Zwischen den Welten. Die poetischen Passagen der Dichterinnen Rayzl Zychlinski und Kadye Molodovsky zwischen Osteuropa und Amerika

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Abstract

Contributor: Dr. Christina Pareigis, Zentrum für Literaturforschung Berlin

Das Sujet des Referate stellen Lyrik und Prosatexte der jiddischen Dichterinnen Kadye Molodovsky und Rayzl Zychlinski. Im Angesicht der Shoah emigrieren beide in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts von Warschau nach New York: Molodovsky wenige Jahre vor Beginn der Okkupation Polens durch die deutschen Nationalsozialisten, die andere nach 1945. Im Mittelpunkt des Beitrages stehen soll ihre Poesie, die entstanden ist aus der unmittelbaren Erfahrung der osteuropäischen jüdischen und jiddischen Emigrantin.

Ihre in der Textforschung nahezu ignorierten Texte eröffnen vielfältige Fragen in Hinsicht auf Differenz- und Schwellenerfahrung: religiös-kulturelle wie sprachliche Differenzen und Barrieren zwischen Jüdinnen und Nichtjuden in Osteuropa und Nordamerika, sexuelle Differenz innerhalb jüdischen Lebens in Osteuropa und in Amerika und Phänomene des Übergangs von einer Lebenswelt in die andere. Zwar ist die Differenz zwischen den Traditionen jüdischer US-Einwanderer und der Kultur ihres neuen Lebensraums ein viel untersuchtes Gebiet, die Frage nach der Rolle sexueller Differenz bleibt jedoch in den meisten Überblicksdarstellungen weitgehend unbeachtet. Dafür ruht der Forscherblick meist auf dem männlichen Einwandererschicksal, während das weibliche nur am Rande erwähnt wird. Die ostjüdischen Frauen sehen sich mit der Notwendigkeit der Konstruktion neuer Identitäten konfrontiert, die nicht nur eine Auseinandersetzung mit der fremden Kultur beinhaltet, sondern auch die Suche nach Orten in dem in Bewegung geratenen System der Geschlechterverhältnisse innerhalb der eigenen Kultur. Die verbreitete Formel von der doppelten Alterität der Immigrantin – als Frau und als Teil einer anderen ethnischen Gruppe – scheint erstarrt angesichts der wechselnden und neue Alliancen, die alte Differenzierungen aufheben, vertikal zu den bestehenden verlaufen und in unauflösbaren Binnenspannungen zueinander stehen.

Molodovsky kommt 1894 in Bereza-Kartuska (Polen) zur Welt, erhält eine traditionelle jüdische Erziehung, absolviert das Hebräische Lehrerseminar in Warschau. Ihr Debüt im Jahr 1920 bildet den Auftakt für ein literarisches Lebenswerk angefüllt mit Romanen, Essays, Dramen, Kinderliteratur und vor allem Lyrik. In ihm findet sich eine enge Verbindung von jüdischer Tradition und säkularer Yiddishkayt, in der sich die Erfahrung jüdischer Armut und antisemitischen Terrors verarbeiten, aber auch die Sehnsüchte und Kämpfe jüdischer Frauen auf der Schwelle der Emanzipation und der Loslösung vom orthodoxem Herkunftsmilieu. Wegen ihrer politischen Aktivitäten im sozialistischen „Bund“ wird sie in Polen verfolgt, die Emigration 1935 in die USA ist ihr einziger Ausweg. Die Erfahrung der osteuropäischen jüdischen Emigrantin gräbt Spuren in ihr poetisches Werk. Es akzentuiert die Schwellen-Situation der Einwanderer, den Druck der Schmelztiegelgesellschaft – und vor allem immer wieder Sprache als Trägerin von Tradition und Identität, die Wechselwirkung zwischen Sprache und Macht und Jiddisch als ostjüdisches „Sprachgedächtnis“. Die Anzeichen des Verlustes jenes Gedächtnisses durch die Differenzen absorbierende amerikanische Gesellschaftssituation, konstituieren ab jetzt ein Zentralmotiv ihrer Dichtung. Zachor! – die in der jüdisch-religiösen Tradition gründende Aufforderung sich zu erinnern – in ihrer Dichtung der 30iger Jahre, gilt dem Gedenken eines seiner geographischen Herkunft entrissenen kulturellen und sprachlichen Gedächtnisses, noch bevor ein Bewusstsein der drohenden Vernichtung des gesamten Sprecherkörpers am geographischen Ort jener Herkunft den Imperativ in ihrer Poesie formen konnte.

Die aufgeworfenen Fragestellungen sollen zudem entlang ausgewählter Lyriktexte der ebenfalls jiddischschreibenden Dichterin Rayzl Zychlinski debattiert werden. Wie Molodowsky wuchs Zychlinski in Polen auf und ähnlich wie diese führte sie eine säkulare intellektuelle Ausbildung aus dem orthodoxem Milieu heraus direkt auf die Bühnen der jiddisch-literarischen Avantgarde im Polen der 30er Jahre. Sie überlebt die Shoah in der Sowjetunion und emigriert zu Beginn der 50er Jahre ebenfalls nach New York. Auch ihre Dichtung verarbeitet auf vielschichtige Weise die oben skizzierten Probleme beim Aufeinanderprall der Sprach- und Kulturräume.