„Fromme Frauen“ in Film und Fernsehen

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Abstract

Contributor: Prof. Dr. Kerstin Stutterheim, Fachhochschule Würzburg

In deutschen Kino- und Fernsehproduktionen der Gegenwart spielen Religion und Spiritualität eine geringe Rolle und die Esoterik fast gar keine – im Unterschied zu vielen der US-amerikanischen Produktionen, die für das deutsche Publikum eingekauft werden.

Wenn „Fromme Frauen“ in deutschen Fernsehproduktionen in Erscheinung treten, dann als vorrangig als Nonnen oder Pastoren-Gattinnen – wie zum Beispiel in der Familienserie „Um Himmels Willen“ oder dem TV-Drama „Die Versuchung“.

Die Serie „Um Himmels Willen“ handelt von einer kleinen Gruppe Schwestern unterschiedlichen Alters – von der Novizin bis zur Oberin -, die in einem Kloster einer Kleinstadt leben. In diesem Kleinstadtleben spielen sie eine nicht geringe Rolle. Bemerkenswert sind an dieser inszenatorisch widersprüchlich gestalteten Serie,

  • dass die Frauen als eine kleine abgeschlossene Gesellschaft in sich gestaltet sind (auch durch den Stil der Inszenierung), und
  • dass sie als Schutzengel für männliche Bekannte fungieren.

Zentraler Charakter des Dramas „Die Versuchung“ (R: B. Fürneisen) ist die Gattin eines Pastors und Mutter zweier fast erwachsener Kinder in einer idyllischen Kleinstadt. In beiden Fällen handelt es sich um genrespezifische Umsetzungen von Rollenzuschreibungen, deren Wurzeln sich bereits im Heimatfilm der 50er Jahre finden.

Der deutsche Kinofilm „Blue Print“ (R: R.Schübel) steht als Modell für die zum Scheitern verurteilte Vermessenheit der Frau, sich selbst zu duplizieren und gottgleich in die Natur einzugreifen.

Dieser Kinofilm und mit den bereits genannten vergleichbare Fernsehproduktionen wären nach folgenden Fragestellungen zu untersuchen:

  • Darstellung der jeweiligen Rollenzuschreibung (wie zum Beispiel im Fall der Pastoren-Gattin, die als Frauen und Mutter mehr Fehler hat und begeht als der Mann und auch seine religiöse Demut nie erreichen wird)
  • Als Braut Christi ist die Frau ein nahezu gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft und übernimmt viele verantwortungsvolle Tätigkeiten (in Relation zu den in ihrem Umfeld auftretenden Frauen)
  • Wenn Frauen aus der ihnen zugewiesenen Ebene in die der prominentere der Männer aufzurücken versuchen, begehen sie verhängnisvolle Fehler, die sich dann wieder gegen sie wenden und ihr aufstreben nachträglich sinnlos machen (Blueprint; wie wäre der Stoff von einer Frau inszeniert worden? Gäbe es eine zweite Lesart?)

Durchführen würde ich die Untersuchung als dramaturgische Analyse der Filme unter Berücksichtigung der ihnen inne wohnenden „impliziten Dramaturgie“ (R.Rohmer). Eine der hierbei ebenfalls interessierenden Fragestellungen ist, ob dies eine kontinuierliche Darstellung im bundesdeutschen Fernsehen und Kino darstellt oder von bestimmten gesellschaftspolitischen Gegebenheiten abhängig epidemisch auftritt.

Nicht zu unterschätzen ist die Frage, ob diese Filme von Frauen oder Männern inszeniert wurden. In ausgewählten Fällen würde ich das Drehbuch auf eine andere Interpretationsmöglichkeit hin gegenlesen.

Ergänzend möchte ich anmerken, dass in den sich starken Publikumsinteresses erfreuenden Krimi-Serien – von „Tatort“ über „Die Kommissarin“ oder „Mord ist ihr Hobby“ – die fern jeder Religion lebenden Frauen die traditionellen Rollenzuschreibungen mit Charme und Selbstbewusstsein außer Kraft setzen. Dies wäre als Referenz zu den o.g. Filmen in Beziehung zu setzen und im Kontext programmpolitischer wie zielgruppenspezifischer Richtlinien der jeweiligen Sender in Relation zu setzen.