Reformation als Culture Clash. Geschlechterrollen als Kulturtechnik alt- und neugläubiger Nonnen in der Reformationszeit

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Abstract

Contributor: Susanne Knackmuß, Freie Universität Berlin

Noch 1902 schrieb Rainer Maria Rilke „Ich will ein Kloster gründen, denn die Zelle ist ja der dunkle Anfang aller Dinge. Ich will ein Kloster bauen für Geringe, die sich nicht brüsten mit der neuen Zeit…“.

Beim Zusammenprall von evangelischem und katholischem Gedankengut in der Frühzeit der Reformation dachte niemand an Kloster(neu)gründungen. Eine neue klosterfeindliche Zeit war angebrochen. Durch die evangelische Infragestellung des Klosterlebens und der Werkgerechtigkeit gerieten die Frauenklöster und ihre Bewohnerinnen in eine Existenz- und Identitätskrise, die zudem geschlechtsspezifisch geprägt war, da sich innerhalb des evangelischen Lagers -außer durch die Heirat eines evangelischen Predigers- keine Chance auf eine herausgehobene spirituelle oder religiöse Position, wie sie die weiblichen Ordenleute, obwohl sie kirchenrechtlich Laiinnen geblieben waren, innegehabt hatten, bot.

Das Kloster, daß manchen Nonnen Freiraum für Religion, Bildung und Kultur, anderen „Käfig“ und „Gefängnis“ gewesen war, bekam durchlässige Mauern. Austritte waren möglich, zumal wenn sie durch evangelische Stadt- und Landesherren befördert wurden, führten aber kirchenrechtlich zu Exkommunikation. Geographische und politische Gebilde wurden im Verlaufe des 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum geschlechtergeschichtlich kulturell und konfessionell konnotiert – sie waren katholisch, wenn es Nonnen und Frauenklöster gab, oder -bei der Existenz weniger evangelischer Damenstifte und dem Verbot von Männerklöstern- evangelisch.

In meinem Beitrag möchte ich mich einerseits mit dem Selbstbild und der Selbstthematisierung der Nonnen beschäftigen, die ihren „Käfig“ freiwillig verließen und in die Welt zurückkehrten. Die Klostersozialisation führte bei diesen ehemaligen Nonnen (zeitgenössisch ausgelaufenen Nonnen) zu einem religiösen culture clash.

Deshalb soll z.B. eine Nürnberger Nonne vorgestellt werden, die nach kurzer Zeit in der Freiheit wieder in ihren geschützten Käfig, hinter die Klostermauern zurückkehrte. Die ehemalige Braut Christi mußte vor dieser Rückkehr noch ihre in der Welt geschlossene Ehe, die sie nun als Werk des Teufels empfand, scheiden lassen. Galt hier das Diktum Kierkegards „Wer der Dialektik des Lebens nicht gewachsen ist, geht ins Kloster…“?

Anderseits möchte ich Nonnen vorstellen, die hinter dem Schutz der Klostermauern die reformatorischen Auswirkungen zu spüren bekamen und auch diesen abgemilderten Zusammenprall mit den Forderungen der Reformation als culture clash empfanden. Wie überwanden sie ihre Identitätskrise, fanden oder bewahrten in der Konventsgemeinschaft ein positives Selbstwertgefühl?

Um eine Kontextualisierung vorzunehmen und einen Fremdblick zu gewinnen, werden abschließend evangelische Flugschriften ausgewertet, die neugläubige Prediger und evangelische Verwandte der Nonnen, dazu befähigen sollten, die „Gewissensnöte der halsstarrigen Klosterfrauen“ ernst zu nehmen und aufzuheben, um somit den nun kulturell geforderten Klosteraustritt zu ermöglichen.

Flugschriften thematisieren auch die spezifischen Gebräuche und Handlungen der ehemaligen Nonnen, die in ihrer evangelischen Umwelt auf Unwillen und Unverständnis stiessen. Deshalb wurde in ihnen der Versuch unternommen, diesen gewesenen Nonnen korrektes geschlechtsspezifisches Rollenverhalten in ihrer neugläubigen Umwelt quasi als Kulturtechnik beizubringen. Zeitgenössiche Vorstellungen über traditionelle und ausgelaufene Nonnen sind so belegbar.