So mac er ouch die lute wol / Vorwandelen, als hie ist geschen … Momente ‚weiblich‘ markierter ‚Männlichkeit‘ in ausgewählten deutschsprachigen Heiligenlegenden des 13. Jahrhunderts

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Abstract

Contri2butor: Andrea Moshövel, Universität Oldenburg

In der germanistisch-mediävistischen gender-Forschung haben die relativ zahlreichen deutschsprachigen Legenden transvestischer weiblicher Heiliger verstärkte Beachtung gefunden. Dies mag zum einen damit zusammenhängen, daß hier auf den ersten Blick Geschlechterdifferenz relativ leicht durchschaubar als moralische Auf- und Abwärtsbewegung auf einer geschlechterhierarchischen Skala formuliert wird, indem die männliche Verkleidung der jeweiligen Heiligen als Inszenierung eines moralischen Aufstiegs zur ‚Männlichkeit‘ erscheint, der die Überwindung von ‚Weiblichkeit‘ und Sexualität voraussetzt. Zum anderen sind weibliche transvestische Heiligenlegenden jedoch auch deshalb von Interesse, weil sich die einzelnen Versionen, wie Brigitte Spreitzer gezeigt hat, durchaus einer „dekonstruktiven Lektüre“ öffnen, „die die rhetorische Verfasstheit der Kategorien ‚Frau‘ und ‚Mann‘ lesbar macht.“1 In diesem Zusammenhang sind nicht zuletzt auch die thematisch dominierenden Momente von Körperlichkeit und Sexualität bzw. deren Überwindung auffällig, die als inhaltliche Merkmale für die Gattung konstitutiv zu sein scheinen.2

Im geplanten Papier möchte ich jedoch weniger die unter gender-theoretischen Fragestellungen bereits relativ gut untersuchten transvestischen weiblichen Heiligenlegenden in den Blick nehmen als mich vielmehr auf eine gender-theoretisch inspirierte Analyse zweier Legenden des 13. Jahrhunderts konzentrieren, in denen die Übernahme von Frauenkleidung durch Männer eine wichtige Rolle spielt, nämlich die Hieronymus-Legende und die Legende von der ‚Antiochischen Jungfrau‘.3 Das Motiv des als Frau ge- oder verkleideten Mannes scheint in der Legendendichtung nicht nur weniger beachtet, sondern auch weitaus seltener zu sein als das Motiv der als Mann/Mönch verkleideten Frau. Zudem hat es offensichtlich auch andere Funktionen.

Um einen vertieften Einblick in die Geschlechterkonstruktionen in den beiden ausgewählten Legenden zu bekommen, der zugleich als Hintergrund für die Abgrenzung möglicher poetologischer Funktionen einer Inszenierung weiblich markierter Männlichkeit in der Legende fungieren kann, sollen für die Analyse einige Aussagen zu ‚Effemination‘ aus Thomas von Aquins Summa Theologiae herangezogen werden. Thomas kann insofern als Repräsentant des klerikal-theologischen Geschlechterdiskurses des 13. Jahrhunderts gelten, als er in der Tradition verbleibend die herrschende geschlechterhierarchische Auffassung von weiblicher Inferiorität auf ein theologisches Fundament stellt, das über verschiedene Begründungszusammenhänge die Superiorität des Mannes und damit die hierarchische Struktur des Geschlechterverhältnisses reflektiert und affirmiert.

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  1. Brigitte Spreitzer: Störfälle. Zur Konstruktion, Destruktion und Rekonstruktion von Geschlechterdifferenz(en) im Mittelalter. In: Manlîchiu wîp, wîplîch man. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hg. von Ingrid Bennewitz/Helmut Tervooren. Berlin 1999 (= Beihefte zur ZfdPh 9), S. 249-263, hier: S. 262.
  2. Vgl. hierzu Ingrid Kasten: Gender und Legende. Zur Konstruktion des heiligen Körpers. In: Genderdiskurse und Körperbilder im Mittelalter. Eine Bilanzierung nach Butler und Laqueur. Hg. von Ingrid Bennwitz / Ingrid Kasten. Münster 2001 (= Bamberger Studien zum Mittelalter), S. 199-219.
  3. ‚Von Sante Ieronimo‘. In: Das Passional. Eine Legenden-Sammlung des 13. Jahrhunderts. Hg. von Fr. Karl Köpke. Quedlinburg und Leipzig 1852 (= Bibliothek der gesamten deutschen National-Literatur 32). Nachdruck Amsterdam 1966, S. 505-514; ‚Die Jungfrau von Antiochia‘. In: Das Väterbuch aus der Leipziger, Hildesheimer und Strassburger Handschrift. Hg. von Karl Reissenberger. 2., unveränd. Aufl. Dublin, Zürich 1967, vv. 36231-36662.