Zwischen Flucht und Rebellion: Weibliche Grenzüberschreitungen in Helene Böhlaus Roman „Halbtier!“

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Abstract

Autor: Franziska Bergmann (Freiburg)

Im Rahmen meiner Magisterarbeit setze ich mich mit Helene Böhlaus Roman Halbtier! auseinander. Kurz nach seiner Publikation im Jahre 1898 wird er als provozierendster Frauenroman der Jahrhundertwende gewertet. Halbtier! übt nuanciert emanzipatorische Kritik an der gesellschaftlichen Situation der Frau um die Jahrhundertwende. Die Autorin greift differenztheoretische und gleichheitsfeministische Konzepte der Frauenbewegung um 1900 auf, antizipiert zugleich aber auch Ansätze, wie wir sie in den Theorien der Neuen Frauenbewegung und aktuellen Fragen um die Kategorie Geschlecht finden.

Im Zentrum des Romans steht die Protagonistin Isolde, der es gelingt, sich als Künstlerin aus traditionellen weiblichen Lebenszusammenhängen zu lösen, obwohl sie in einer nach patriarchalen Regeln strukturierten bürgerlichen Familie aufwächst. Ihre Mutter wird vom Vater wie ein „Arbeitstier“ behandelt und kann nur in Form von Krankheit aus der unerträglichen Realität fliehen. Isolde wählt im Gegensatz zur Mutter den Weg der offenen Rebellion und bildet sich in autodidaktischen Studien zur Bildhauerin aus. Auch wenn die Sphäre der Kunst Freiräume für weibliche Selbstentfaltung bietet, weist sogar sie eine Vielzahl misogyner Traditionen auf, u.a. eine inflationäre Anhäufung degradierender Weiblichkeitsbilder und -imaginationen. Isoldes Ziel ist es, den veralteten Weiblichkeitsrepräsentationen neue entgegenzusetzen. Sie versucht im Nietzscheanischen Sinn eine kreativ-künstlerische „Umwertung aller Werte“ vorzunehmen, indem sie ein eigen entwickeltes Bild von Weiblichkeit entwirft. Ihre Rebellion kulminiert in der Ermordung ihres Antagonisten Henry Mengersen durch einen Pistolenschuss. Mengersen verkörpert den Prototyp des frauenverachtenden Künstlers seiner Zeit. Im Kontext dieses radikalen Befreiungsschlages ist Isoldes anschließender Suizid nur schwer verständlich und wird von der literaturwissenschaftlichen Rezeption kontrovers bewertet.

Mein methodisches Vorgehen liegt darin, mittels feministischer und gender-sensibler Interpretations- und Analyseverfahren die Vielzahl der kritischen Geschlechterdarstellungen im Roman zu verdeutlichen. In den Fokus werden dabei besonders die verschiedenen Referenzen auf Motive der bildenden Kunst gerückt, die Böhlau als Stabilisatoren des traditionellen Geschlechterdiskurses entlarvt. So wird von der Autorin u.a. das kulturelle Paradigma der weiblichen schönen Leiche leitmotivisch in den Handlungsverlauf eingeflochten. In Bezug hierauf arbeite ich mit Theorien von Elisabeth Bronfen, die in der Darstellung der ästhetischen Inszenierung der toten Frau ein Ausgrenzungsverfahren des Unheimlichen aus der männlichen symbolischen Ordnung sieht. Nach einer Reihe von Konfrontationen mit ’schönen Frauenleichen’ kann Isoldes tödlicher Pistolenschuss auf Mengersen als gender-crossing, als radikale Umkehrung bestehender Verhältnisse, gewertet werden. Der Verfechter des androzentrischen Diskurses und Maler toter Frauen Mengersen wird von der Künstlerin nun selber wie eine schöne Leiche inszeniert. Der Pistolenschuss kann zudem aus dekonstruktivistischer Perspektive mit Judith Butlers Theorie zum „lesbischen Phallus“ gelesen werden. Der Revolver wird in diesem Zusammenhang zum Phallus, den sich Isolde aneignet und damit die traditionelle Gleichsetzung von Phallus und männlichem Glied in Frage stellt.

In ihrem Suizid sehe ich Isoldes Versuch, die starre binäre Geschlechterordnung vollends aufzulösen. Der Text weist darauf hin, dass sich Isolde kurz vor ihrem Tod in einem euphorischen Zustand als „körperlos“ empfindet. Da der Körper im heteronormativen Diskurs als Fläche für geschlechtliche Einschreibungen fungiert – Böhlau bemerkt in zahlreichen Passagen, dass die Frau „nichts als Körper ist“ – kann sich Isolde nur durch den Akt der Selbsttötung dieses Mediums entledigen. Die Dekonstruktion der Geschlechtlichkeit scheint hier ausschließlich in der Destruktion des Körpers realisierbar. Ob dieses Ende des Romans als feministische Utopie taugen kann ist fragwürdig. Dennoch erhält der Roman Halbtier! durch sein Vorausgreifen auf zeitgenössische Theoreme der feministischen und gender-sensiblen Literaturwissenschaft ein enormes Potential an Innovation.

Literatur:

  • Böhlau, Helene [1899]: Halbtier!, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Henriette und Jürgen Herwig, Mellrichstadt 2004.