„Bewußt-tun“ und „lebendig-sein“ Christine Lavant und die Religion

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Abstract

Contributor: Dr. Annette Steinsiek, Dr. Ursula Schneider, Universität Innsbruck

Welcher Respekt läßt sich einem Glaubenssystem entgegenbringen, dessen Vertreter alle unehelich geborenen Mädchen und Jungen des Tales auf auffällige Einheitsnamen („Zita“ und „Napoleon“) tauft und damit für ihr Leben stigmatisiert? Christine Lavant schildert in ihrer Erzählung Das Wechselbälgchen einen solchen Pfarrer. In der Erzählung Das Kind wird eindrücklich klar, mit welchen Grausamkeiten der Katechismus der katholischen Kirche Kinderseelen prägt. In vielen Gedichten finden sich Anklagen gegen einen Gott, in einem Fall ein „Herr“, der „sich stellvertreten ließ“ und „versponnen bei den ganz Vertrauten“ sitzt, und den das Elend des gewaltsamen Todes einer Hündin gar nicht interessiert. (Kreuzzertretung! – Eine Hündin heult …) Christine Lavants Kritik an den (männlichen) Machtstrukturen, innerhalb derer oder mithilfe derer Religion funktioniert, zeigt sich aber auch im Hinblick auf andere Glaubensrichtungen. Die Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus etwa schildern in der Figur des Anus – „diese[n] vernarrte[n] Buddha-Anhänger“ – einen Mann, der sich von seiner Frau ernähren und bedienen läßt, und der meint, sie sei an ihrer vielen Arbeit „selbst schuld, denn sie verstünde es eben nicht, alles so einzuteilen, daß auch für die eigene innere Erbauung noch Zeit bliebe.“

Christine Lavant selbst blieb – wie wir jetzt aus den noch unveröffentlichten Briefen ersehen können – ihr Leben lang auf der Suche nach der Balance zwischen innerem Frieden, helfender Auseinandersetzung mit den Menschen in ihrer Umgebung, mystischem Erleben und intellektueller Skepsis. Schon in der Jugendzeit hatte sie anthroposophische, buddhistische, esoterische Literatur gelesen, angeregt wohl durch ihre damit beschäftigten Schwäger (einer davon Vorbild für die o.e. Figur des „Anus“). Sie war keine religiöse, sondern eine spirituelle Frau, manchmal auch „nur“ eine Frau mit starker Sehnsucht nach Spiritualität. Ihre persönlichen Bedürfnisse bestimmten die Wahl der Lektüre – ihr Eklektizismus war vorurteilsfrei. Wir finden Jakob Böhme neben populären Okkultisten, Isaak Lurija neben Gurdjeff, das Tibetanische Totenbuch neben Martin Buber und Hildegard von Bingen. Theologische Ansprüche waren ihr egal, echte Glaubens- und Berufungsprobleme, mit denen vielfach Personen zu ihr kamen, nahm sie ernst.

Ihre lebendige intellektuelle und literarische Auseinandersetzung mit Glaubenssystemen und spirituellen Angeboten zeichnen sie als Person, die weit von dem Bild der Rezeption entfernt ist: keine Spur von „pathologische[r] Glaubenshaltung“ (Werner Kraft 1964) oder von katholischer Lyrik, eine Rezeption, wie sie Ludwig Ficker (Trakl-Preis-Rede, 1964), vielleicht sogar unfreiwillig, begründete. Der Vortrag greift auf unveröffentlichte Quellen des „Kommentierten Gesamtbriefwechsel Christine Lavants“ zurück, den Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider herausgeben. Steinsiek und Schneider arbeiten auch an der Kritischen Ausgabe der Werke Christine Lavants (Otto Müller Verlag) mit.

Für Informationen zu den Autorinnen s. http://brenner-archiv.uibk.ac.at – MitarbeiterInnen bzw. Projekte