Männlichkeitskonzeptionen und Geschlechterbeziehungen bei Theodor Storm

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Abstract

Autor: Louise Forssell, Universität Stockholm

Theodor Storm (1817-1888), der in der Literaturgeschichte als poetischer Realist des 19. Jahrhunderts eingeordnet wird, gilt als bürgerlicher Autor, der in seinem Werk ausschließlich bürgerliche Themen für ein ebenfalls ausschließlich bürgerliches Publikum behandelt. In meiner Dissertation, die Ende 2006 erscheint, geht es um eine Untersuchung von Theodor Storms Novellistik unter dem bisher nicht beachteten Aspekt der Männlichkeit, wobei das Wechselspiel zwischen hegemonialen und peripheren Männlichkeiten im Fokus steht.

Im Rekurs auf Robert Connells (soziologisches) Konzept der hegemonialen Männlichkeit und Machtbeziehungen zwischen Männern soll eine „Binnendifferenzierung“ dieses bürgerlichen Männlichkeitsbildes bei Storm analysiert und ausdifferenziert werden (hegemoniale, untergeordnete, komplizenhafte, marginalisierte Männlichkeiten).

Die verschiedenen Entwürfe der Männlichkeiten sollen durch eine Betrachtung ausgewählter Bereiche untersucht werden, wie sie meiner Meinung nach in vier exemplarischen Texten thematisiert werden und die gleichzeitig verschiedene Forschungsfelder innerhalb der Männlichkeitsforschung ausmachen: Familienproblematik, Körper/ Gesundheit, Macht/ Dominanz/ Gewalt sowie Gesellschaft/ „Männerräume“. Das Thema „Männlichkeit“ wird dabei stets als relationell zum Begriff der „Weiblichkeit“ verstanden.

Diese Problematisierung vollzieht sich vor der Folie der bürgerlichen Sphärentrennung im 19. Jahrhundert. Beispielsweise die Historiker George Mosse (1997) und besonders Wolfgang Schmale (2003) haben gezeigt, daß und wie der sog. „bürgerliche Mann“ als der hegemoniale Männlichkeitstypus des 19. Jahrhunderts definiert wird. Für Mosse hebt diese Norm gleichzeitig eine Kehrseite hervor, einen Antitypus, gegen den sich die bürgerliche Seite absetzen bzw. definieren konnte. Den Anti-Typusbegriff verstehe ich allerdings als pauschalen Begriff, der wie Connells Begriff „untergeordneter Männlichkeiten“ vielfältig spezialisiert werden sollte.

Meine übergreifende These lautet, daß Storms Texte die damals geltenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit erweitern, indem eine sehr starke Annäherung oder Verwischung der traditionellen Geschlechterstereotypen in seinen Texten zu erkennen ist: Stärke, Schwäche, Krankheit, „Natur“ usw. kodieren meiner These nach nicht einfach Mann oder Frau. Die Figuren passen nur zum Teil ins „bürgerliche“ bipolare Geschlechtermodell. Ich behaupte auch, daß Storm, vielmehr als bisher angenommen wurde, als Vorbote der literarischen Moderne zu betrachten ist. Ein übergreifendes Ziel der Arbeit ist deshalb, in den ausgewählten Texten diese „Moderne“, was die Geschlechterbeziehungen betrifft, herauszuarbeiten, was auch Reflexionen auf die moderne Gesellschaft erlaubt.

Der Genderforschung gemäß erfolgt meistens die Veränderung der Männlichkeit über Weiblichkeit, d.h. über die Emanzipation und den Kampf der Frau in Umbruchzeiten. Das 19. Jahrhundert galt nicht als „Übergangszeit“; man sprach auch nicht von einer generellen Männlichkeits- bzw. Weiblichkeitskrise, weshalb diese Erkenntnisse zu Storm als überraschend gelten können: es stellt sich u.a. die Frage, warum in diesen Texten ein Eindruck von einer Abkehr von Hegemonieansprüchen bei Männern aus bürgerlichem Milieu entsteht. Für die Untersuchung habe ich einen Fragekatalog aufgestellt, der zum Teil auf mehr oder weniger allgemeine Fragestellungen innerhalb der „literarischen“ Männlichkeitsforschung zurückgeht:

  • Wie reflektieren die „Figuren“, wer bestimmt wen auf welche Weise; wer wird durch wen „gegendert“?
  • Wie werden bei Storm die Geschlechterverhältnisse innerhalb dieser genannten Ordnung (der bürgerlichen Welt) ausgehandelt und konstruiert? Gibt es Spielräume zwischen den als Opposition gedachten Geschlechteridentitäten?
  • Wie werden Männlichkeiten und Beziehungsproblematik bei Storm literarisch reflektiert, was erweist sich bei Storm als männlich / weiblich , und was stellt sich gleichzeitig als Selbstkonflikte des Bürgertums (und damit als „Erschütterung“ der hegemonialen Männlichkeit) dar?
  • Wird der Mann bei Storm durch Abgrenzung von der Frau gewonnen, d.h. über die Differenz zur Frau oder auch durch binnenmännliche Beziehungen? Ist die Frau nur eine Projektionsfläche des Mannes? Und was passiert mit dem Mann, wenn er sich selbst überlassen wird oder allein unter Männern ist und ihm sozusagen diese weibliche Projektionsfläche fehlen sollte?
  • Welche unterschiedlichen Machtpositionen werden dargestellt und wie werden diese unter den Männer- und Frauenfiguren ausgehandelt?
  • Welche Grenzüberschreitungen, Differenzen und Brüche sind in den Texten zu erkennen? Sind die Positionen der Männlichkeit bei Storm widersprüchlich? Ambivalent? Veränderlich? Gibt es Beispiele für männliche Maskerade in den Novellen? Werden dadurch „Neukonzeptionen“ von Männlichkeit bzw. alternative Männlichkeiten geschaffen?

Und wie geeignet ist darüber hinaus nun Connells Theoriegebilde für die Literaturwissenschaft? Literarische Texte unterscheiden sich ja u.a. dadurch, daß ihre Welten fiktiv sind, also eine Art doppelte Konstruktion. Da Connells Kategorien sehr allgemein und weit gefaßt werden, sollten sie aber auch für eine literaturwissenschaftliche Arbeit fruchtbar gemacht werden können. Indem der Körper berücksichtig wird, aber gleichzeitig die Binnendifferenzen von Männlichkeiten betont werden, bietet er für meine Arbeit ein Instrumentarium, um eine größere Komplexität und Vielfalt der Lebensrealitäten fassen zu können als das eindimensionale Bild von Männlichkeit als generellem Primat über Weiblichkeit.

Corpus:

Der Herr Etatsrat (1881), Schweigen (1883), Ein Doppelgänger (1887), Der Schimmelreiter (1888).

Primärliteratur:

Storm, Theodor: Sämtliche Werke in 4 Bänden. Hg. von K.E. Laage und D. Lohmeier. Frankfurt a.M. (1987).

Storm, Theodor: Storm-Briefwechsel. Bd. 13. Theodor Storm – Gottfried Keller. Hg. von Karl Ernst Laage (1992) in Verbindung mit der Theodor Storm-Gesellschaft. Berlin.

Storm, Theodor: Storm-Briefwechsel. Bd. 15/I+II. Theodor Storm – Constanze Esmarch: Briefwechsel (1844-1846). Hg. von Regina Fasold (2002). Berlin.