Das Mädchen auf dem Opfertisch. Genderkonstrukte im Armen Heinrich Hartmanns von Aue

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Abstract

Contributor: Dr. Ralf Schlechtweg-Jahn, Universität Bayreuth

Der von Gott mit der Lepra infizierte Adlige Heinrich kann, so setzen es ihm die Ärzte auseinander, seine Gesundheit nur durch jungfräuliches Blut, freiwillig geopfert, zurückgewinnen. Und gegen alle Wahrscheinlichkeit findet sich auch ein bereitwilliges Opfer, die Tochter eines der Bauern Heinrichs. Das Mädchen liegt bereits nackt auf dem Opfertisch gefesselt, als Heinrich einen Blick durch ein Loch in der Wand auf das Mädchen werfen kann, und im letzten Moment beschließt, auf das Opfer zu verzichten, und seine Krankheit zu akzeptieren. Wenig später befreit ihn Gott von der Lepra, es wird geheiratet, und Heinrich wie auch seine Frau erringen das ewige Leben.

Was diese legendarische Geschichte so außergewöhnlich macht, ist vor allem ihre Verbindung zweier Diskurse, eines höfischen und eines theologischen, die beide nur bedingt kompatibel sind. Dies zeigt sich besonders deutlich in den Genderkonstrukten des Textes, die widersprüchlicher kaum sein könnten. Meine leitende Frage soll sein, weshalb Heinrich auf die Opferung des Mädchens verzichtet, oder konkreter: was genau sieht er eigentlich, wenn er das Mädchen auf dem Opfertisch betrachtet?

Bemerkenswerterweise erfährt man darüber gar nichts, der Text produziert hier eine Leerstelle. Ich denke, daß dies nicht einfach nur ein Problem des modernen Interpreten ist, sondern die fehlende Begründung auch in der mittelalterlichen Rezeption als Leerstelle wahrgenommen werden konnte.

Aus einer höfischen Sicht ist das Mädchen vor allem schön. Der Blick des adligen Mannes erschafft sich in dieser Perspektive eine adlige Frau, der nach den Regeln höfischer Kultur unmöglich Gewalt angetan werden kann. Was die Sache allerdings kompliziert, ist die bäuerliche Herkunft des Mädchens. Die höfische Füllung der Leerstelle wäre dann eine weitere Begründung, warum Heinrich das Mädchen überhaupt, unter Stand, heiraten kann: ‚eigentlich‘ ist sie eine Adlige. In höfischer Perspektive reicht das sehen der ‚Frau‘ nicht aus, es muß eine adlige Frau sein.

Die Leerstelle im Text läßt sich aber auch aus einem theologischen Diskurs heraus füllen. Dann sieht Heinrich streng genommen gar kein geschlechtliches Wesen, sondern vor allem die Bereitschaft zur imitatio christi, und damit einen im theologischen Sinne reinen Körper. Die Schönheit des Mädchens ist eine spirituelle, die sich im schönen Körper niederschlägt. Dies wird nahegelegt durch einen anschließenden Blick Heinrichs auf seinen eigenen, von Lepra zerfressenen Körper, der allerdings ebenso unkommentiert bleibt.

Für den modernen Leser wohl unabweislich sind sexuelle Konnotationen angesichts der uns heute voyeuristisch erscheinenden Blicksituation: Ein ‚Mann‘ sieht eine ‚Frau‘, und sogleich verhindert sein Begehren ihre Opferung. Allerdings kann man dies nicht so umstandslos auch für das Mittelalter unterstellen. Zwar waren sexuelle Aspekte integraler Bestandteil des mittelalterlichen höfischen wie auch des theologischen Diskurses, gehorchten aber noch keinem allgemein gültigen ‚Sexualitätsdipositiv‘. ‚Sex‘ in diesem allgemeinen Sinn hat es im Mittelalter genausowenig gegeben wie ‚Männer‘ oder ‚Frauen‘.

Es gibt, so muß man wohl folgern, keine genderspezifischen Repräsentationen von Religiosität in Hartmanns „Armen Heinrich“, weil es gar keine voraussetzbaren, allgemein gültigen Geschlechtsidentäten gibt. Höfischer und religiöser Diskurs produzieren eigene Geschlechterbilder, die sich bei Hartmann komplex und widersprüchlich überlagern. Die Geschlechterbilder mittelalterlicher Diskurse, die solange recht gut funktionieren, wie sie im Rahmen ihrer Diskurse bleiben, werden zum Problem, wenn sie in einem Text miteinander konfrontiert werden. Für die Unvermittelbarkeit der Diskurse hat Hartmann letztlich nur eine ‚Lösung‘: nach einem letzten, wütenden Protest des Mädchens gegen ihre verhinderte Opferung sagt sie kein einziges Wort mehr.