Das Glück der Erde lesend erleben. Mädchen-Pferdebuchserien – eine genderorientierte, strukturelle und inhaltliche Untersuchung

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Abstract

Dissertation mit dem Arbeitstitel

Autor: Danielle Geiß (Berlin), Universität Oldenburg

Die hier vorliegende, in der Literaturwissenschaft längst überfällig gewordene Analyse von den bei weiblichen Leserinnen im Alter von 10 bis 13 Jahren so beliebten Mädchen-Pferdebüchern, die zu einer Phantasiewelt gehören, die dem heranwachsenden Mädchen in ihrem Ablöseprozess von den Eltern hilfreich sein kann, beschäftigt sich in erster Linie mit den Geschlechterdarstellungen und Geschlechterverhältnissen, die in Verbindung mit der Beziehung zum Pferd betrachtet werden müssen. Gefragt wird, mit welchen Charaktereigenschaften und Handlungsfähigkeiten die weiblichen und männlichen Figuren ausgestattet sind, für welche Geschlechterrollentypen sie stehen, welche Funktionen ihnen im Text zukommen und inwiefern diese Funktionen für das Pferdebuchgenre typenhaft sind. Die Analyse soll zeigen, wie stark polare Geschlechterschemata vertreten und inwieweit eventuell Angleichungen der Geschlechterrollen erkennbar sind.

Den Untersuchungsgegenstand bilden drei Mädchen-Pferdebuchserien: die elfteilige „Britta“-Reihe der Schwedin Lisbeth Pahnke aus den späten 60er und 70er Jahren, erschienen im Franz-Schneider-Verlag, die siebenteilige Reihe „Reitertreff Schleusenhof“ von Elke Müller-Mees, Anfang der 90er Jahre erschienen bei Franckh-Kosmos, und die aktuelle, mittlerweile 35-bändige Reihe „Sattelclub“ der Amerikanerin Bonnie Bryant, erschienen im Ravensburger Buchverlag. Steht in „Britta“ die (reiterliche) Entwicklung der anfangs vierzehnjährigen Titelheldin im Vordergrund, werden in „Sattelclub“ die Abenteuer dreier 12-13-jähriger Mädchen erzählt. Der „Schleusenhof“, ein Pferdeschul- und Ausbildungsstall, wiederum ist Aufenthaltsort einer Reiterclique, die aus fünf 14-15-jährigen Mädchen und Jungen besteht. Sind die Reihen „Britta“ und „Sattelclub“ eher der konventionelleren Mädchenliteratur zuzuordnen und teilweise deutlich den Klischees des Backfischbuches verhaftet, scheint die Serie „Schleusenhof“ stärker dem neuen Mädchenbuch verpflichtet, das sich unter dem Einfluss der Frauenbewegung der 70er Jahre herausbildete und eine sehr kritische Haltung zur weiblichen wie männlichen Rollenvorschrift zeigt.

Die Arbeit gliedert sich wie folgt: zunächst wird die reale Reit- und Pferdewelt vorgestellt und sozialpsychologische und psychoanalytische Ansätze, die Erklärungen für die Reit- und Pferdeleidenschaft von Mädchen und Frauen bereithalten, diskutiert sowie um die oft fehlende historische, geschlechtsspezifische Perspektive ergänzt. Der Reitsport weist ‚weiblich-mütterliche Elemente’ durch die Pflege und Versorgung des Tieres auf, andererseits männlich konnotierte, risikoreiche Auseinandersetzungen mit dem starken, eigensinnigen Pferd, vor allem beim Reiten, und eröffnet Mädchen damit die Möglichkeit, Mädchen und Junge zu sein. Im zweiten Kapitel erfolgt aus motivgeschichtlicher und literaturdidaktischer Perspektive heraus eine Darlegung der Entwicklung der Pferdethematik im Mädchenbuch.

Die Untersuchung ausgewählter Mädchenbücher seit Beginn des 20. Jahrhunderts bereitet direkt auf die Hauptanalysen der Mädchen-Pferdebuchserien vor. In den folgenden Analysekapiteln wird zunächst in einer strukturalistischen Herangehensweise die literarische Struktur untersucht, die nähere Erkenntnisse über ‚Pferdebuchformeln’, also den schematischen Aufbau der Texte bezüglich der Art und Weise der Darstellung des Geschehens sowie im Hinblick auf die Konstruiertheit des Handlungsverlaufes bringt. Nähere Ausführungen zur Schematisierung von Personal und Handlung zeigen, dass die Pferde ebenso Handlungsträger sind wie die Menschen und das Pferd als weitere Identifikationsfigur sowie Symbol für menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen dient. Wiederkehrende Motive können entwicklungspsychologisch bzw. psychoanalytisch gedeutet werden.

Im Hinblick auf die Genderthematik ergeben die Analysen, dass die Serien verdeckte Normen von Heterosexualität in Orientierung am Ideal der Ehe und Familie (bei gleichzeitiger beruflicher Orientierung) vermitteln sowie bürgerliche Tugenden und Werte. Innerhalb des akzeptierten, patriarchalen Rahmens besetzt ein bewunderter männlicher Held die hohe Position des (väterlichen) Reitlehrers, der als Helfer und Förderer der Mädchen fungiert, an dem sie sich aber auch ein Vorbild nehmen. Ebenso wie er wollen die „besten“ Reiterinnen der Serien erfolgreich Turniere reiten, Schüler ausbilden und eine Reitschule besitzen. Traditionell sind vor allem die Familienstrukturen mit einem männlichen Familienoberhaupt, das für den Pferdekauf zuständig ist und damit als Wohltäter der Mädchen auftritt. Die eigenständigen, selbstbewussten Mädchen selbst sind entweder dem Typen des selbstsicheren, mutigen und aktiven „wilden“ Mädchens zuzuordnen, dem „braven“ oder dem „richtigen“ Mädchen. Zusammen mit ihrem Pferd bekleiden sie stets eine starke Position, erobern Räume, retten Menschen und Pferde, bringen Leistungen und sind erfolgreich, während sie sich gleichfalls auf dem Pferd als durchsetzungsfähig, risikobereit und überlegen erleben können. Neben diesem rollenübergreifenden Verhalten wird aber auch ein rollenkonformes vorgelebt, da die Betonung auf der Herausbildung „weiblicher“ Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen liegt, wie vor allem solche Handlungsmotive demonstrieren, welche als Vorbereitung auf die beschützende und pflegende Mutterrolle zu deuten sind. Gleichzeitig findet eine deutliche Aufwertung weiblicher Traditionen statt, die sich auch darin zeigt, dass die männlichen Figuren sich insbesondere durch „weibliche“ Attribute wie Fürsorglichkeit, Einfühlungsvermögen und Geduld auszeichnen. Durch diese und weitere Beobachtungen ergibt sich ein differenzierteres Bild von Weiblichkeit(en) und auch Männlichkeit(en).