer wiederkehrenden Hasstiraden die intellektuelle Unterlegenheit der Frau sowie ihre Verhaftung im Geschlechtlichen proklamieren und ihr jegliche Fähigkeit zur Geistigkeit „naturgemäß“ absprechen. Die Gegenposition zu dieser geistigen Nicht-Existenz übernimmt ebenso „naturgemäß“ der Mann. Als studienschreibender Geistesmensch verkörpert er das überlegene Geschlecht, das seine geistige Vormachtstellung gegen die ständige Bedrohung durch das Weibliche verteidigt und behauptet.

Damit reproduziert Bernhard widerspruchslos die kulturell tradierte Opposition zwischen dem geistig überlegenen Mann auf der einen und der intellektuell verkümmerten Frau auf der anderen Seite und macht so jede weitere Beschäftigung mit der Geschlechterproblematik in seinem Werk scheinbar überflüssig. Doch der Schein trügt. Die vorschnelle Verurteilung Bernhards zum misogynen Frauenfeind übersieht die Tatsache, dass die vernichtenden Urteile über das weibliche Geschlecht aus dem Munde tragikomischer Männerfiguren stammen, die selbst immer wieder an dem imaginären Männlichkeitsideal scheitern und zugleich die dämonisierte Frau als Projektionsfläche nutzen, um ihre eigene instabile männliche Identität vor Dissoziation zu schützen. Diese Funktionalisierung des Weiblichen zum negativen, identitätsstabilisierenden Spiegelbild einer sich nur über eben diesen Mechanismus konstituierenden männlichen Persönlichkeit bietet nicht nur eine Anknüpfungsmöglichkeit an poststrukturalistische Gender-Konzepte im Sinne Judith Butlers, sondern macht zugleich deutlich, dass Bernhard keine affirmative Reproduktion des phallogozentrischen Geschlechterdiskurses betreibt, sondern vielmehr dessen Subversion. Ziel der Dissertation ist es daher, das hinter misogynen Klischees versteckte Frauenbild auszuleuchten und damit die im zweiten Teil des Titels angekündigte (Wieder)Entdeckung der Weiblichkeit einzuleiten.

Kurzbibliographie

Primärliteratur: Thomas Bernhard

  • Frost. Frankfurt/M 1972
  • Ja. Frankfurt/M 1988
  • Das Kalkwerk. Frankfurt/M 1973
  • Korrektur. Frankfurt/M 1988
  • Auslöschung. Frankfurt/M 1988
  • Die Ursache. München 2004
  • Der Keller. München 2004
  • Die Kälte. München 2003
  • Ein Kind. München 2004
  • Der Atem. München 2002