Der weibliche Entwicklungsroman. Literarische Entwürfe weiblicher Entwicklung vor dem Hintergrund der Geschlechterrollenbiologisierung des 19. Jahrhunderts

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Abstract

Autor: Susanne Balmer (Zürich)

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie in Romanen deutschsprachiger Schriftstellerinnen zwischen 1770 und 1900 weibliche Entwicklung thematisiert und dargestellt wird. Einerseits zieht diese Fragestellung ihre Relevanz für die gender studies aus dem eng mit den bürgerlichen Geschlechterrollenzuschreibungen verknüpften naturwissenschaftlichen Entwicklungsdiskurs der Zeit, der Frauen auf die Muterrolle reduziert und ihnen Individualität abspricht. Andererseits ist sie im Hinblick auf die literarische Tradition des Entwicklungs- und Bildungsromans von Bedeutung, die sich gemäss dem literaturwissenschaftlichen Kanon nur auf Romane mit männlichen Protagonisten bezieht.

Die vordarwinistischen Entwicklungstheorien gehen von der Konstanz der Arten aus und vertreten beispielsweise Stufenleitermodelle, wonach sich die Frau hinsichtlich ihrer Unvollkommenheit vom (weissen) Mann abhebt. Nur in ihrer Gebärfunktion zeigt sich die Frau dem Mann überlegen, wodurch Mutterschaft zum eigentlichen Ziel ihrer Entwicklung wird. Dieser Zuschreibung folgt auch die Evolutionstheorie, welche in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das zum Konkurrenzkampf geborene Männchen auf die Artentwicklung festlegt, das passive Weibchen dagegen auf Arterhaltung. Mit ihren Theoremen wie „Selektion” und „Anpassung” verändert dies Evolutionstheorie in dieser Zeit jedoch das Selbstverständnis des Individuums grundlegend.

Das Projekt analysiert in einer kontextualisierenden Lektüre so genannte „Frauenromanen”, die individuelle weibliche Lebensläufe fokussieren und sich schon damit gegen das „Gattungswesen” Frau stellen. Diskursanalytisch werden diese Romane als Entwicklungsromane untersucht, welche die um 1800 einsetzende und um 1900 ihren Höhepunkt erreichende Biologisierung der Geschlechterrollen reflektieren, integrieren und kritisieren oder ihr alternative Entwürfe entgegenstellen.

Die traditionelle literaturwissenschaftliche Forschung, welche unter Entwicklungsromanen ausschliesslich Entwicklungsgeschichten mit männlichen Protagonisten fasst, hat Frauenromane oft trivialisiert und auf autobiografische Aspekte reduziert, sie also nicht als individuell beschriebene, innovative Darstellungen anerkannt. Damit folgt sie implizit der oben dargestellten Vorstellung der Schriftstellerin bzw. Frau als Gattungswesen, wie auch der Terminus „Frauenroman“ nahe legt. Ziel der Dissertation ist es, Romane wie Das Fräulein von Sternheim von Sophie von La Roche, Elisa – oder wie das Weib sein sollte von Wilhelmine von Wobeser, Caroline von Wolzogens Agnes von Lilien, Gabriele von Johanna Schopenhauer, Gabriele Reuters Aus guter Familie oder die Trilogie Sibilla Dalmar, Schicksale einer Seele und Christa Ruland von Hedwig Dohm als wichtige Schnittpunkte zwischen dem naturwissenschaftlichen und dem feministischen Diskurs zu bestimmen und sie insgesamt als Tradition weiblicher Entwicklungsromane sichtbar und lesbar zu machen.

Ausgewählte Bibliographie

Primärliteratur

  • Dohm, Hedwig: Christa Ruland. Berlin 1902
  • Dohm, Hedwig: Schicksale einer Seele. München 1988.
  • Dohm, Hedwig: Sibilla Dalmar. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Dohm, Hedwig: Emanzipation. Zürich 1982.
  • Dohm, Hedwig: der Frauen Natur und Recht. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Ehrmann, Marianne: Amalie. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • La Roche, Sophie von: Das Fräulein von Sternheim. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Reuter, Gabriele: Aus guter Familie. Berlin 1904.
  • Reventlow, Franziska zu: Ellen Olestjerne. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Schopenhauer, Johanna: Gabriele. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Unger, Friederike: Julchen Grünthal. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Wobeser, Wilhelmine von: Elisa – oder wie das Weib sein sollte. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.
  • Wolzogen, Caroline von: Agnes von Lilien. In: Mark Lehmstedt (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen (CD-ROM), Berlin 2001.

Sekundärliteratur

  • Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter – Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750-1850. München 1996.
  • Jacobs, Jürgen/Krause, Markus: Der Deutsche Bildungsroman – Gattungsgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. München 1989.
  • Laquer, Thomas: auf den Leib geschrieben – Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt a. M/ New York, Campus Verlag, 1992.
  • Linke, Jürgen: Literaturanalyse als Interdiskursanalyse. In: Frohmann, Jürgen/Müller, Harro (Hgg.):Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Frankfurt a. Main 1988, S. 284-307.
  • Mayer, Gerhart: Der Deutsche Bildungsroman – von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992.
  • Stolzenberg-Bader, Edith: Weibliche Schwäche – Männliche Stärke. Das Kulturbild der Frau in medizinischen und anatomischen Abhandlungen um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. In: Martin, Jochen/ Zoepffel, Renate: Aufgaben, Rollen und Räume von Frau und Mann. Bd. 2,Freiburg/ München, 1989, S. 751-818.
  • Tiefenbacher, Herbert: Textstrukturen des Entwicklungs- und Bildungsromans. Königsstein/ Taunus 1981.
  • Todd, Kontje: Socialization and Alienation in the Female Bildungsroman. In: Holub, Robert C./ Wilson, Daniel W. (Hgg.): Impure Reason – ­Dialectic of Enlightenment in Germany. Detroit 1993, S. 221-260.