Sacher-Masochs Traum vom blutig schönen Tod des Holofernes

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Abstract

Contributor: PD Dr. Marion Kobelt-Groch, Universität Hamburg

Wenn einer Mut zur Öffnung des Käfigs hatte, dann der Historiker und Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (1836 – 1895). Er war ein Vielschreiber, der sowohl Glanzvolles als auch höchst Mäßiges zu Papier brachte. Aber letztlich dürften nicht die qualitativen Tiefen dafür verantwortlich sein, dass der einst Vielgelesene im literarischen Abseits landete, sondern seine als krankhaft “masochistisch” abgestempelte Vorliebe für dominante Frauen, die sich in Scharen durch sein Werk prügeln und morden. Ihre “Opfer” sind zumeist Männer besonderer Art, die gewalttätige Frauen nicht fürchten, sondern lieben. Je brutaler, desto besser. Selbst der Tod durch die Hand einer Frau wird zum süßen, lustvollen Ereignis stilisiert, zum Gipfel höchster Wollust.

„Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith und beneidete den grimmigen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das ihm den Kopf herunterhieb, und um sein blutig schönes Ende.“ Dieser Satz ist Leopold von Sacher-Masochs berühmter Novelle „Venus im Pelz“ entnommen. Sacher-Masoch liebte die biblische Heldin wie kaum eine andere Frauengestalt. Judith ist das schöne Weib seiner Jugendträume, das kaltblütig mordend dem Manne Lust schenkt. Ob es sich um Anspielungen und flüchtige Erwähnungen handelt oder das ganze biblische Geschehen in Erinnerung gerufen und literarisch neu beseelt wird, es gibt mehrere Gründe, warum Sacher-Masoch an der alttestamentlichen Befreiungs- und Mordgeschichte nachhaltig festhielt. Entscheidend war vor allem, in Judith eine Frauengestalt nach seinem Geschmack gefunden zu haben. Dass die biblische Heldin in der ursprünglichen Version des Geschehens gerade nicht skrupellos ans Werk ging und Gottes Beistand bedurfte, interessierte Sacher-Masoch nicht. Er entdeckte andere Züge an ihr, die er so lange kultivierte, bis sich die tugendhafte Gottesstreiterin in jenes grausame Weib verwandelt hatte, das er in seinem Werk immer wieder beschwor. Aber das ist noch nicht alles, Judith hatte mehr zu bieten. Als eine Gestalt aus mythischer Ferne kam sie Sacher-Masochs historischem Interesse entgegen, der mit Vorliebe auf Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit zurückgriff. Noch interessanter wurde die Sache dadurch, dass der Stoff samt Heldin der jüdischen Lebens- und Glaubenswelt entstammte, für die Sacher-Masoch im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen nicht nur Verständnis, sondern sogar tiefe Bewunderung hegte.

Sacher-Masoch ist oft vorgeworfen worden, schablonenhaft und mit stereotypen Wiederholungen gearbeitet zu haben, was auch für seine Frauengestalten gelte, die in ihrer Vielfalt den masochistischen Mythos zwar bunt und phantasievoll ausfüllen, letztlich aber ihres Gehaltes beraubt, zu „leeren Formen“ verkommen (Monika Treut). Dass dieses Urteil nur bedingt zutrifft, lässt sich am Umgang mit Judith belegen, die als ausgesprochen phantasievolle und variantenreiche „grausame Frau“ in Sacher-Masochs Werk fortlebt. Die Spannbreite ihrer Präsentation reicht vom sexuellen Bekenntnis und flüchtigen Treffen auf einem belebten galizischen Markt bis zum Versuch, die alttestamentliche Heldin in eine andere historische Wirklichkeit zu transferieren oder sie als erotische Erinnerung in der Gedankenwelt eines pensionierten Leutnants fortleben zu lassen, womit längst noch nicht alle Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschöpft wären. Möglich wurde dieser kreative Umgang mit historischen und mythischen Frauengestalten wie Judith vor allem dadurch, dass Sacher-Masoch die weibliche Urgestalt im Kontext des einstigen Geschehens respektlos deformierte und zerstörte, um dann aus den Trümmern ein neues literarisches Individuum entstehen zu lassen. Mag Judith sich in allen von ihm geschaffenen Variationen auch an die biblische Heldin anlehnen, so hat sie doch im Detail nur wenig mit der demütigen Gottesstreiterin und ihrer hehren Mission gemein. Individuell und ganz nach seinem persönlichen Geschmack gestaltet, ist Sacher-Masochs Judith in allen Erscheinungsformen eine Neuschöpfung, die zwar dem mythischen Hintergrund verpflichtet bleibt, sich jedoch in ihrem Denken und Handeln von ihm entfremdet und emanzipiert hat. Zu ergründen bleibt dennoch, warum Sacher-Masoch seine Judith gerade so und nicht anders gestaltet hat, als „grausame Frau“ und „weibliche Bestie“. Die Erklärung, dass Sacher-Masoch Masochist gewesen sei und sich in seiner literarischen Welt sexuell eingerichtet habe, hilft weiter, reicht jedoch nicht aus. Über den zu klärenden Begriff des „Masochismus“ hinaus, müssen Sacher-Masochs weniger bekannte Überlegungen zur Mann-Frau-Beziehung in die Betrachtung einbezogen werden, aber auch die persönlichen Lebensumstände und der Zeitgeschmack. Schließlich wäre das Fin de Siècle ohne seine männermordenden kalten Schönen und ihr schauriges Vernichtungswerk kaum denkbar.