Literarische Konfigurationen des Polenbildes im 19. Jahrhundert unter gender-spezifischer Perspektive

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Abstract

Autor: Irmtraud Hnilica, Universität zu Köln

Das hier vorgestellte Dissertationsprojekt fragt nach den gender-spezifischen Semantisierungen deutscher Darstellungen Polens, die sich in ausgewählten literarischen Texten des 19. Jahrhunderts finden lassen. Dabei interessiere ich mich für Autoren, die auf den ersten Blick durchaus verschieden erscheinen. Als Untersuchungsmaterial bieten sich Werke von Theodor Fontane, Gustav Freytag und Wilhelm Raabe an, dreier prägnanter Autoren also, die zum Kanon realistischer Erzähler gehören, sowie, um den wirkmächtigen Bereich der Unterhaltungsliteratur miteinzubeziehen, die Texte Karl Mays. Diese Auswahl gewährleistet eine gewisse Spannbreite: Während Fontane einen europäisch orientierten Realismus vertritt, entwickelt Raabes idiosynkratischer Realismus sehr moderne, wegweisende Erzählverfahren. Gustav Freytags Texte zählten zu den meistverkauften ihrer Zeit – wie die Karl Mays. Mays Texte sind in der Forschung durchaus auf Interesse gestoßen, die Darstellung Polens bei Karl May ist bislang jedoch nur ansatzweise analysiert worden.

Besonders interessieren mich die Interferenzen zwischen Nationalitätszuschreibung und Problematisierung von Geschlechtsidentitäten. Es wird zu zeigen sein, dass und mit welcher Funktionalität die Texte einen Zusammenhang zwischen Nation und Geschlecht konstruieren. Im kulturellen Bildrepertoire ist, so meine These, Polen als Teil Osteuropas latent ‚weiblich‘ semantisiert, vor allem im Verhältnis zu einem als aktiv und ‚männlich‘ imaginierten Deutschland als Teil Westeuropas. Deutsche AutorInnen, die Polen darstellen wollten, setzten sich dadurch in Bezug zu jener Verknüpfung von Nationen mit geschlechterspezifischen Semantisierungen. Zu diesen verhalten sich die Texte in jeweils spezifischer Weise, ob nun gewollt oder nicht. Sei es, dass sie sich affirmativ auf das skizzierte binäre Modell beziehen, oder – und dieser Fall scheint mir der interessantere zu sein – dass sie das Schema durchbrechen, Verunsicherung stiften und die Brüchigkeit der gängigen Konstruktionen erkennbar werden lassen. Dies lässt sich häufig erst mit Hilfe einer akribisch genauen Lektüre deutlich machen, die von der ‚Predigt‘ eines Textes dessen ‚Praxis‘ differenziert. Denn die narrative Ebene kann sich durchaus widersprüchlich zur diskursiven verhalten. Die dadurch entstehenden Negotiationen können selbst gerade erst aufgerufene klischeehafte Gender- und Nation-Konfigurationen ins Wanken bringen.

An zwei Texten soll die von mir intendierte Lektüreweise exemplarisch illustriert werden: Karl Mays Erzählung ‚Wanda‘ und Theodor Fontanes Roman ‚Effi Briest‘. Mays Text bietet sich insofern an, als in der Figur der Wanda polnische Identität nicht nur verhandelt, sondern auch unmittelbar mit Geschlechtszuschreibungen verknüpft wird. Gender und nation erscheinen hier als aneinander gekoppelte, sich gegenseitig erzeugende Phänomene. Honsza und Kunicki haben die Erzählung bereits einer Lektüre in Hinblick auf ihr Polenbild unterzogen. Dabei gehen sie von der Annahme aus, dass Mays Text, schon weil er nicht der Hochliteratur zugerechnet werden kann, auf eine bestimmte Position festgelegt sei: „Zu den wichtigsten Kennzeichen der Unterhaltungsliteratur gehört die Vervielfältigung konservativer, auf der Ebene des intellektuellen oder politischen Diskurses längst abgeklungener Muster, die jedoch in den tieferen Vorstellungsschichten der breiten Leserschaft schlummern und unter günstigen Umständen aktiviert werden können.“ Diese Einstellung führt allerdings auch dazu, dass den Autoren in ihrer Lektüre selbst die Anwendung jener Muster unterläuft, die sie kritisch beleuchten wollten. So behaupten sie, dass Wanda sich „äußerst passiv“ verhalte, für die Antagonisten „in erster Linie eine Beute, sowohl im Hinblick auf ihre Schönheit als auch auf ihren Besitz“ darstelle und am Ende „in die äußerst vertraute kleinbürgerliche Welt eines deutschen Städtchens“ hineindomestiziert werde. Einer entsprechenden Lesart des Textes mangelt es nicht an Belegen. Wer nach Stereotypen in Mays Werk sucht, das kann keine Überraschung sein, wird fündig.

Ich möchte dagegen zeigen, dass Wanda auch aktiv und viril gezeichnet wird, zudem durchaus keine Beute darstellt, sondern allen an ihr oder ihrem Geld interessierten Männern weit überlegen ist und dass, wenn am Ende die Ordnung hergestellt ist, dies weniger mit der Zähmung Wandas und mehr mit der Ausschaltung dreier Männer zu tun hat. Überdies gibt der Text unzählige Hinweise darauf, dass die Identität Wandas als ‚wilde Polin‘ hinterfragt werden muss, mithin mehrfach gebrochen ist. Es soll daher die These verteidigt werden, dass May hier die Performativität sowohl von Ethnizität als auch von Geschlecht ausstellt.

Im Zusammenhang mit Fontanes Roman stellt sich die Frage, welche Rolle es spielt, dass Effi gerade von Crampas verführt wird und dass diese Verführung in Posen stattfindet. Während in Mays Text die weibliche Protagonistin polnischer Nationalität ist und Emil deutsch, sind die Rollen bei Fontane umgekehrt verteilt: Der preußischen Effi wird Crampas aus Schwedisch-Pommern zur Seite gestellt und mit Innstetten kontrastiert. Hier entfaltet sich demnach ein komplexes Gefüge, in dem weder Geschlecht noch Nationalität absolut, sondern immer nur relational gedacht werden kann.

Bibliographische Angaben:

  • Karl May: Wanda. In: Karl Mays Werke, Hrsg. von Hermann Wiedenroth, Berlin 2005 (Digitale Bibliothek, CD-Rom).
  • Theodor Fontane: Effi Briest. In: Theodor Fontane: Das erzählerische Werk, Berlin 1997 ff., Bd.15, 1998 (=Große Brandenburger Ausgabe, Hrsg. von Gotthard Erler, Berlin 1994 ff.).